
"Historia del miedo" | Wettbewerb - Fingerübung über das Gefühl der Bedrohung
Ein Regiedebüt aus Argentinien ist am späten Sonntagabend in den Wettbewerb gestartet. Benjamin Naishtat untersucht in "Historia del miedo" die diffuse Angst, die das Denken in einer abgekoppelten Siedlung für Privilegierte bestimmt. Ähnlich diffus bleibt leider auch der Film. Von Fabian Wallmeier
"Test, Test", schallt es immer wieder aus dem Lautsprecher eines Hubschraubers, der über eine "gated community" gleitet. Die abgeriegelte Siedlung für Bessergestellte wird streng bewacht, doch etwas ist aus den Fugen geraten. Vereinzelte Feuer sind unten zu sehen, vor den Türen der Siedlung wird Müll verbrannt. Und nun funktioniert auch noch der Lautsprecher für die Durchsage nicht richtig.
"Historia del miedo" bedeutet "Geschichte der Angst" – und wenn der Film eines nicht hat, dann ist es eine Geschichte. Ein historischer Abriss ist er ebenso wenig. Vielmehr zeigt der junge argentinische Regisseur Benjamin Naishtat (Jahrgang 1986) in seinem Debüt eine Momentaufnahme der Angst in einer Gesellschaft, in der das ständige Gefühl der Bedrohung kurz davor ist, Überhand zu nehmen. Naishtat zeigt einige Mitglieder dieser Gesellschaft: Ein Mann spielt mit einem Jungen Fußball und wird von ihm als "Wichser" beschimpft. Ein Jugendlicher geht vor einer Fastfood-Theke in Zeitlupe in die Hocke, nimmt eine eigenartige Position ein und wird langsam von einem Sicherheitsmann abgeführt. Ein Uniformierter kontrolliert auf die Bitte zweier Jugendlicher ihr Haus, in dem die Alarmanlage tönt. Zwei Frauen stehen im Fahrstuhl, der kurz aussetzt und dann doch wieder weiter fährt. Ein nackter Mann taucht plötzlich vor dem Auto einer Frau und eines Jugendlichen auf, haut auf die Motorhaube und lässt sie dann doch ohne größeres Aufbegehren weiter fahren.
Wilde Hunde, nackte Männer
Mit anderen Worten: Es passiert im Grunde nichts. Situationen, die eine mögliche Gefährdung zeigen oder zumindest andeuten, lösen sich allesamt in Wohlgefallen auf. Doch die diffuse Angst der Menschen bleibt – auch wenn sie keinen klaren Grund hat. Und sie wächst.
Sie findet ihren Höhepunkt bei einer Grill-Party: Eine Frau erzählt von den Hunden, die immer wilder werden. Einer hat sie sogar in den Hintern gebissen. Eine andere Frau schließt direkt daran ihren Bericht von der Begegnung mit dem Nackten an. Keiner von den Menschen am Tisch würde es so explizit sagen, doch der Zusammenhang ist klar: Die Menschen draußen vor der Siedlung werden ebenso als gefährlich empfunden wie wilde Tiere. Dann geht das Licht aus, die Wachpatrouillen sind nicht auffindbar und die Stimmung droht zu kippen.

Unausgegorenes Debüt
Naishtat scheint nicht so recht zu wissen, wie er seine lose verbundenen Szenen zu einem Ganzen zusammenfügen soll. Vieles bleibt unklar, anderes wirkt redundant oder überzogen. Doch eine eigene Filmsprache ist im Ansatz erkennbar. Er arbeitet mit ruhiger Hand, wenigen Schnitten – und hat den Mut, Szenen stehen zu lassen. Eine Putzfrau saugt Staub, ihr wird schwindelig und sie setzt sich. Gefühlte Minuten lang sehen wir sie da ruhig sitzen, hören ein Telefon klingeln und den Staubsauger rauschen. Ähnlich lang ist der Zuschauer dem lauten Geheul der oben erwähnten Alarmanlage ausgesetzt. Draußen warten wortlos die Jugendlichen und starren auf das Haus, bis der Sicherheitsmann wieder heraus kommt und Entwarnung gibt.
"Test, Test" - das schallt nicht nur am Anfang aus den Lautsprechern, sondern auch der Regisseur scheint es zu rufen. Denn so richtig ausgegoren ist dieses Debüt nicht. Zu vage bleibt sein Thema, zu wahllos erscheint das Konglomerat seiner erzählerischen Mittel. Doch ein großer Stilwille, ein Gespür für Bildkomposition sind erkennbar. Naishtats Fingerübung wäre im Forum deutlich besser aufgehoben als im Wettbewerb, denn preiswürdig ist sein Film ganz sicher nicht. Aber ein Regisseur, den man im Auge behalten sollte, ist der Argentinier in jedem Fall.












