
"Nymphomaniac Vol 1" | Außer Konkurrenz - Zwischen Lust und Last
Sex-Skandal? Gar ein Pornofilm? In bewährter Manier provoziert Lars von Trier auch mit seinem neuen Film "Nymphomaniac", der vor einigen Wochen bereits in einer gekürzten Fassung zu sehen war. Auf der Berlinale lief nun erstmals die ungeschnittene Version. Kein Skandal und auch kein Porno, sondern schlicht ein großartiger Film. Von Andreas Kötzing
Wer viele Filme schaut, vergisst notgedrungen einige davon wieder. Selbst Filme, die man zwei- oder dreimal gesehen hat, verblassen nach einer gewissen Zeit. Bei den Filmen von Lars von Trier ist das völlig anders. Kein einziges seiner Werke kann man leicht vergessen und man verspürt selten den Drang, sie sich unbedingt noch ein zweites Mal anschauen zu müssen. Zu drastisch sind manche Bilder, zu schmerzhaft das Martyrium der (meist weiblichen) Hauptfiguren, zu beklemmend und depressiv ist die gesamte Atmosphäre. "Nymphomaniac Vol. 1" macht da keine Ausnahme.
Nymphomane Heldin
Am Anfang bleibt die Leinwand schwarz, quälend lange sogar, so als würde die Leere und die Dunkelheit des Kinos einen Vorgeschmack bieten auf das, was uns erwartet. Dann sehen wir eine Frau (Charlotte Gainsbourg) reglos auf der Straße liegen, mit verdreckter Kleidung und blutverschmiertem Gesicht. Ein älterer Mann (Stellan Skarsgard) eilt ihr zu Hilfe, nimmt sie mit zu sich nach Hause und kocht Tee für sie. Die Beiden kommen ins Gespräch. Die Frau wirkt ungewöhnlich ruhig, man spürt jedoch schnell ihre innere Zerrissenheit. In Rückblenden beichtet sie ihre halbe Lebensgeschichte (Vol. 2 folgt in einigen Monaten), die einer Selbstkasteiung gleicht: Sie ist sexbesessen, hat mit unzähligen Männern geschlafen und dabei andere Menschen verletzt und Familien zerstört. Schon als Teenager wettete sie mit einer Freundin darum, wem es auf einer Zugfahrt gelingen würde, mehr Männer zu vögeln. Später verkehrt sie mit so vielen Männern parallel, dass sie die Nachrichten auf dem eigenen Anrufbeantworter nicht mehr auseinander halten kann. Per Würfel entscheidet sie, beim wem sie sich zurückmeldet und bei wem nicht. Joe, so heißt die nymphomane Heldin, lebt mit ihrer Lust lange Zeit ohne größere Probleme. Zur Last wird die Sexsucht erst, als sie nach einigen Jahren zufällig Jerome (Shia LaBeouf) wiedertrifft - ihren ersten Sexpartner, in den sie sich jetzt verliebt.
Mehr als Sexsucht
Viele Regisseure hätte eine solche Story sensationslüstern ausgeschmückt und dabei das Bild einer kranken, bemitleidenswerten Frau gezeichnet. Und in der Tat geizt "Nymphomaniac" nicht mit Schauwerten, vor allem durch die expliziten Sexszenen, die schon für Furore sorgten, als im Netz die ersten Trailer des Films veröffentlich wurden. Wirklich skandalträchtig wirken sie im Film jedoch nicht. Sie gehören dazu, weil es schlicht verlogen wäre, einen Film über Nymphomanie zu drehen und dabei den Sex auszusparen. Dennoch ist der Film meilenweit von einem eindimensionalen Porno entfernt. Vordergründig mag "Nymphomaniac" eine Geschichte über eine sexbesessene Frau sein, dahinter verbirgt sich jedoch eine größere Sinnsuche nach der Moral menschlichen Handelns: Macht man sich schuldig, wenn man allein seinen Trieben folgt? Und wer entscheidet eigentlich darüber? Zudem verdichtet von Trier seinen Film durch religiöse Motive und Verweise auf die Literatur- und Filmgeschichte. Das Spektrum reicht dabei von Edgar Allen Poe über Ingmar Bergmann bis hin zu Johann Sebastian Bach, dessen polyphone Harmonielehre von Trier als Gestaltungsprinzip für den Film übernimmt. Bemerkenswert und eher ungewöhnlich für den dänischen Regisseur ist zudem der groteske Humor des Films. Wussten Sie zum Beispiel, dass die gesamte Länge aller Vorhäute, die jemals von menschlichen Penissen abgeschnitten wurden, so lang ist wie der Weg zum Mars und zurück?

Grandioses Debüt
Die eigentliche Sensation an "Nymphomaniac" ist jedoch das Schauspielerensemble. Neben Gainsbourg und Skarsgard sind unter anderem Christian Slater als Joes Vater und Uma Thurmann als eifersüchtige Ehefrau in bemerkenswerten Nebenrollen zu sehen. Mit Stacy Martin (23), die in den Rückblenden die junge Joe verkörpert, hat von Trier zudem eine grandiose Debüt-Schauspielerinnen entdeckt, die der zerbrechlichen Figur sehr viele Facetten verleiht. Oberflächliche Mimiken und Gesten braucht sie dafür nicht, im Gegenteil. Ihr ruhiges, manchmal fast regungsloses Gesicht verrrät mehr über seelische Qualen, als es Schreie oder Schläge tun könnten.















