Berlinale 2014: Filmstill "Zwischen Welten | Inbetween Worlds" mit Ronald Zehrfeld und Mohsin Ahmady (Quelle: berlinale.de/Copyright: Peter Drittenpreis/Independent Artists Filmproduktion)

"Zwischen Welten" | Wettbewerb - Suche nach Sinn

Feo Aladags Kriegsdrama spielt in Afghanistan und erzählt von der Freundschaft zwischen einem deutschen Bundeswehrsoldaten und seinem Übersetzer. Mit "Zwischen Welten" ist am Dienstag der letzte deutsche Film in den Wettbewerb gestartet. Von Ula Brunner

Ronald Zehrfeld möchte man nicht auf der Leinwand vermissen, einen physischen Schauspieler, dessen bullige körperliche Präsenz sich mit einem feinen Gespür für emotionale Nuancen verbindet. Dass das eine kraftvolle Mischung ist, die auch seinen Figuren Authentizität verleiht, hat er schon häufig bewiesen, zuletzt auch in Dominik Grafs Wettbewerbsbeitrag "Die geliebten Schwestern" als Wilhelm von Wolzogen. In Feo Aladags "Zwischen Welten" spielt er nun Jesper, einen Soldaten, der in eine dramatische Situation hineingeworfen wird und eine Entscheidung trifft, von der er am Ende nicht weiß, ob sie richtig war.

Ungebetene Eindringlinge

Der Bundeswehrsoldat Jesper meldet sich zum zweiten Mal im krisengeschüttelten Afghanistan zum Militäreinsatz, obwohl oder vielleicht auch gerade weil sein Bruder dort ums Leben kam. Er befehligt eine Truppe, die das kleine Dorf Sakhel vor den Taliban schützen soll. Den Soldaten zur Seite steht der jungen afghanische Dolmetscher Tarik (Mohsin Ahmady).

Tarik übersetzt nicht nur zwischen Deutschen und Afghanen, er versucht auch zu vermitteln und kulturelle Missverständnisse auszuräumen. Denn für die Deutschen, die von den Einheimischen als ungebetene Eindringlinge angesehen werden, ist es schwer, das Vertrauen der Dorfgemeinschaft und der verbündeten Arbaki-Milizen zu gewinnen. Für Jesper ist Tarik der einzige nähere Kontakt mit dem afghanischen Volk. Zwischen beiden bahnt sich nach und nach über das Arbeitsverhältnis eine Freundschaft an.

Doch seine Arbeit ist für Tarik nicht ungefährlich. Als "Kollaborateur" wird er von den Taliban bedroht und angegriffen. Auch seine Schwester Nala (Saida Barmaki), mit der er seit der Ermordung ihres Vaters zusammen lebt, hat Angst. Tarik erhält die Erlaubnis, Nala zu ihrem eigenen Schutz vorübergehend im Haus von Haroon (Abdul Salam Yosofzai), dem Kommandanten der Arbaki, wohnen zu lassen. Doch auf dem Weg dahin wird die junge Studentin angeschossen und schwer verwundet. Um sie zu retten, setzt sich Jesper über die Befehle seiner Vorgesetzten hinweg - eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen.

Die österreichische Regisseurin Feo Aladag, Marrakesch 2010; Foto: © dpa-Bildfunk
Regisseurin Feo Aladag.

Kluft zwischen den Kulturen

Die österreichische Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin Feo Aladag hat bereits mit ihrem Spielfilmdebüt "Die Fremde", die Geschichte über einen Ehrenmord, ihr Interesse an interkulturellen Fragestellungen bewiesen. In ihrem neuen Film geht es um die kaum zu überbrückende Kluft zwischen verschiedenen Anschauungen und Lebensweisen, auch um das Ringen um Verständnis.

In Parallelmontagen erzählt Aladag von den verschiedenen Welten ihrer Protagonisten: Da ist Jesper, der deutsche Soldat, der sich mit seiner Truppe in Panzern auf den Weg in das afghanische Dorf macht. Weite Landschaften, aber hinter jeder Straßenecke lauert die Gefahr eines Anschlags. Die Soldaten sind umsichtig, aber die Angst ist Jesper ins Gesicht geschrieben. Sie wissen, dass sie hier nicht erwünscht sind: "Ist es respektvoll, in unser Land zu kommen, und uns eure Regeln aufzudrängen", sagt Haroon einmal zu Jesper.

Auch Tarik ist vorsichtig und verbietet seiner Schwester Nala das Haus zu verlassen, weil er weiß, dass sie sich die Taliban zum Feind gemacht haben. Wie sehr Tarik durch seinen Job als Dolmetscher einerseits Vermittler ist, andererseits zwischen den Welten lebt, zeigt eine Szene: Beim Mittagessen im Camp sitzt er ganz alleine - weder bei den afghanischen Milizen, noch bei den deutschen Soldaten hat er seinen Platz gefunden.

Berlinale 2014: Filmstill "Zwischen Welten | Inbetween Worlds" mit Saida Barmaki und Mohsin Ahmady (Quelle: berlinale.de/Copyright: Peter Drittenpreis/Independent Artists Filmproduktion)
Der afghanische Dolmetscher Tarik (Mohsin Ahmady, rechts) lebt zwischen zwei Welten.

Sinnhaftigkeit des Krieges

Dokumentarisch, in langen Einstellungen, folgt die Kamera den Soldaten, die sich mit  Maschinengewehren im Anschlag vorsichtig durch zerschossene Gebäude tasten. Bedrohung, Paranoia und Tod gehören zum Alltag der Soldaten, aber auch der Bevölkerung.

Diese atmosphärische Dichte des Films ist gleichzeitig auch eine Schwachstelle: Feo Aladag lässt sich sehr viel Zeit, fast zu viel Zeit, um ein Gefühl dafür zu vermitteln, was es bedeutet, in Afghanistan zu leben. Eine straffere Dramaturgie hätte dem Film sicherlich gut getan. Gut, dass Zehrfelds darstellerische Energie die Handlung über solche Schwachstellen hinweg rettet und dass er in dem jungen Laiendarsteller Mohsin Ahmady einen überzeugenden Gegenpol gefunden hat.

Vor allem aus dem Zusammenspiel von Jesper und dem ruhigen Tarik, der immer wieder versucht, Dissonanzen durch sein Dolmetschen zu glätten, entwickelt "Zwischen Welten" genügend Spannkraft, um uns in das Geschehen zu ziehen. Im letzten Drittel schließlich zeigt der Film seine stärkste Dynamik, wenn er sich auf die wichtigsten Fragen dieses Krieges zuspitzt: Ist gegenseitiges Verständnis möglich? Hatte das Afghanistan-Mandat einen Sinn? Was wird aus dem Land, wenn die Truppen abziehen?

Bärenwürdig? - Das sagen die rbb-Kritiker

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Beitrag von Ula Brunner

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