
"Chiisai Ouchi (Das kleine Haus)" | Wettbewerb - Arigato, Mr. Yamada
Yoji Yamada ist einer der wenigen noch lebenden Altmeister des japanischen Kinos. Sein Stil: Klassisch, keine Experimente. Seine Genre: Das Melodram. Auf der Berlinale beschließt sein Film "The little house" den Wettbewerb. Ein schöneres Ende kann man sich nicht wünschen. 'Danke, Mr. Yamada', sagt Patrick Wellinski.
Eine Frau zieht Bilanz: Die kinderlose Taki schreibt ihre Lebensgeschichte nieder. Nach ihrem Tod findet der junge Takeshi die Aufzeichnung seiner Tante. Yamadas Film "The Little House" erzählt in eleganten Rückblenden Takis Geschichte. Es ist die Geschichte einer Haushälterin, die im Tokio der 1930er Jahre bei einer Familie arbeitet, deren Sohn eines Tages an Kinderlähmung erkrankt. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, rücken viele Männer an die Front. Einer der wenigen, die übrig bleiben, ist der Kunsthochschulabsolvent Shoji, der für den Hausherrn arbeitet. Taki und die Hausherrin verlieben sich in den jungen Mann. Allerdings kann das Liebesdreieck gegen die Umwälzungen der Zeitgeschichte nicht bestehen.
Meisterliche Kunst der Ruhe
Dieser stille und selbstbewusste Film ist wahrer Balsam für die geschundene Festivalseele. "The Little House" verfügt über eine erzählerische Eleganz und Klarheit, die vieles überstrahlt, das auf dieser 64.Berlinale gezeigt wurde. Wir merken sofort, dass hier ein Altmeister am Werk ist. Die wohl kadrierten Bilder fangen den Alltag dieser Familie ein, wie es in dieser Gelassenheit nur das japanische Kino vermag. Wir sehen, wie die Haushälterin sich langsam in die Familie integriert. Wie sie ein inniges Verhältnis mit dem Sohn hat, ihn während der Kinderlähmung auf ihrem Rücken zum Arzt trägt. Wir sehen auch, wie gut sie sich mit der Hausherrin versteht und wie aufopferungsvoll sie sich um die Gäste des Hauherrn Masaki kümmert. Über diese gewöhnlichen Handlungen wachsen auch uns diese Figuren ans Herz.
Die Zeitgeschichte hingegen ist der ungesehene Rhythmusgeber dieses Films. Dabei verbleibt die Handlung immer in der kleinen Villa in Tokyo, bei der Familie. Von den Entwicklungen des Zweiten Weltkrieges erfahren die Figuren aus der Zeitung, von Besuchern oder aus dem Radio. Ansonsten begeistert an Yamadas Film die Erfahrung der Stille. In diesem Haus ist es still, wie man es heute nicht mehr kennt. Keine Handygeräusche, kein Verkehr, kein Summen und kein Piepen, einfach nur Stille. Das wirkt so befremdlich wie auch erleuchtend. Und in einem Wettbewerb, der dieses Jahr keine Welterkenntnisse bot, ist dieser Film eine einzige Erleuchtung.
Stilvolles Kino, keine Taschenspielertricks
In seinen Filmen gibt es kein Suchen nach dem richtigen Bild, kein Testen, Feilen oder Probieren. Jede Einstellung, jede Sequenz ist durchdacht und genau konstruiert. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Man spürt keinerlei Unsicherheit, sieht keine Taschenspielertricks wie in so vielen anderen Wettbewerbsfilmen. Hier wird stilvolles Kino demonstriert. Die Gefühle sind rein und voller sehnsüchtiger Ehrlichkeit. Das Melodram als Genre hat es daher nicht immer leicht. Kitschig, sagen die Zyniker. Aber es hat nichts Kitschiges, wenn Menschen ihre unerfüllten Träume und Lebensentwürfe im Strudel der Zeitgeschichte verlieren. Wem schwer fällt das zu akzeptieren, der geht dem Leben aus dem Weg.














