
"La voie de l’ennemi" | Wettbewerb - Auf Bewährung im Wettbewerb
Rachid Bouchareb hat am Freitagabend sein starbesetztes Remake eines französischen Krimidramas in den Wettbewerb der Berlinale geschickt: "La voie de l’ennemi". Die Geschichte um einen Häftling auf Kaution hat er dafür um einige fragwürdige Elemente ergänzt. Das Ergebnis: ein durch und durch mittelmäßiger Film. Von Fabian Wallmeier
Ein Mann in der Wüste nimmt einen Stein und schlägt damit auf einen am Boden Liegenden ein. Ein zweiter Mann kreist in einem Helikopter über der Landschaft. Eine Frau zieht in ein neues Haus im Nirgendwo. Rachid Bouchareb zeigt uns diese Figuren zunächst hintereinander in kurzen Szenen. Noch weiß man nicht, wie die drei miteinander verbunden sind. Bouchareb fügt in diesen ersten Minuten des Films durchaus gekonnt die Puzzle-Teile zusammen – die Aufmerksamkeit des Zuschauers jedenfalls verdient er sich zunächst recht mühelos. Das bleibt nicht unbedingt so. Doch dazu später.
Den ersten Mann sehen wir als nächstes in verräterischer orangefarbener Kleidung beim Beten: William Garnett (Forest Whitaker) sitzt seit 18 Jahren im Gefängnis. Er ist in dieser Zeit zum Islam konvertiert und wird wegen vorbildlicher Führung drei Jahre früher als geplant auf Bewährung aus der Haft entlassen. Makellos gekleidet in schwarzem Anzug verlässt er das Gefängnis. Im Blick des zuvor fünffach inhaftierten Kriminellen kann man es lesen: Garnett ist fest entschlossen, ein neues, besseres Leben zu beginnen. Er verliebt sich in eine Bank-Angestellte und träumt von einem Neuanfang mit ihr. Schnell findet Garnett einen neuen Job und arbeitet nun als Cowboy – im wörtlichen Sinn: Auf einer Farm pflügt er gegen miese Bezahlung Kuhdung um.
Vergebung ist beim Sheriff nicht vorgesehen
Der zweite Mann (Harvey Keitel) ist der Sheriff des Countys, in dem Garnett damals lebte und den er auch jetzt nicht verlassen darf. Schon vor 20 Jahren war er Sheriff – als Garnett seinen Deputy erschlug. Er ist ein harter Mann, ein Redneck, wie er im Buche steht. Von Rehabilitation oder gar Vergebung hält er nichts. "The state granted him parole. I didn’t", fasst er seinen Standpunkt zusammen. Ginge es nach ihm, wäre Garnett ein toter Mann. Und so macht er ihm das Leben so schwer, wie es geht. Er lauert ihm auf, bedrängt, blamiert und schikaniert ihn. Und er sorgt dafür, dass Garnett seinen Job verliert.
Die Frau (Brenda Blethyn) ist die neue Bewährungshelferin des County. Ihre Vergangenheit bleibt im Verborgenen – doch ein wirklich glückliches Leben scheint sie bislang nicht geführt zu haben. Im Gegensatz zum Sheriff ist die bärbeißige Emily Smith davon überzeugt, dass Garnett eine zweite Chance verdient. Immer wieder muss sie den Ex-Häftling zurechtstutzen. Denn Garnetts Wutausbrüche, die Whitaker mit bedrohlicher Physis spielt, werden immer bedrohlicher. Doch immer wieder gelingt es ihm, sich wieder zu fangen.

Remake mit fragwürdigen Ergänzungen
Die Konstellation hat Bouchareb José Giovannis "Deux hommes dans la ville" ("Endstation Schafott") von 1973 übernommen – mit wesentlichen Änderungen: In Giovannis Film ist der Bewährungshelfer keine Frau und der Häftling kein Schwarzer – und erst recht kein Moslem. Bouchareb hat seinen Film zudem in New Mexico angesiedelt und mit der Flüchtlingsproblematik verwoben: Garnetts ehemaliger Partner nämlich – auch er eine Figur, die es in anderer Form schon im Original von 1973 gibt – ist ein skrupelloser Schlepper. Ob die Mexikaner, die ihm Geld für eine Zukunft in den USA geben, lebendig dort ankommen, ist ihm egal.
Dass Bouchareb aus dem Flüchtling einen Moslem macht, funktioniert noch recht gut, verstärkt es doch die Ausgrenzung Garnetts. "Jesus didn’t do it for you?", fragt ihn der Sheriff voller Abscheu. Die Flüchtlingsgeschichte dagegen wirkt aufgestülpt – als wollte der Regisseur noch unbedingt und ohne Rücksicht auf seinen Plot einen Kommentar zu einem Thema unterbringen, das ihm am Herzen liegt. Und vor allem: Eine überzeugende Antwort auf die Frage, wie die zusätzlichen Motive Religion und Flüchtlingsproblematik zusammenhängen und was sie in dieser Geschichte verloren haben, bleibt Bouchareb bis zum Ende schuldig.
Überhaupt mäandert der Film streckenweise etwas ziellos dahin. Immerhin ist er gut (Whitaker) bis exzellent (Blethyn) gespielt und auch ansonsten schön anzuschauen: Die Weite und Leere der Landschaft fängt Bouchareb ansehnlich ein. Unterm Strich aber bleibt sein Film ein durch und durch mittelmäßiges Krimi-Remake mit fragwürdigen Ergänzungen. Das ist zwar durchaus unterhaltsam – aber vom Niveau, das man sich im Wettbewerb der Berlinale wünscht, ist "La voie de l’ennemi" dann doch ein ganzes Stück entfernt.










