
"Boyhood" | Wettbewerb - Erwachsenwerden vor der Kamera
Richard Linklaters "Boyhood" ist ein einzigartiges Filmprojekt. Seit 2002 hat er daran gearbeitet. Er erzählt darin vom Erwachsenwerden eines ganz normalen Jungen in Amerika. Am Ende sind Figuren und Darsteller zwölf Jahre älter als zu Beginn des Projekts. Jetzt hat der Vater der "Before Sunset"-Reihe das neue Werk auf der Berlinale vorgestellt. Das Ergebnis ist zumindest eine milde Enttäuschung. Von Fabian Wallmeier
Ein Junge liegt mit grüblerischem Gesichtsausdruck im Gras und schaut hoch in die Wolken. Ein junger Mann sitzt auf einem Felsen, neben ihm eine junge Frau. Zufrieden grinsend schauen sie in die Ferne. Mason heißt der Junge – und Mason heißt auch der junge Mann. Zwischen den beiden Szenen liegen 164 Filmminuten und zwölf Jahre Drehzeit. "Boyhood" zeigt den Weg eines ganz normalen Amerikaners vom Eintritt in die Grundschule bis zu seinem Auszug von zu Hause. Richard Linklater begann dieses filmgeschichtlich einzigartige Projekt im Jahr 2002, drehte jeweils im Abstand von neun bis 18 Monaten die nächsten Szenen – und hat das Ergebnis nun kurz nach seiner Weltpremiere beim Sundance Festival im Wettbewerb der Berlinale präsentiert.
Schon am Anfang des Films leben die Eltern des Jungen getrennt. Mason (Ellar Coltrane) lebt zusammen mit seiner Schwester Samantha (Linklaters Tochter Lorelai) bei der Mutter (Patricia Arquette), die noch zur Uni geht. Der Vater (Ethan Hawke) ist am Anfang verschwunden – und sieht die Kinder später zwar auch nur an den Wochenenden, wird aber doch zur prägenden Figur für beide. Linklater blendet keine Zeittafeln ein, sondern er lässt seinen Film einfach fließen: Dass wir nun wieder ein Jahr vorangeschritten sind, merkt man an den veränderten Frisuren der Eltern – und vor allem am Wachstum von Mason und Samantha.
Zwei saufende Ehemänner terrorisieren die Familie
Es sind nicht unbedingt die großen, einschneidenden Momente in Masons Leben, die Linklater uns zeigt. Wir sehen nicht den ersten Schultag, nicht den ersten Kuss, nicht den ersten Sex oder das erste Bier. Vielmehr zeigt Linklater ganz alltägliche Szenen und Konflikte einer Kindheit. Auch große Dramen gehören dazu: Die Mutter gerät gleich zweimal an Ehemänner, die erst zu saufen anfangen und dann beginnen, die Familie zu terrorisieren.
In erster Linie geht es Linklater aber darum, Normalität einzufangen, Alltag, auch Durchschnittlichkeit. "Ich wollte einfach einfangen, wie die Leben der meisten von uns sind", sagte er dazu auf der Pressekonferenz. Linklater hat seine Erfahrung damit, Figuren über viele Jahre hinweg zu begleiten: Julie Delpy und Ethan Hawke als Celine und Jessy lernten sich 1995 in seinem Film "Before Sunrise" kennen, trafen sich 2004 in "Before Sunset" wieder und hatten 2013 in "Before Midnight" eine Familie gegründet. Den jüngsten dieser Filme hatte Linklater erst im vergangenen Jahr auf der Berlinale vorgestellt, wenn auch außer Konkurrenz. Die Klugheit der Dialoge, die scheinbar mühelose Beiläufigkeit, mit der sie sich entfalten, und der warme Witz der Figuren sind noch in bester Erinnerung – gute Gründe für große Erwartungen an Linklaters bislang ambitioniertestes Langzeitprojekt.

Umso enttäuschender, dass er diese Erwartungen nur teilweise einlöst. Denn "Boyhood" ist eben kein "Before Adulthood". Während die Filme der Erfolgsreihe mit Delpy und Hawke jeweils nur wenige Stunden eine Tages einfangen, und das, was in den Jahren dazwischen passiert, nur extrem lückenhaft am Rande erzählt wird, hat "Boyhood" den Anspruch, eine ganze Kindheit einzufangen, wenn auch anhand von Ausschnitten. Linklaters Erzählung kann sich dabei nicht ganz entscheiden zwischen Realismus und Stilisierung. Manchmal schlägt die intendierte Beiläufigkeit schlicht in Belanglosigkeit um. Dann wieder, etwa wenn auch der zweite Mann der Mutter anfängt zu trinken, wirken Konstellationen zu gestelzt und schablonenhaft, um Authentizität zu versprühen.
