
"To Mikro Psari (Stratos)" | Wettbewerb - In der Stratosphäre
Seit ein paar Jahren sorgen griechische Filme auf Filmfestivals für großes Aufsehen. Radikal gehen sie mit der Gegenwart des krisengeschüttelten Landes um. Der einzige griechische Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale allerdings zelebriert die Einsamkeit eines Killers und versprüht gähnende Langeweile. Von Patrick Wellinski
Stratos (Vangelis Mourikis) ist einer der besten Auftragskiller Griechenlands. Er erledigt seine nächtliche Arbeit still, sauber und mit höchster Präzision. Tagsüber knetet er Teig in einer Brotfabrik. Im Wettbewerbsfilm "Stratos" muss er einen ehemaligen Kollegen aus dem Gefängnis befreien und sammelt dafür Geld. Doch dann geht alles schief. Und plötzlich steht nicht nur Stratos‘ Leben auf dem Spiel, sondern auch das eines kleinen Nachbarsmädchen, um das sich der stille Stratos häufig kümmert.
Yannis Economides hat einen invertierten Gangsterfilm gedreht. Sein "Stratos" beobachtet den Alltag des Killers, ohne die eigentlichen Morde zu zeigen. Der Film selbst besteht hauptsächlich aus einer Aneinanderreihung langer Dialog-Sequenzen zwischen Stratos und seinen Kollegen. Wobei die Hauptfigur selber kaum spricht. Er hört nur zu. Und was er hört, sind vor allem schimpfwortgetränkte Hasstirade, die dem stillen Mann entgegengeschmettert werden, und in ihm wohl einen ganzen Sturm hochkochen lassen. Aber wir sehen es nicht. Stratos verzieht keine Miene und greift stattdessen zur Waffe. So monoton das klingt, so ist das auch inszeniert. Und anders als seine aufregenden griechischen Regie-Kollegen, wie Yorgos Lanthimos oder Athina Rachel Tsangari, meidet Economides in seinem vierten Spielfilm eine Auseinandersetzung mit dem heutigen Griechenland.
Wer in diesen leeren Bildern Krisenkritik sucht, wird enttäuscht werden. Denn "Stratos" ist kein Vertreter der griechischen Neuen Welle, deren Filmemacher formbewusst die Einsamkeit nach der Bankenkrise ausleuchten. Bei Economides gibt es keine pleite gegangenen Banken, sondern Parkbänke, auf denen die Gangster ihre Glaubenskrisen erleiden. Den Wettbewerbsfilm selber macht das allerdings nur unerträglich lang und über weite Strecken unfreiwillig komisch.
Viel Leere und Schwere
Die Idee des Regisseurs erinnert nicht von ungefähr an Joel Schumachers "Falling Down – Ein ganz normaler Tag", in dem Michael Douglas einen stillen Arbeiter spielt, der genug von der Gesellschaft hat und sich gegen sie richtet. Wo allerdings bei Schumacher das Scheitern der Gesellschaft konkret gemacht wird und die steigende Aggression der Douglas-Figur nachvollziehbar wird, bleibt die krisenbehaftete Gegenwart Griechenlands bei Economides eine Leerstelle.

Das ist nicht ohne Reiz. Gerade der herrlich stoisch blickende Hauptdarsteller Vangelis Mourikis spielt lakonisch den in sich gekehrten Auftragskiller Stratos - mit deutlichen Anleihen an die stille Komik eines Bill Murray. Auch die vor griechischen Schimpfwörtern und Flüchen bestehenden Monologe seiner Auftraggeber und Kollegen wollen unbedingt an die Dreistigkeit von Tarantino-Dialogen erinnern.
Doch die guten Absichten finden nicht zueinander. Das Konzept geht nicht auf, gerade weil sich am Ende alles in Luft auflöst. Mit mehr Mut zu Pop, zu Tempo und Rhythmus kann man sich "Stratos" als herrlich-bösen Seitenhieb auf ein Land vorstellen, in dem sich selbst das Gangstergeschäft in einer finanziellen und moralischen Krise befindet. So allerdings hängt er wie schwerer Klotz am Fuß des Wettbewerbs.
"Stratos" hat letzten Endes fast schon etwas Verzweifeltes an sich. Als würde Regisseur Yannis Economides tatsächlich davon überzeugt sein, wenn er nur lang genug auf die Leere in der Landschaft blickt, dann könnte er unter Umständen eine konkrete sozial-politische Stimmung einfangen. Doch auch dieser Plan geht nicht auf.












