
Eröffnungsfilm von Wes Anderson - Meister der Detailfülle zieht ins "Grand Budapest Hotel"
Große Stars in kleinen Rollen, schräge junge Helden und das lustvolle Spiel mit Zeitsprüngen: All das kennt man von Wes Anderson – aber selten hat es sich so schön zusammengefügt wie in seinem neuesten Film. Am Donnerstagabend hat "The Grand Budapest Hotel" das Rennen um die Berlinale-Bären eröffnet. Von Fabian Wallmeier
"Ich war einst der beste, den es je gegeben hat", sagt die eine Hauptfigur zur anderen. "Aber du hast es geschafft, mich zu übertreffen. Allerdings hattest du einen sehr guten Lehrer." Worte, wie große Meister sie an ihre besten Schüler weitergeben, bevor sie sich ins Altenteil verabschieden.
Doch hier spricht nicht der alte Samurai zu seinem Zögling – schließlich befinden wir uns in einem Film von Wes Anderson, den schon immer die kleinen Helden mehr interessiert haben als die großen. Den Satz spricht Monsieur Gustave (Ralph Fiennes) zu seinem Schützling Zéro Moustafa (Tony Revolori). Und dieser Gustave ist natürlich kein Samurai, sondern der Concierge des Grand Budapest Hotel in einem fiktiven Urlaubsort in den Alpen. Dort fing er einst als bester "Lobby Boy" aller Zeiten an und hat sich hochgearbeitet zum formvollendeten Meister der Empfangshalle und darüber hinaus.
Ausgerechnet Zéro heißt sein Protégé – die eigene Nichtigkeit ist ihm schon mit dem Namen in die Existenz eingraviert. Doch auch dieser Zéro arbeitet sich hoch, wird Gustaves Nachfolger und schließlich Alleinerbe seiner Reichtümer.
Inspiriert von Stefan Zweig
Anderson verschachtelt seine Erzählung über mehrere Zeitebenen: Wir treffen Moustafa als alten Mann (F. Murray Abraham) 1968 im mittlerweile reichlich heruntergekommenen Grand Budapest Hotel. Er erzählt einem jungen Schriftsteller (Jude Law) seine Geschichte – und diese wiederum liest eine junge Frau viele Jahre später.
Den verschiedenen Zeiten hat Anderson dann auch noch unterschiedliche Filmformate und Filter zugeordnet. Doch wirklich wichtig für "The Grand Budapest Hotel" sind weder die Zeit- noch die stilistischen Sprünge – und auch den Hinweis, dass der Film vom Werk des Schriftstellers Stefan Zweig inspiriert wurde, kann man fürs Erste getrost ignorieren. Denn all diese auf den ersten Blick recht schwer und kompliziert wirkenden Prämissen des Films fließen ganz locker ineinander und ordnen sich letztlich brav einer der witzigsten und schönsten Geschichten unter, die Anderson sich bislang ausgedacht hat.
Vollendeter Stil und Sex mit alten Damen
Der Hauptteil des Films spielt in den 1930er Jahren. Auch wenn aus der Ferne immer wieder Kriegsgräuel drohen: Das Grand Budapest ist in dieser Zeit ein florierendes Hotel. Es steht, zumindest in den Augen seines Concierge Monsieur Gustave, für vollendeten Stil. Doch der Gentleman hat auch seine Laster: alte gutbetuchte Damen etwa, mit denen er liebend gern ins Bett steigt. Eine von ihnen ist Madame M (unter ihrer herrlich hässlichen Maske kaum zu erkennen: Tilda Swinton). Als sie stirbt, eilen Gustave und Zéro herbei und stellen fest: Die Verstorbene hat ihrem Liebhaber ihr wertvollstes Gemälde vermacht. Doch auf dieses Gemälde hat es auch die Erbenschar der Madame abgesehen. Es beginnt eine wilde Jagd, die Gustave zunächst hinter Gitter führt, des Mordes an der reichen Alten verdächtig.
Der Ausbruch aus diesem Gefängnis ist unter vielen einfallsreichen Sequenzen wohl die irrsinnigste und beste des Films. An Ideenreichtum bis in die kleinste Nebensächlichkeit jedenfalls ist sie schwerlich zu übertreffen – und das will bei einem Meister der Detailfülle wie Wes Anderson schon etwas heißen.
Das ureigene Universum des Wes Anderson
Natürlich greift "The Grand Budapest Hotel" vieles wieder auf, was man aus den bisherigen Filmen des Regisseurs kennt. Neben der Detailbesessenheit und dem Spaß am Verschachteln von Zeitebenen ist zum Beispiel der hohe Stellenwert, den ganz junge, etwas sonderbare, aber in ihrer irritierenden Eigentümlichkeit doch liebenswerte Figuren einnehmen, wahrlich nichts Neues in Andersons Filmkosmos. Auch der Spaß an unvorteilhaften Kostümen und schrägen Requisiten kennt man aus früheren Filmen, erst recht die große Zahl an Stars in kleinsten Nebenrollen, hier unter anderem seine Stammdarsteller Bill Murray und Owen Wilson. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass eine Geschichte immer wieder tief ins Absurde abtaucht, um dann doch wieder kunstvoll in den Plot zurück zu schlittern. Doch so rund und liebevoll wie hier fügt er das nicht alle Tage zusammen.
Um nun auf das Eingangszitat zurückzukommen: Ist "The Grand Budapest Hotel" der beste Anderson, den es je gegeben hat? Gut möglich. Allerdings hatte der Film einen sehr guten Lehrer: Wes Anderson selbst. Denn noch viel mehr als aus dem Werk Stefan Zweigs schöpft der Film aus dem ureigenen, immer etwas wackligen Paralleluniversum, das Anderson sich mit seinen Filmen aufgebaut hat – und das er nun mit "The Grand Budapest Hotel" der Perfektion ein Stück näher gebracht hat.



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