"American Hustle" (Quelle: Tobis)

Berlinale Special - Windhund mit Toupet – "American Hustle"

Ein durchtriebener Trickbetrüger zwischen zwei schönen Frauen und einem durchgeknallten FBI–Agenten – das kann ja nicht gut gehen. Oder etwa doch? Regisseur David O. Russell interpretiert mit einer wendigen Komödie einen großen US-amerikanischen Politskandal der späten siebziger Jahre auf amüsant-schräge Weise. Von Ula Brunner

Ein Mann und seine Frisur: Irving Rosenfeld (Christian Bale) steht vor einem Spiegel, in der linken Hand seinen Kamm, in der rechten sein Haarersatzteil. Routiniert und entschlossen rückt er der beginnenden Glatze zu Leibe. Es wird toupiert, gesprayt, geklebt, gekämmt, Volumen vorgetäuscht, wo längst schon kein Haar mehr wächst. Das Ergebnis seiner Bemühungen ist für Außenstehende nicht wirklich überzeugend – für Irv schon: Schein statt Sein.

In diesen wunderbar ironischen Anfangsminuten des Films hat David O. Russell die Essenz seiner Charaktere eingeschmolzen. Alle Figuren in "American Hustle" sind getrieben von dem unbedingten Wunsch mehr zu sein, als sie sind, und der Sehnsucht nach einem anderen, einem besseren Leben.

Was ist hier echt?

New Jersey, Ende der siebziger Jahre. Irv Rosenfeld, ein charismatischer, wenn auch etwas aus dem Leim gegangener Besitzer einer kleinen Reinigungskette, stockt seine Einkünfte gewohnheitsmäßig mit Kreditbetrügereien auf. Ideenreich münzt er Naivität und Geldnöte seiner Mitmenschen in Bargeld für sich um.

Die Geschäfte laufen gut und noch viel besser, als er sich mit seiner Geliebten Sidney Prosser (Amy Adams) zusammentut. Die abgebrannte Striptease-Tänzerin ist zwar verliebt in Irv, sieht ihn freilich aber auch als Türöffner für den sozialen Aufstieg. Allerdings ist Irv bereits mit Rosalyn (Jennifer Lawrence) verheiratet und will auf keinen Fall ihren kleinen Sohn im Stich lassen.

Doch zunächst geht alles nach Plan: Gemeinsam mit Sidney, die fortan als "Lady Edith Greensley" bei gutgläubigen Interessenten ihre Kontakte zu englischen Bankern durchscheinen lässt, ist es noch viel einfacher, den Dummen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Doch dann kommt ihnen der ehrgeizige FBI-Agent Richie (Bradley Cooper) auf die Schliche und in die Quere. Richie, der seine prächtige Lockenkrause einer damals auch bei Männern höchst beliebten Dauerwelle verdankt, will auch jenseits seiner Frisur aus dem Schatten einer Durchschnittsexistenz heraustreten. Und zwar um jeden Preis.

Never change a winning team

"American Hustle" ist in erster Linie ein Schauspielerfilm. Die abgedrehten Charaktere, die sich allesamt gegenseitig aufs Kreuz legen wollen, aber gleichzeitig auf Echtheit hinter der Fassade hoffen, sind die stärksten Trümpfe in dieser schrägen, wenn auch stellenweise langatmig geratenen Komödie. Ein im wahrsten Sinne des Wortes "unwiderstehliches" Gaunerpärchen geben Christian Bale als intriganter, aber nicht völlig moralloser Manipulator, und die bis zum Bauchnabel dekolletierte Amy Adams mit ihrem falschem Queen’s Englisch.

Und, wie heißt es doch: Never change a winning team. Das mag sich auch David O. Russell gedacht haben, als er einen kleinen, aber feinen Ensemble-Teil seiner mehrfach preisgekrönten Romanze "Silver Linings" (2012) in seinem neuen Film versammelt hat: Bradley Cooper (der sich als Richie gebärt wie ein Pudel nach einer Testosteron-Behandlung), Robert de Niro (in einer Nebenrolle als Mafioso) und natürlich Jennifer Lawrence als Hausfrauen(alb)traum Rosalyn. Lawrence, die mit 22 Jahren für ihre darstellerische Leistung in "Silver Linings" als zweitjüngste Schauspielerin der Akademiegeschichte überhaupt einen Oscar gewann, agiert auch in der Rolle von Irvs neurotischer Ehefrau preisverdächtig. Die auftoupierte Blondine entwickelt sich in "American Hustle" bald zum Risikofaktor Nummer Eins für alle Beteiligten.

"American Hustle" (Quelle: Tobis)
Die Frauen werden in "American Hustle" zum Risikofaktor.

Schwächen, Ängste, Skurriles

Denn der überehrgeizige Richie hat Edith und Irv einen Deal angeboten, um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen: Das Paar soll ihm dabei helfen, korrupte Politiker auffliegen zu lassen. Ein mexikanischer FBI-Agent mimt in der Scharade einen arabischen Scheich, der als potenzieller Investor der heruntergekommenen Atlantic City unter die Arme greifen soll. Tatsächlich gehen die Politiker – teils aus Raffgier, teils um tatsächlich der Stadt zu helfen – der abgekarteten Schmierenkomödie auf den Leim. Doch was zunächst wie ein einfacher Coup erschien, wächst – dank Rosalyn – allen komplett über den Kopf.

"American Hustle" ist eine eigenwillige Nacherzählung des "Abscam"-Skandals, der in den siebziger Jahren Schlagzeilen machte. Rein dramaturgisch hätte die Antikorruptions-Operation des FBI den Plot zu einem spannenden Thriller liefern können. O’Russell hingegen hat sich für eine aberwitzige Geschichte über menschliche Wünsche, Schwächen und Sehnsüchte entschieden.

Kein Blut, keine Gewalt, keine Exzesse – manchmal leider auch zu wenig Spannung. Mit viel Siebzigerjahreflair, einem knalligen Soundtrack und natürlich mit seinen Charakteren, denen er auf oftmals überraschende Weise die Treue hält, hält uns der Film trotzdem bei der Stange. Gemeinsam mit der Kamera umkreisen wir die Figuren und beobachten sie: Wie weit sind sie bereit, für ihre Träume zu gehen? Ist der Einsatz zu hoch, um das Spiel zu gewinnen?

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Beitrag von Ula Brunner

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