Filmstill: '71 - Quelle: berlinale.de

"’71" | Wettbewerb - Was am Ende bleibt

1971 in Belfast: Der Nordirlandkonflikt eskaliert zum Bürgerkrieg - es herrscht blankes Chaos. Während einer Hausdurchsuchung wird ein junger englischer Soldat von seiner Einheit getrennt. Alleine in feindlichem Gebiet kämpft er eine lange Nacht lang um sein Leben. „71“ – eine bedrückende Geschichte über die Sinnlosigkeit des Krieges. Von Ula Brunner

Gute Filme über den Krieg sind immer auch Filme gegen den Krieg. Denn Filme funktionieren über Bilder und Bilder machen vertraut: Sie zeigen Schicksale – von Soldaten oder Zivilisten, von Feinden oder Alliierten. Damit geben sie der menschenverachtenden Anonymität des Krieges ein Gesicht, machen seine Totalität für uns überschaubar. In "‘71" ist es das junge Gesicht des Rekruten Gary Hook (Jack O’Connell), das uns durch diesen Film begleitet und nicht mehr loslässt – ein bisschen naiv zu Anfang, später voller Angst und Trauer. Gary Hook, von dem wir nicht viel mehr erfahren, als dass es da einen kleinen Jungen in England gibt, den er liebt. Vielleicht ist es sein Bruder, vielleicht sein Sohn, Regisseur Yann Demange lässt das offen.

Der Schauspieler Barry Keoghan (l-r), Schauspielerin Charlie Murphy, Schauspieler Jack O'Connell, Regisseur Yann Demange, und Schauspieler David Wilmot (Quelle: dpa)
Das Ensemble von "'71" stellte den Film am Freitagabend vor - mit dabei: Regisseur Yann Demange (2.v.r.)

Chaos in Belfast

Eigentlich ist Gary nur beim Militär, weil er von irgendetwas leben muss. Er hat gehofft, in der BRD stationiert zu werden und eine ruhige Kugel zu schieben. Doch genau das Gegenteil passiert. Seine Einheit wird nach Belfast abgerufen, wo sich der Konflikt zwischen englandtreuen nationalistischen Katholiken, den sogenannten "Paddies", und den unionistischen Protestanten immer mehr zuspitzt.

In der Stadt brodelt die Gewalt, zusätzlich angeheizt durch Straßengangs, Undercover-Agenten der englischen Armee und paramilitärischen Einheiten auf beiden Seiten. Die Situation wird selbst für die Militärs zunehmend unübersichtlicher, es herrscht das reinste Chaos, zumal die nationalistischen Katholiken einen unbarmherzigen Machtkampf in den eigenen Reihen austragen: Die IRA hat sich gespalten, die alten "Offiziellen" und die jüngeren radikalen Militaristen wetteifern um die Kontrolle der nationalistischen Gebiete.

Wut, Hass – eine albtraumhafte Nacht

Der erste Auftrag führt Gary zu einer Hausdurchsuchung in einem katholischen Bezirk. Während das Militär brutal einen Verdächtigen abführt, erhitzt sich die Situation auf der Straße immer mehr und gerät schließlich völlig außer Kontrolle. Plötzlich finden sich die Soldaten inmitten einer aufgebrachten Menge wieder. Schreie, Schläge, Schüsse fallen.

Eine schwankende Handkamera fängt die Wut und den Hass der Gesichter so eindringlich ein, dass sie sich spürbar auch auf das Publikum übertragen. Die Gewalt eskaliert, Garys Kamerad Thommo wird erschossen, er selbst zusammengeprügelt. Seine Einheit rückt hektisch ab – und lässt ihn zurück. In einer albtraumartigen Nacht muss sich Gary alleine durchschlagen. Ein Rennen um das nackte Leben beginnt.

Jeder gegen Jeden

In seinem ersten Spielfilm beweist Regisseur Yann Demange, der 1977 in Paris geboren wurde und in London aufwuchs, ein feines Gespür für Atmosphäre. Schwelender Hass, Paranoia, Misstrauen und Angst sind allgegenwärtig in "‘71", sie ersticken die Menschlichkeit. Molotowcocktails explodieren, Autos brennen, Häuserfassaden sind zerschossen.

Das ganze Gebiet, durch das sich Gary flüchtet, gleicht eher einer Kriegszone als einer Wohngegend. Ein Junge will ihm helfen und stirbt, als eine Bombe versehentlich hochgeht, ein anderer wird erschossen. Bilder, so eindringlich, dass sie sich in unser Gedächtnis brennen. Gary wird verfolgt von Katholiken, Protestanten und – vielleicht am schlimmsten für ihn – selbst von seinen eigenen Leuten: "Du bist nur ein Stück Fleisch für die" sagt ein Sanitäter, der ihm seine Wunden verbindet. Die Fronten verschieben sich, jeder scheint gegen jeden zu kämpfen. Gewalt ist hier der ganz normale Alltag.

Inhuman und sinnlos

In schlechten Kriegsfilmen werden Kämpfe und Gefechte zum patriotischen Abenteuerspielplatz. Die besseren Filme machen Grausamkeit deutlich, ohne dem Geschehen eine humane Bedeutung zu verleihen. "‘71" geht noch einen Schritt weiter – er stellt die Sinnhaftigkeit des Krieges grundsätzlich in Frage. Und er tut es auf eine beklemmende Weise, die uns nach dem Film mit der der unguten Gewissheit zurücklässt: Der Krieg ist immer ein teuflisches Metier. Und Gewalt bringt nur neue Gewalt hervor. Sonst nichts.

Bärenwürdig? - Das sagen die rbb-Kritiker

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