
"Die geliebten Schwestern" | Wettbewerb - Dominik Graf und das ganz große Gefühlskino
Bis zu seinem Tod war Friedrich Schillers Liebesleben von einer Dreiecksbeziehung geprägt: zwischen ihm, seiner Frau Charlotte und deren Schwester Caroline. Dominik Graf hat aus diesem Material einen meisterlich inszenierten Liebesfilm geformt. Am Samstagabend ist "Die geliebten Schwestern" in den Wettbewerb gestartet. Von Fabian Wallmeier
Da ist sie wieder, diese unverkennbare Stimme, die schon in Dokumentarfilmen aus dem Off erklang: Leicht verwaschen und ein kleines bisschen gelangweilt erklärt Dominik Graf, leitet über, ordnet ein und analysiert. Beredt, kenntnisreich und manchmal auch mit kühler Süffisanz . Doch das hier ist kein Dokumentarfilm. "Die geliebten Schwestern" über das Liebesdreieck zwischen Friedrich Schiller und den Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld beruht zwar auf Fakten, doch es ist natürlich ein Spielfilm. Dass sich darin nun der Regisseur selbst aus dem Off zu Wort meldet - das ist doch zumindest sehr ungewöhnlich.
Der Off-Kommentar ist als erzählerische Krücke verschrien - und das in der Regel zu Recht. Hier aber hat er seine Berechtigung: Durch die Nonchalance, mit der Graf hier Erzählsprünge vornimmt und das Geschehen kommentiert, wird das große Drama ein wenig geerdet, das sich im On abspielt und in den vielen leidenschaftlich und wortgewandt formulierten Briefen, die die Figuren teils aus dem Off, teils in die Kamera sprechen.
Der junge Friedrich Schiller (Florian Stetter) hat mit seinem revolutionären Drama "Die Räuber" schon für Aufmerksamkeit gesorgt, aber vom Dichter-Olymp ist er noch weit entfernt. Eher gilt er als etwas unsteter, unberechenbarer Geist. 1788 läuft er durch Weimar und muss erst einmal nach dem Weg fragen. Aus dem Fenster ihrer Patentante Charlotte vom Stein lotst ihn Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius) in die richtige Richtung.
"Ich hätte niemals den Mann empfangen können, den du liebst"
Schiller lernt auch Charlottes Schwester Caroline (Hannah Herzsprung) kennen. Die Schwestern sind engste Vertraute seit dem frühen Tod des Vaters. Caroline hat Friedrich von Beulwitz geheiratet – nicht, weil sie ihn liebt, sondern, um Mutter und Schwester ein Auskommen zu garantieren, das zumindest die Minimalanforderungen ihres Standesdenkens erfüllt. Nun verliebt sie sich heftig und dauerhaft in Schiller - und er in beide Schwestern. Es bildet sich ein immer leidenschaftlicheres Liebesdreieck, in dem zunächst alle Beteiligten mit offenen Karten spielen. Nach außen aber schotten sie ihr Arrangement ab - und wachsen dadurch noch enger zusammen.

Schiller heiratet schließlich Charlotte, doch ins Bett geht er nur mit Caroline. "Ich hätte niemals den Mann empfangen können, den du liebst", sagt Charlotte einmal zu Caroline. Trotzdem wird die Situation für die beiden mehr und mehr zur Zumutung. Und so fest das Band zwischen den "geliebten Schwestern" auch sein mag, unzerstörbar ist es nicht.
Graf hat diese Geschichte nicht nur inszeniert, sondern auch komplett selbst geschrieben – eine Seltenheit in seinem umfangreichen Filmkatalog. Für "Die geliebten Schwestern" hat er sich eine Länge von 170 Minuten gegönnt. Der beim Dreh gleich mitgedachte Fernseh-Zweiteiler ist sogar noch länger (die für den Sommer geplante Kinofassung allerdings kürzer). Dieser Umfang ist – von wenigen verzichtbaren Exkursen abgesehen - auch angemessen, auch weil der Film die gemeinsame Geschichte seiner drei Hauptfiguren beinahe vollständig abbildet: "Die geliebten Schwestern" reicht bis 1802, drei Jahre vor Schillers frühem Tod. Den handelt er im Off ab – und kippt damit ganz am Schluss noch einmal ins Dokumentarische: Während Graf die Geschichte knapp zu Ende erzählt, sieht man auf der Leinwand Menschen von heute am Schiller-Haus in Weimar vorbeilaufen – bevor dann doch noch einmal in die Liebesgeschichte zurückgeblendet wird.
Der Film hält sich nicht gerade sklavisch an die historischen Fakten - zum Glück. Graf hat sich statt dessen einen eigenen Schiller ausgedacht. Aus dem schwäbelnden Wüterich, als den Zeitgenossen ihn beschrieben haben, hat er einen Hochdeutsch parlierenden, kultivierten Leidenschaftsmenschen gemacht. Graf hat damit seinen Schiller davor bewahrt, zu einer Karikatur zu verkommen. Wie eine Karikatur hätte aussehen können, sieht man an der - zugegeben: ziemlich komischen - Witzfigur, die Graf aus Goethe gemacht hat. Den Dichter-Fürsten lässt Graf nur kurz als Schatten durch den Film huschen, zeigt ihn aus der Ferne und von hinten. Einmal darf Goethe den Mund aufmachen, als er von einer Damengesellschaft gefragt wird, ob er hinter dem (heimlich von Caroline geschriebenen) Fortsetzungsromanerfolg der Saison steckt. "Madame, isch würd's mer wünsche. Abä leidä… leidä…", näselt er im Frankfurter Dialekt - und ist aus der Geschichte verschwunden.

Möge es Preise regnen!
Kleine Witze und Anspielungen wie diese gibt es zuhauf in diesem Film. Doch sie drängen sich nicht auf, schon kommt die nächste Szene, kommentiert wieder Graf das Geschehen, deutet eine kurze Schnittfolge Schlussfolgerungen an - oder es bricht wieder das pralle Drama aus. Graf hat seinen Schauspielern viel Freiheit eingeräumt vom Hereinfinden in ihre Rollen bis zum Ausagieren. Vor allem Stetter, Herzsprung und Confurius danken es mit beeindruckend authentischen, dichten Darbietungen, die über die historischen Figuren und Zusammenhänge hinaus wachsen.
"Die geliebten Schwestern" hält locker die Balance zwischen emotionaler Hitze und inszenatorischer Kühle - und zeigt einen vielfach dekorierten Filmemacher auf dem Zenit seines Könnens. Man kennt Dominik Graf vor allem als Regisseur herausragender, vor allem für das Fernsehen produzierter Polizei-Thriller. Mit seiner Serie "Im Angesicht des Verbrechens" über Drogen- und Menschenhandel in Berlin etwa war er 2010 auf der Berlinale zu Gast. Doch unter Grafs bisherigen Filmen sind auch Breitband-Dramen, die in ihrer emotionalen Opulenz manchmal an die großen Tragödien von Douglas Sirk erinnern.
Dass er also nicht nur die schnellen Schnittfolgen, Zooms und sich virtuos entfaltenden Plots seiner Thriller beherrscht, sondern auch das ganz große Gefühlskino, musste Graf nicht mehr unter Beweis stellen. Er hat es trotzdem getan - und einen Film in den Wettbewerb geschickt, über den es gern Preise regnen darf. Der Rezensent jedenfalls würd's sisch wünsche.













