
"Aloft" | Wettbewerb - Weit weg, tief in uns
Ein Junge, der seinen Bruder verliert. Eine Mutter, die ihren Sohn zurücklässt. Eine Frau auf der Suche nach einer Heilerin, irgendwo im tiefen Schnee. Claudia Llosas Figuren sind von einem tiefen inneren Schmerz getrieben. Bildgewaltig bemisst "Aloft" den Grat zwischen Leid und Heilung, Gefangensein und Freiheit. Von Ula Brunner
Das Leben ist eine unzuverlässige Angelegenheit. Mal stabil, mal unberechenbar und brüchig - wie Eis. Claudia Llosas "Aloft" beginnt mit Schnee verwehten Landschaften. Lange verweilt die Kamera bei den Totalen einer sich selbst genügenden Natur, schön und abweisend zugleich. Um dann in den nächsten Einstellungen nah und unvermittelt ins raue Dasein hineinzugehen: Hauptdarstellerin Nana leistet einer ferkelnden Sau Geburtshilfe, danach, an die Stallmauern gepresst, hat sie Sex mit ihrem Freund. Sequenzen, die in ihrer verstörenden Direktheit faszinieren. Natur, Schmerz, Sexualität - das sind Pole, zwischen denen sich die menschliche Existenz in "Aloft" spannt.
Ein Falke als Trost
Claudia Llosa erzählt von Traumata, innerer Gefangenheit und der Suche nach Heilung. Ihre Story entwickelt sie mit Zeitsprüngen und Rückblenden, die zum Teil aus der Perspektive Nanas, zum Teil aus der Perspektive ihres Sohnes Ivan erzählt werden. Der Film beginnt in der Vergangenheit: Nana Kunning (Jennifer Connelly), Tierärztin oder Bäuerin - es wird nicht weiter erläutert - lebt nach dem Tod ihres Mannes mit ihrem Vater und ihren beiden kleinen Söhnen zusammen. Gully, der Jüngere, leidet an einer lebensbedrohenden Krankheit. Ivan, der Ältere, muss wegen seines Bruders ständig zurückstecken, und zieht sich immer mehr zurück. Trost und Zuflucht bedeutet ihm sein Falke - von seinem Vater und Großvater hat er gelernt, die Tiere zu zähmen.
Auf der Suche nach Hilfe
Zwanzig Jahre später begibt sich die junge Journalistin Ressemore gemeinsam mit Ivan, mittlerweile Falkenzüchter und selbst Vater eines kleinen Jungen, auf eine lange Reise mitten durchs Eis: Sie wollen seine Mutter aufsspüren, die ihn vor langer Zeit verlassen hat. Damals hat Nana auf der Suche nach Hilfe für ihren Jüngsten den "Architekten" (William Shimell) kennengelernt, einen Heiler und Künstler. Er hat Nana davon überzeugt, dass sie selbst über heilende Kräfte verfügt. Doch ihrem eigenen Sohn konnte sie nicht helfen: Durch einen Unfall, den Ivan verursachte, brach Gully im Eis ein und ertrank. Nana ging fort und ließ ihren verzweifelten überlebenden Sohn alleine mit seinem Großvater zurück. Der Verlust der Mutter hat aus Ivan einen zurückgezogenen, verschrobenen Menschen gemacht.
Kunstvolle Geschichte mit Leerstellen
"Aloft" ist der dritte Spielfilm der Peruanerin Claudia Llosa. Wie in ihrem vorangegangenen Werk "La Teta Asustada" ("Eine Perle Ewigkeit"), für das sie 2009 den Goldenen Bären gewann, war sie neben der Regie auch für das Drehbuch verantwortlich. Das Schreiben ist Claudia Llosa wohl in die Wiege gelegt worden, ist sie doch die Nichte des berühmten peruanischen Schriftstellers Maria Vargas Llosa.

So ist die eigentliche Story kunstvoll lässig konstruiert. Obwohl auf der reinen Handlungsebene gar nicht so viel geschieht, hält der Film über seine ganze Länge hinweg dennoch unsere Aufmerksamkeit. Die Geschichte kommt ohne überraschende Wendungen und Kniffe aus, sie vertraut auf die Kraft ihrer Bilder und Symbole: die spürbare Kälte, das rissige Eis wird zu einem Sinnbild für die erstarrten Gefühle der Protagonisten, deren Isolation und Einsamkeit aber nie absolut ist, sondern immer wieder aufbricht.
Zwischen Gefangensein und Freiheit
Vor allem jedoch setzt Llosa auf eine differenzierte Figurenzeichnung. Dabei verrät die minimalistische Inszenierung gerade das Allernotwendigste über die Charaktere, aber doch genug, um uns für sie zu interessieren. Geschickt tastet sich der Film erzählerisch an den Oberflächen der Menschen entlang, zeigt die Brüche in ihrer Psyche, psychologisiert aber nicht. Gerade diese Offenheit weckt umgekehrt den Wunsch, zu ergründen und zu verstehen: Warum gibt es Tod und Schmerz? Sind Heilung und Versöhnung überhaupt möglich? Vielleicht, sagt Nana irgendwann, geht es nur darum, die Verletzungen und den Irrsinn des Lebens einfach zu akzeptieren. Vielleicht.
Eines der schönsten und wildesten Sinnbilder des Films ist der Flug von Ivans gezähmten Falken. Mit breiten Schwingen stößt er in den Himmel und kreist hoch über der Erde, für Momente herrlich frei. "Aloft" - weit oben. Tief in uns.
















