
"Praia do Futuro" | Wettbewerb - Ein flüchtiges Meeresrauschen
Das lateinamerikanische Kino ist auf der Berlinale traditionell stark vertreten. In diesem Jahr sind gleich vier Filme aus Südamerika im Wettbewerb zu sehen. Am Dienstag hat der international vielfach ausgezeichnete Regisseur Karim Aïnouz seinen neuen Film "Praia do Futuro" vorgestellt. Von Andreas Kötzing
Der "Strand der Zukunft", dem dieser Film seinen Namen verdankt, liegt in Brasilien. Das Meer ist dort besonders stürmisch und lockt daher viele abenteuerlustige Reisende an. Doch was verheißungsvoll klingt, birgt immer auch Gefahren, denn schließlich weiß niemand, was die Zukunft bringen wird.
Für Konrad (Clemens Schick) wird das Meer gar zum Verhängnis, als er zusammen mit seinem Freund in den Wellen taucht und beide im tosenden Wasser die Kontrolle verlieren. Der Rettungsschwimmer Donato (Wagner Moura) eilt zur Hilfe, doch während Konrad gerettet wird, ertrinkt sein Freund. Zwischen Konrad und Donato entwickelt sich daraufhin eine leidenschaftliche Beziehung, die beide in eine ungewisse Zukunft führt.
Der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz begibt sich mit seinem neuen Film auf eine intensive Suche nach den zwischenmenschlichen Emotionen, die durch eine Extremsituation ausgelöst werden können. Zu einer wiederkehrenden Metapher wird dabei das Meer selbst. Dort laufen schlussendlich auch alle Fäden wieder zusammen. Doch nicht nur das Meer hat sich am Ende verändert, sondern auch das Leben von Konrad und Donato.
Mut zur Lücke
Karim Aïnouz schildert seinen Film in drei Teilen, ohne uns dabei eine vollständige Geschichte zu erzählen. Nach ihrer Bekanntschaft in Brasilien verschlägt es Konrad und Donato im zweiten Teil des Films nach Berlin, ohne dass wir erfahren, unter welchen Umständen sie dort hingekommen sind.
Die Leerstellen im Film sind mutig und zugleich interessant, weil sie uns selbst die Möglichkeit eröffnen, uns in das Leben der beiden Menschen hineinzudenken. Sie bergen jedoch auch die Gefahr, dass uns die fehlenden Teile der Geschichte daran hindern, den beiden voll und ganz auf ihrer Reise zu folgen, uns mit ihnen zu freuen und zu leiden.

Schon ganz am Anfang riskiert der Film einen Bruch, der es schwer macht, sich emotional auf ihn einzulassen. Gerade erst erfährt Konrad von Donato, dass sein Freund ums Leben gekommen ist - zwei Schnitte später sehen wir den beiden bereits beim Sex zu. Dieser unvermittelte Sprung irritiert und schafft eine Distanz, die im Verlauf des Films nie richtig vergeht, wenngleich die beiden Hauptdarsteller mit viel Kraft agieren und die Spannungen zwischen ihnen immer wieder aufblitzen.
Symbolträchtige Bilder
Dass der emotionale Funke in diesem Film nie wirklich von der Leinwand auf das Publikum übersrpingt, liegt jedoch nicht nur an den inhaltlichen Brüchen. Karim Aïnouz gelingt es speziell im zweiten Teil der Erzählung nicht, aus der spannenden Ausgangssituation eine tiefergehende Geschichte zu entwickeln. Er verschleppt die Handlung und verliert sich zu häufig in symbolisch aufgeladenen Bildern, die immer schön aussehen, aber nur selten eine emotionale Kraft entfalten, die uns Konrad und Donato näher bringen könnte.
Egal ob sie gemeinsam im Stroposkoplicht tanzen, füreinander Rührei kochen oder über den Dächern Berlins schweigend neben einander sitzen, während im Hintergrund der Fernsehturm im Nebel leuchtet - eine wirkliche Nähe entsteht nicht. Stattdessen entgleitet der Film ins erzählerische Nichts und schwelgt selbtverliebt in seinen Bildern.

Rauschen ohne Nachklang
Bewegung kommt in die Geschichte von Donato und Konrad erst wieder, als im dritten Teil des Film plötzlich Ayrton auftaucht, Donatos Bruder aus Brasilien, der ihm jetzt schwere Vorwürfe macht und mit vielen Fragen konfrontiert. Anscheinend hat Donato seine Familie damals klammheimlich verlassen, als er zusammen mit Konrad nach Berlin aufgebrochen ist. Warum eigentlich? Auch das bleibt eine der vielen Leerstellen im Film, über die man gerne mehr nachdenken würde, wenn man sich denn überhaupt noch für Donato und Konrad interessieren würde. Doch zu diesem Zeitpunkt hat der Film sein starkes Potential fast völlig eingebüßt. Die Geschichte und ihre Helden verblassen ohne nachhaltigen Eindruck. Wie ein flüchtiges Meeresrauschen, das in der Ferne verhallt.