"Eure Mutter ist eine sehr kluge Frau"
Immer wieder gibt es Szenen, die nur wenig damit zu tun haben, „wie die Leben der meisten von uns sind“, wie es Linklaters Anspruch war: Vor allem Hawke, aber auch Arquette haben viel zu geschliffene Dialogzeilen zu sprechen, als dass sie das Ziel der Normalität und Authentizität erfüllen könnten. Richtig fürchterlich schablonenhaft und hölzern wird es etwa in einer Restaurantszene, in der ein Kellner an den Tisch tritt und der Mutter dankt. Vor Jahren hatte sie ihn, als er im gerade zusammen mit Trinker-Ehemann Nr. 2 gekauften Haus die Rohrleitungen erneuerte, dazu ermuntert, etwas aus seinem Leben zu machen. Das hat er nun getan – und zum Dank gibt es das Familienessen nun umsonst. "Eure Mutter ist eine sehr kluge Frau."
Andere Szenen dagegen funktionieren hervorragend, wirken frisch und echt, beispielsweise die Restaurantszene, in der der Vater seinen Teenager-Kindern das Tragen von Kondomen empfiehlt. Vor allem Lorelai Linklater spielt die peinliche Berührung extrem glaubwürdig, und auch Ethan Hawke hat einen phantastischen Auftritt: Der Vater ist so sehr auf die eigene Lockerheit konzentriert, dass er den Kindern dabei unwillentlich immer unangenehmer wird.
Mason selbst ist in dieser Szene nur Beobachter – und das ist auch ganz gut so. Denn das Risiko, das Linklater damit eingegangen ist, zwei Kinder für ein solches Projekt zu besetzen, ohne zu wissen, wie sie sich in ihrem Erwachsenwerden vor der Kamera entwickeln würden, ist nur zur Hälfte aufgegangen. Denn im Unterschied zu seiner Tochter Lorelai ist aus Ellar Coltrane ein sehr limitierter Schauspieler geworden. Als junger Erwachsener schaut er nebulös in die Kamera, spricht irritierend unbetont und bewegt sich merkwürdig verzögert – was den Film in seinem letzten Viertel nicht unerheblich nach unten zieht.

Immer up to date: Potter, iPod und Obama
Linklater bemüht sich emsig, den Episoden seines Films einen zeitlichen Kontext zu verleihen, sei es nun ein popkultureller oder ein historischer. Er musste dabei seiner Intuition folgen – schließlich konnte er beim Dreh nicht mit Sicherheit wissen, was später für die jeweilige Zeit als prägend in Erinnerung bleiben würde. Er trifft dabei meistens ins Schwarze: wenn – vielleicht ein bisschen zu offensichtlich – bei einer Party eine iPod-Dockingstation abgefilmt wird, wenn der Vater sich über den Irak-Krieg aufregt oder sich im Präsidentschaftswahlkampf für Barack Obama einsetzt – oder wenn Mason um Mitternacht vor einem Buchladen dem Erscheinen des neuesten "Harry Potter"-Bands entgegenfiebert.
Ganz am Ende - Samantha lebt schon seit zwei Jahren in Austin - zieht auch Mason von zu Hause aus, begleitet von einem herzzerreißend gespielten Trennungstrauerausbruch von Patricia Arquette. Schließlich ist er in seinem Uni-Wohnheim angekommen – und wird von seinem Mitbewohner gleich mitgenommen auf die Bergwanderung, die auf das Schlussbild auf dem Felsen zuläuft. Zugedröhnt von zuvor eingeworfenen Drogen sitzt Mason nun neben der Zimmernachbarin, der Freundin seines neuen Mitbewohners, und die beiden beginnen, über das Leben zu schwadronieren: über den Moment, den man pflücken müsse, oder vielmehr den Moment, von dem wir gepflückt würden. Über den Moment, der ja im Grunde immer die Gegenwart sei.
Die Kindheit (oder vielmehr "Boyhood") lässt Mason damit nun hinter sich, und vor ihm tut sich der nächste Lebensabschnitt auf. Wie es ihm darin ergehen wird, werden wir wohl nie erfahren – zumindest hat Linklater nicht vor, einen weiteren Film zu drehen. Doch bei ihm kann man das nicht so genau wissen. Denn wer hätte 1995 gedacht, dass wir Jesse und Celeste 2004 und 2013 wieder begegnen würden?

















