
"Bai Ri Yan Huo" | Wettbewerb - Die Femme Fatale aus der Wäscherei
Der zweite der drei chinesischen Wettbewerbsbeiträge ist in schmutzig-kaltes Licht getaucht. "Bai Ri Yan Huo" erzählt die Geschichte eines ehemaligen Polizisten, der auf neue Fährten in einem alten Mordfall stößt. Sie führen in eine Wäscherei - und zu einer Frau, die ihre Geheimnisse erst nach und nach verrät. Ein durchaus clever aufgebauter Film mit einem unerwartet poetischen Ende. Von Fabian Wallmeier
Beim Schlagwort Film Noir beginnt das Kopfkino zu laufen: düstere Einzelgänger-Cops, noch düsterere Mordmotive, verschlungene Plots und nicht zuletzt eine edle Bildästhetik, am Besten in sattem Schwarz-Weiß. Letzteres zumindest trifft auf den im Programmheft als Film Noir angekündigten chinesischen Wettbewerbsfilm "Bai Ri Yan Huo" nicht zu.
Ein Schmutzschleier scheint sich über die Geschichte gelegt zu haben, die im schäbigen Licht von billigen Restaurants und Wäschereien und im traurig-kalten, sonnenlosen Winterwetter gedreht wurde. Und würden nicht die Jahreszahlen 1999 und 2004 eingeblendet - man könnte glauben, man wäre in der schmuddeligen Tristesse des Genrekinos der 1970er Jahre gelandet.
Film Noir jedenfalls ist sicher nicht die erste Assoziation, die einem bei Diao Yinans Film in den Sinn kommt, schon gar nicht in den ersten Minuten: Wir sehen einen Kohlelaster, aus dem irgendetwas herausragt, gewickelt in eine rot-weiß-blaue Plane. Wir begleiten die Kohle, bis sie schließlich auf einem Förderband landet und ein Arbeiter die Plane entdeckt.
Sternhagelvoll im Schnee
Parallel dazu hat Diao eine Abschiedsszene montiert: Ein Mann und eine Frau schlafen ein letztes Mal miteinander, anschließend bringt er sie zum Zug, versucht sie zwar noch einmal gewaltsam aufzuhalten, aber es ändert sich nichts daran: Die beiden sind nun offiziell geschieden.
Der frisch Geschiedene ist der Polizist Zhang Zili. Er bearbeitet den Fall, den die entsetzten Arbeiter nun aus der Plane wickeln: Körperteile finden sich darin - und nicht nur auf diesem einen Förderband, sondern verteilt über die ganze Provinz tauchen ähnliche Pakete auf. In einem finden sich auch Papiere, und damit die - vermeintliche - Identität des Toten.
Als Zhang und seine Leute einen Verdächtigen festnehmen wollen, kommt es zu einer Schießerei, die nur er überlebt. Wir treffen ihn fünf Jahre später. Sternhagelvoll sitzt er im Schnee am Rand einer Straße, die aus einem Autotunnel emporführt. Sein Motorrad hat er neben sich geparkt und lässt leichtfertig den Motor laufen. Er ist vom Dienst suspendiert worden und arbeitet nun als Wachmann, mit suffbedingter wachsender Unzuverlässigkeit.

Sein ehemaliger Partner bei der Polizei stößt Zhang auf eine neue Fährte des alten Falls. Zwei weitere Männer sind seit damals ermordet worden - und alle drei haben eine Gemeinsamkeit: Die Frau des ersten Toten war später die Liebhaberin der anderen beiden.
Spannungsfeld zwischen Anziehung und Abstoßung
Wu Zhizhen heißt diese Femme Fatale. Sie arbeitet in einer Wäscherei, von der aus Zhang auf eigene Faust ermittelt. Nicht gerade subtil geht er dabei vor: Wann immer er den Besitzer der Wäscherei befragt, ist sie mindestens im Hinterzimmer und hört mit. Sie fordert ihn auf, sie nicht mehr zu verfolgen - und fühlt sich doch von ihm angezogen.
Dieses Spannungsfeld von Anziehung und Abstoßung kostet der Film eine Weile aus, ohne dabei die falschen und echten Fährten aus dem Auge zu lassen, die Zhang unter anderem auf eine Eislaufbahn und in die Gondel eines Riesenrads führen. Schlussendlich erfährt er von Wu, was damals wirklich passiert ist. Und der Regisseur dankt es ihr mit einem unerwarteten, geradezu poetischen Epilog, der nicht eine Sekunde zu früh zu Ende geht - und hier natürlich nicht verraten wird.
"Schwarze Kohle, dünnes Eis" heißt der Filmtitel auf Deutsch. Er passt nur zur Hälfte: Alles nimmt in einer Ladung schwarzer Kohle seinen Anfang. Doch auf dünnem Eis bewegen sich die Figuren im Film nicht - und genau so wenig glücklicherweise der Plot. Der nämlich ist durchaus schlau konstruiert, gibt erst kurz vor Schluss sein wahres Geheimnis preis und passt in seiner Vertracktheit dann doch ganz gut zum Schlagwort Film Noir.













