Wettbewerb: Kreuzweg | Stations of the Cross © Alexander Sass

"Kreuzweg" | Wettbewerb (ARD-Koproduktion) - Mariä Himmelfahrt

Ein junges Mädchen aus einer strenggläubigen Familie verliert sich in irrwitzigem religiösen Fundamentalismus - mit fatalen Folgen. In seinem Spielfilm "Kreuzweg“ erzählt Dietrich Brüggemann mit großer formaler Konsequenz von den Nöten einer Heranwachsenden, für die der Glaube zur Obsession wird. Von Ula Brunner

Ein Lehrer und seine Schüler um einen Tisch, eingefangen in einer statischen Bildkomposition, die nicht zufällig an Leonardo da Vincis "Abendmahl" erinnert – damit beginnt der Film. Es ist Firmunterricht. Ein Priester (Florian Stettner) erläutert die christlichen Lehren und was es mit dem Sakrament der Firmung auf sich hat. Er ist liebevoll, zugewandt, ein guter Lehrer. Die Schüler sind aufmerksam, wissbegierig – die eifrigste von ihnen ist die vierzehnjährige zarte Maria (Lea von Acken).

Lea van Acken spielt die verzweifelte Maria.

Rigides Glaubensdiktat

Ganze fünfzehn Minuten lang dauert diese erste unbewegte Einstellung des Films, in der wir die Protagonistin kennenlernen und die harschen Regeln ihrer Religion, denen sie ihr Leben unterwirft. Das strenge Glaubensdiktat spiegelt der Film in einer konsequenten formalen Gestaltung wider: In vierzehn Kapiteln, die den Leidensweg von Jesus Christus nachvollziehen, hat Regisseur Dietrich Brüggemann seinen Film aufgeteilt: "Jesus wird zum Tode verurteilt" – so heißt die Anfangssequenz. Dreizehn weitere Kreuzweg-Stationen werden folgen. Jede dieser Stationen besteht aus einer einzigen statischen Sequenz, ohne Zwischenschnitte – eine unbewegte Kamera, ein beobachtender Blick. Lassen wir uns darauf ein, ermöglicht sie auch unsere vollste Aufmerksamkeit für die Figuren, ohne durch Kamerabewegungen oder Montage abgelenkt zu werden.

Orthodoxes Leben

Marias Familie gehört zur (fiktiven) Gemeinschaft der "Petrus"-Bruderschaft, einer Vereinigung ultra-konservativer Katholiken. Ähnlich wie die reale Piusbruderschaft lehnen sie alle Reformen und Modernisierungen der Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er-Jahren ab. Die Gemeinde hält an den "ursprünglichen" Riten und Glaubensregeln fest. Für Maria, das wird an ihren Fragen, ihrer Ernsthaftigkeit klar, sind die Lehren ihrer Kirche mehr als leere Worte. Sie sind Richtlinien, Wegweiser, Gebote, die sie leben will – auch wenn sie ihr die Lust und den Spaß austreiben. Maria lernt, dass sie stets gegen das Böse und die Verführung kämpfen muss, die offenbar überall in einem Teenagerleben lauern: auf Facebook, in der "satanischen" Popmusik, im Tanzen. "Der Feind schleicht sich in Gestalt der Versuchung in unser Herz", erklärt ihnen der Pfarrer, sie müssten "Seelenretter werden", "Soldaten Jesu Christi". Man muss schon sehr gut zuhören, um hinter der oberflächlichen Logik seiner Worte auch ihre gefährliche Manipulationskraft zu erkennen.

Arbeitet mit statischen Bildkompositionen: Regisseur Brüggemann.

Schule und Glauben

Kein Wunder, dass Maria, die inbrünstig nach diesen Vorgaben leben will, von ihren Klassenkameraden verspottet wird. Lediglich in ihrem Mitschüler Christian (Moritz Knapp) und ihrem französischen Au-Pair-Mädchen Bernadette (Anna Brüggemann) findet sie etwas Verständnis und Unterstützung. In ihrer Familie hingegen führt ihre Mutter (Franziska Weisz) ein herrisches Regiment, das noch die zaghaftesten Selbstbestimmungsversuche der Tochter im Keim erstickt und sie geradezu in die religiöse Flucht hineintreibt: Maria steigert sich in die Idee hinein, ihren kleinen Bruder Johannes, der schon vier Jahre alt ist, aber kein Wort spricht, zu heilen, indem sie sich selbst opfert. Für eine Orientierung suchende vereinsamte Vierzehnjährige wie Maria bedeuten die Glaubensdogmen ihrer Kirche tatsächlich ihr Todesurteil.

Die letzte Station

Dietrich Brüggemann, der sich mit seinen beiden vorangegangenen Filmen "3 Zimmer/Küche/Bad" (2012) und "Renn, wenn du kannst" (2010) um die deutsche Beziehungskomödie verdient gemacht hat, erzählt mit seinem vierten Spielfilm eine vielschichtige Geschichte. "Kreuzweg" kann man auf vielfältige Weise interpretieren: als Psychogramm einer verkorksten Mutter-Tochter-Beziehung, als Ideologie- und Religionskritik, als Geschichte über ein junges Mädchen, das sich in eine religiöse Idee verrennt, vor allem jedoch als fatalistische Coming-of-Age-Story. "Der heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelebt" – das ist die letzte Station auf Marias Passionsweg. Und nur hier, wenn die Geschehnisse ihren unabwendbaren Verlauf genommen haben, durchbricht Brüggemann ein einziges Mal mit einem großzügigen Kameraschwenk die formale Strenge seiner Komposition.

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Beitrag von Ula Brunner

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