Berlinale 2014: Filmstill "Kraftidioten | In Order of Disappearance" mit Bjørn Moan, Goran Navojec, Bruno Ganz undMiodrag Krstovic (Quelle: berlinale.de)

"Kraftidioten" | Wettbewerb - Kälte, Knarren und Kalauer

Ein Mann mit einem albernen Namen will sich für den Tod seines Sohnes rächen. Nun mordet er sich durch die Berge Norwegens. Hans Petter Moland hat mit "Kraftidioten" einen reichlich albernen und blutigen Comedy-Thriller inszeniert. Der ist zwar streckenweise unterhaltsam, wirkt aber nicht länger nach als der Weg zum Kinoausgang dauert. Am Montagabend ist der Film in den Wettbewerb gestartet. Von Fabian Wallmeier

In schnellen Schnitten sieht man zwei junge Männer, die in ein Auto gezerrt und verprügelt werden. Eine Schneefräse frisst sich durch die weiße norwegische Berglandschaft. Nils Dickman (Stellan Skarsgard), ein gesetzter Mann aus Schweden und Besitzer des Schneepflug-Fuhrparks, macht sich schick für seine Ernennung zum Ehrenbürger. Dann kommt die Katastrophe: Sein Sohn Ingvar ist tot aufgefunden worden, angeblich an einer Überdosis. Er ist einer der beiden jungen Männer aus der Eingangsszene. Der Zuschauer ahnt es und der Vater ist sich sicher: Am Tod seines Sohnes stimmt etwas nicht. Ein Freund des Toten liefert die Gewissheit: Ingvar war in Drogengeschäfte verwickelt. Nils schwört Rache – und macht sich auf die Suche nach den Schuldigen.

Man wähnt sich während dieser ersten Szenen zunächst im falschen Film. Eine Komödie war angekündigt – und jetzt das: ein tristes skandinavisches Kriminaldrama. Doch der Eindruck trügt: Nach und nach kippt der Film. Nils fragt sich durch von einem Mitglied der Drogenhändlerkette zum nächsten – und nietet sie mit stoischem Gleichmut um. Anschließend wickelt er sie in Käfigdraht und wirft sie ins Meer. Jeden einzelnen Toten würdigt der Film: mit einem Zwischentitel, der aus einem Kreuz, dem Spitznamen und dem echten Namen des Gangsters besteht. Ein Running Gag, denn es werden sehr viele dieser Zwischentitel gebraucht.

"Es ist nicht immer leicht, ich zu sein"

Parallel lernen wir den Drogenboss kennen, den "Grafe" (Pal Sverre Valheim Hagen), dem langsam mulmig wird angesichts des Verschwindens immer weiterer seiner Mitarbeiter. Hagen ist von Anfang an deutlicher als komische Figur gekennzeichnet: ein blonder Schönling, der durch seinen geschmacklos eingerichteten Prunkbau stolziert, hysterisch finstere Anweisungen gibt und mit der Erziehung seines jungen Sohnes kämpft. Und manchmal muss dieser harte Mann dann doch ein bisschen weinen. "Es ist nicht immer leicht, ich zu sein", verrät er einmal pathetisch schluchzend einem seiner Helfer.

Und dann kommt noch ein zweiter Gangsterboss ins Spiel: "Papa" (Bruno Ganz als krächzender Serbe), der sich einst mit dem Vater des "Grafen" den norwegischen Drogenmarkt aufgeteilt hat. Eigentlich leben sie in friedlicher Koexistenz, doch das Mord-Domino, das Dickman anstößt, führt zu Toten auf beiden Seiten – für den jeder Boss den jeweils anderen verantwortlich macht.

Berlinale 2014: Der Regisseur Hans Petter Moland beim Photocall zu "Kraftidioten" (In Order of Disappearance) (Quelle: dpa)
"Kraftidioten"-Regisseur Hans Petter Moland.

Während nun also die Handlung immer verworrener wird, werden die Dialoge immer alberner. Manchmal findet sich eine kleine Perle darunter wie das Gespräch zweier Serben über die norwegischen Gefängnisse, in denen es gutes Essen, nette Wärter, keine Gewalt und sogar Rentenpunkte und Zahnersatz gebe. Doch größtenteils werden hier Zoten aufgewärmt: über die Unterwelt, über das Stockholm-Syndrom und über nationale Unterschiede.

Showdown mit Schneepflug

Passend zur knalligen Kalauerparade wird auch das Morden immer krachlederner. Das Blut spritzt lustig in den Schnee, begleitet von markigen Sprüchen. Und schließlich kommt es zum Showdown mit Schneepflug - und einem Zwischentitel mit besonders vielen Kreuzen. Die ernsthafteren Ansätze vom Anfang des Films sind jedenfalls restlos verschwunden - und man fragt sich, welchem Zweck sie eigentlich dienten.

"Kraftidioten" ist eine Gangsterkomödie unter vielen. Nichts hebt sie aus dem Einerlei heraus, weder im Negativen noch im Positiven. Der dunkle Winter in den Bergen Norwegens bietet eine hübsch anzuschauende Kulisse - und leidlich unterhaltsam sind die knapp zwei Stunden immerhin. Aber wie die Auswahlkommission auf die Idee gekommen ist, dass dieser Film auch nur im Entferntesten preiswürdig sein könnte, ist ein Rätsel.  

Bärenwürdig? - Das sagen die rbb-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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