
"Tui Na (Blind Massage)" | Wettbewerb - Liebe schmeckt nach Schweinegulasch
Drei chinesische Filme konkurrieren dieses Jahr um den Goldenen Bären. Am Montag feierte mit "Blind Massage" der erste seine Weltpremiere. Und plötzlich hat die Berlinale ihren ersten ernst zu nehmenden Siegerkandidaten. Von Patrick Wellinski
Die kleine Massagepraxis im Herzen der chinesischen Metropole Nanjing hat regen Zulauf. Es sind die Zeiten des großen Geldes, wie eine weibliche Stimme auf dem Off sagt. Die Reichen legen sich hier gerne auf die Matte und begeben sich in fachmännische Hände. Das besondere an den Mitarbeitern: Sie sind alle blind.
Unter ihnen der recht junge Xiao Ma, der sich umbringen wollte als die Ärzte ihm mitteilten, dass er nie wieder sehen wird. In der Massagepraxis hat er ein wenig Halt gefunden. Das gilt auch für seine beiden Chefs, der eine etwas ruhiger, der andere dem Leben mit all seinen Späßen und Leidenschaften zugeneigt. Zwischen den Männern und Frauen in der Praxis entstehen Freundschaften, aber auch Begehren und Liebe.
Xiao Ma hat Gefühle für die gleiche Mitarbeiterin, um die auch sein Chef wirbt. Doch der junge Masseur kann sich nicht wirklich durchsetzen und findet Trost bei einer Prostituierten. Sein Chef wiederum hat gleichzeitig das Problem, dass seine Familie Schulden hat und von Geldeintreibern bedroht wird. Die Praxis als Rückzugsort kann sich für beide auf Dauer nicht bewehren und bewahrt niemanden vor den Tücken des chinesischen Alltags.
I can see now
Blindheit im Kino ist eigentlich eine heikle Angelegenheit. Viele Filme inszenieren den Sehverlust als dramatische Katastrophe und laufen Gefahr zu reinen Betroffenheitsstudien zu werden. Zum Glück umschifft Lou Ye diese formalen Falltüren. Mehr noch: Bei ihm ist die Massagepraxis auch keine billige Allegorie auf die chinesische Gesellschaft. Die pathetische Gleichung, der Blinde als Metapher für das unterdrückte Individuum, ist seine Sache nicht. Lou Ye ist dafür viel zu klug. Er will, dass wir die Welt der Mitarbeiter erfahren und dass wir in ihren Konflikten aufgehen und begreifen, dass Verlieben und Entlieben genauso schön und schmerzhaft sein kann, wie unter den Sehenden.

Nur das Vokabular ist ein anderes. Wie beschreibt man Liebe ohne ein visuelles Verständnis von Schönheit? Im Film sagt einer der Mitarbeiter den unvergesslichen Satz: "Liebe ist wie Schweinegulasch." Liebe als unvergesslicher Geschmack, als Aroma der Zuneigung. In diesen klugen Momenten vermittelt uns Lou Ye eine Welt, die den meisten von uns verschlossen ist.
"Blind Massage" ist deshalb nicht nur anrührend und voller Zuneigung für seine Figuren. Er vermittelt auch eine nie falsch verstandene Menschenliebe. Die Stimme aus dem Off sagt dazu: "Die Blinden sind sich der Sehenden bewusst. Sie gehen respektvoll mit ihnen um, wie mit den Geistern." Genauso geht Lou Ye, der sehende Regisseur, mit seinem zum Teil blinden Laiendarstellern um, die hier neben den professionellen, sehenden Schauspielern Seite an Seite spielen.

Die Verwirrung der Gefühle
Außerdem erweist sich Lou Ye erneut als aufregender Stilist. Seine bewegliche Kamera zeigt in "Blind Massage" immer die Hände der Figuren, fokussiert sich auf ihre Schultern und Gesichter, ertastet sich so ihren Alltag. Mal verwischt das Bild an den Rändern, die Farben bekommen etwas Milchiges und Undurchdringbares. Damit will der chinesische Filmemacher nicht das Blindsein imitieren, sondern den Seelenzustand seiner Protagonisten in Bilder fassen. Das gleiche gilt für die Tonspur, auf der sich die traurigen Instrumentalklänge des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson mit stark überhöhten Alltagsgeräuschen mischen. Daraus entwickelt Ye einen sehnsüchtigen Bilderstrom, der die Verwirrung der Gefühle so unmittelbar macht, wie man es aus dem asiatischen Kino gewöhnt ist.
"Blind Massage" ist bislang die eindringlichste Seherfahrung im diesjährigen Wettbewerb. Unmittelbares, reifes Autorenkino, wie man es eher aus Cannes und Venedig gewöhnt ist. Lou Yes Film ist der Sehende unter den Blinden. Aufregend, Anrührend und voller Leidenschaft katapultiert er sich an die Spitze der ganz großen Bären-Favoriten.














