
"La tercera orilla (Das dritte Ufer)" | Wettbewerb - Innere Unruhe
Auffällig viele Filme im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb handeln von Kindern oder Jugendlichen, die lernen müssen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Auch der argentinische Wettbewerbsbeitrag "La tercera orilla" erzählt vom Aufbruch eines Jungen aus seiner Unmündigkeit. Von Andreas Kötzing
Für einen pupertierenden Jungen gibt es wohl kaum etwas wichtigeres als die Anerkennung des eigenen Vaters. Nicolás (Alián Devetac) erhält diese Anerkennung nicht. Er bekommt stattdessen einen neuen Fernseher und hier und da mal etwas Geld zugesteckt. Sein Vater Jorge (Daniel Veronese) interessiert nur, dass der Junge einmal Arzt wird - so wie er. Und dass er irgendwann die Ranch übernimmt - die er einst geerbt hat.
Die emotionale Kälte zwischen Vater und Sohn könnte größer nicht sein, zumal sich Jorges "Zuneigung" meist darin erschöpft, dass er seinem Sohn einen Drink ausgibt oder eine Prostituierte zu ihm schickt. Überhaupt ist "Vater" nicht das richtige Wort für Jorges Rolle. Es fällt im Film auch kein einziges Mal. Er spielt eher den gönnerhaften Ernährer der Familie. Dass er sich dazu noch ein Doppelleben mit zweiter Frau und zweitem Haus leistet, in das er ganz nach Bedarf einkehrt, passt ins Bild.
Zwischen Lethargie und Wut
Die Regisseurin Celina Murga erzählt in "La tercera orilla" von familiären Zerrüttungen in der argentinischen Provinz. Auffällig dabei ist, mit welcher Selbstverständlichkeit sich alle Beteiligten in den patriarchalischen Verhältnissen eingerichtet haben. Selbst Jorges Doppelleben scheint kaum jemanden zu interessieren, geschweige denn zu stören, auch seine Frau nicht. Niemand streitet, keiner beschwert sich. Auch Nicolás verharrt lange Zeit in lethargischer Stille. Kaum eine Regung durchzuckt sein Gesicht, das die Kamera immer wieder einfängt und in langen Einstellung beobachtet.
Doch wenn man in die Augen des Jungen blickt, erahnt man, wie sehr es in ihm brodelt und wie wütend er auf die Verhältnisse ist, die ihn umgeben. Im Verlauf des Films kehrt sich seine Entrüstung langsam nach außen, zum Beispiel wenn er auf dem Schulhof in eine Schlägerei verwickelt wird und er seinen deutlich älteren und stärkeren Kontrahenten regelrecht verprügelt.
Stärken und Schwächen
Die große Stärke von Murgas Film ist, dass er sich voll und ganz auf Nicolás Perspektive einlässt, seine Sorgen ernst nimmt und dabei all die Klichees meidet, die sich leicht in die Geschichte hätten einschleichen können. Hier fliegen keine Teller an die Wände und es braucht auch niemand schluchzend in Tränen auszubrechen, damit wir begreifen, wie er sich fühlt. Der Regisseurin reichen kleine Szenen, um uns Nicolás näher zu bringen. Unter welchem Druck er steht, ahnt man in den wenigen Momenten, in denen er ausgelassen und unbeschwert sein kann, zum Beispiel wenn er mit seiner Schwester tanzt oder in einer Bar laut zur Karaoke-Musik singt. Dann liegt ein Lächeln auf seinem Gesicht, wenn auch nur für kurze Zeit.

Die große Schwäche von Murgas Film ist, dass er über weite Strecken sehr konventionell erzählt ist. Nicolás innere Unruhe steigert sich kontinuierlich - und dass er irgendwann aus seiner Unmündigkeit ausbrechen wird, überrascht daher am Ende kaum. Auch in ästhetischer Hinsicht hat der Film nur wenig Interessantes zu bieten. Kaum eine Szene prägt sich ein, kaum ein Bild bleibt im Gedächtnis haften. Das Spiel von Alián Devetac, der hier zum ersten Mal in einem Film zu sehen ist, zählt gewiss zu den wichtigsten Entdeckungen im bisherigen Wettbewerb, aber für einen gesamten Film allein ist das zu wenig.
















