Berlinale 2014: Filmstill "Aimer, boire et chanter | Life of Riley" mit Caroline Silhol und Michel Vuillermoz (Quelle: berlinale.de/Copyright: A. Borrel)

"Aimer, Boire et Chanter" | Wettbewerb - So jung kommen wir nicht mehr zusammen

Alain Resnais war schon immer der sanfte Rebell des europäischen Kinos - und der heute 91 Jahre alte Regisseur denkt gar nicht daran aufzuhören. Im Wettbewerb zeigt er seine neuste Ayckbourn-Verfilmung "Aimer, boire et chanter". Eine Feier des Lebens und der Unvollkommenheit des Menschen. Von Patrick Wellinski

Sein letzter Film hatte den vielsagenden Titel "Ihr werdet euch noch wundern" und war eine sehnsüchtige Hymne auf die Freundschaft, aber auch ein würdevoller Abschied von all seinen Lieblingsdarstellern. Nicht wenige dachten daher, der 1922 geborene Alain Resnais, würde sich nun zur Ruhe setzen. Doch für einen Künstler wie ihn gibt es keinen Ruhestand. Und deshalb setzte er sich an den nächsten Stoff, das Theaterstück "The Life of Riley“ des britischen Dramatikers Alan Ayckbourne. Dessen Boulevard-Komödien hatte Resnais bereits 1993 mit "Smoking / No Smoking" und zuletzt 2006 mit "Herzen" verfilmt.

Auch sein neuer Film "Aimer, boire et chanter" beruht auf einer Roman-Vorlage von Ayckbourn: Darin erfahren die Mitglieder einer Amateurtheatergruppe, dass ihr enger Freund George Riley an Krebs erkrankt ist und keine sechs Monate mehr zu leben hat. Die Nachricht von seinem nahenden Tod, setzt in den Freunden verdrängte Sehnsüchte und vergessene Lebensentwürfe frei. Die Männer sinnieren über die Ungerechtigkeit des Todes, die einen so wunderbaren Menschen viel zu früh mit sich reißen wird. Die Frauen wiederum geraten zunehmend aneinander, weil jede von ihnen von George auf dessen letzte Urlaubsreise nach Teneriffa mitgenommen werden möchte.

Die Emotionen kochen hoch, während die Jahreszeiten an allen Beteiligten vorübergleiten und der schwer erkrankte George zwar immer Gesprächsthema ist, aber nie selbst in Erscheinung tritt.

Schickes Boulevardtheater

Resnais ist ein unberechenbarer Regisseur. Auch im hohen Alter ist er fähig sich zum Erneuerer des Kinos aufzuschwingen. Aber "Aimer, boirer et chanter" hat nicht den Atem dafür. Es ist ein kleines aber feines Nebenwerk in seinem mehrere Jahrzehnte umfassenden Œuvre. Und dennoch ist hier viel Schönes zu beobachten. So spielen alle Dialogszenen in einer vor Künstlichkeit nur so strotzenden Theaterkulisse.

Lange und breite Tapeten bilden Häuserfassaden, Anwesen, Gärten und Waldstücke. Dazu kommt eine Mischung aus echten Buchsbäumen, Plastikgestrüpp, Kunstrasen und auf Pappe geklebten Blumenarrangements. Wechselt Resnais die Szene, dann mit einer weichen Blende zu einer irischen Landschaft durch die ein weißes Auto fährt, um dann - ebenfalls mit einer weichen Blende - das jeweilige Haus mit einem Zoom entlang einer elegant gemalten Landkarte zu fixieren. Den Höhepunkt dieser Verspieltheit bildet eine Maulwurfpuppe, die sich völlig überraschend durch den Kunstrasen wühlt, um dreist ihre Zunge in die Kamera zu strecken.

Berlinale 2014: Alain Resnais, Regisseur "Aimer, boire et chanter | Life of Riley" (Quelle: berlinale.de/Copyright: A. Borrel)
91 Jahre alt und immer noch bei der Arbeit: Regisseur Resnais.

Oase der Freude und des Vergügens

Die hohe Künstlichkeit der Inszenierung hat bei Resnais seit jeher eine Funktion: In den theaterhaften Kulissen wirken seine Darsteller lebendiger und ihre emotionalen Irrfahrten realer als in einer herkömmlichen Inszenierung. Und das exzellente Ensemble nimmt diese Einladung dankend an. Sabine Azéma, André Doussollier, Hippolyte Girardot, Michel Vuillermoz und alle anderen spielen sich die Seele aus dem Leib. Das wundert nicht, schließlich geht es in diesem Welttheater um alles oder nichts: Die verprellte Liebe, die Angst vor der Einsamkeit im Alter, der Neid auf die Jugend, der Versuch einen Neuanfang zu wagen oder alte Wunden zu kitten – all das wird zum Versuch der Figuren, ihrem Schicksal zu entkommen. Sie suchen nach dem neuen, aufregenden Glück, dabei haben sie es gar nicht nötig.

In einem Wettbewerb, der bislang vor allem aus Leid und Tod, Flucht und Überlebenskampf bestand, ist Resnais' Film eine kleine Oase der Freude und des
Vergnügens. Auch weil er uns vor Augen führt, dass im Leben nur eines zählt: ganz Mensch zu sein. Und das heißt beim französischen Altmeister vor allem die ganze Palette der Emotionen bis zum letzten Tropfen auszuleben. Erst dann sind wir ganz bei uns.

Lieben, trinken und singen - mehr braucht es nicht. Ein schlichter, weiser Rat, eines schlichten und weisen Regisseurs. Bislang die ermutigendste Erkenntnis des Berlinale-Wettbewerbs.

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Beitrag von Patrick Wellinski

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