
Erster deutscher Wettbewerbsfilm - Sozialdrama auf Augenhöhe der Kinder
Gleich vier deutsche Filme konkurrieren um die goldenen und silbernen Bären im Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele. Die ARD-Koproduktion "Jack", ein Sozialdrama um einen zehnjährigen Jungen und seinen kleinen Bruder, die von der Mutter im Stich gelassen durch Berlin stromern, hat den Auftakt gemacht. Von Anna Wollner
Eigentlich ist "Jack" ein Fall fürs Jugendamt: Jack und Manuel, neun und sechs Jahre alt, Halbgeschwister, werden von ihrer äußerst jungen und berufstätigen Mutter oft alleingelassen. Sie ziehen durch die Parks und Straßen des Viertels und vertreiben sich die Zeit. Das Unglück kommt, als Manuel (Georg Arms) sich bei einem Unfall im Bad die Beine verbrüht und Jack (Ivo Pietzcker) die Schuld dafür gegeben wird. Er kommt in ein Heim, in dem er sich als Neuling erst noch behaupten muss und mit Heimweh kämpft. Als zu Beginn der Sommerferien keiner kommt um ihn abzuholen, geht Jack alleine nach Hause. Doch da ist keiner. Manuel findet er in der Wohnung eines Freundes. Von der Mutter im Stich gelassen streunen sie alleine durch die Stadt, schlafen in Tiefgaragen und auf Parkbänken.
Aus der Perspektive der Kinder
Dabei ist die Kamera von Jens Harant immer auf Augenhöhe der Kinder. Erwachsene haben hier nichts verloren. Die Geschichte der Mutter wird – dankenswerterweise – ausgespart. Sie wird zur hilflosen Randfigur, die ihre Jungs mit zum Grillen in den Park nimmt, wo sie rumalbern können mit Freunden. Die nachts den Sex mit einer Neueroberung unterbricht um Jack einen Toast zu schmieren. Sicher, der Junge hätte sich auch alleine etwas zu Essen machen können, immerhin ist er derjenige, der morgens das Frühstück macht. Aber das zaghafte Klopfen an der Schlafzimmertür und der Moment, in dem er sich direkt neben das Paar im Liebesspiel vereint auf die Matratze setzt, ist ein stummer Hilfeschrei. Ein Versuch, Aufmerksamkeit zu bekommen und klar zu machen, wer der Mann im Haus ist: Jack.
Eine Kindheit, die sich nicht wiederholen soll
Manuel, der kleine Bruder mit den blonden Locken ist für Jack ein Spiegel seiner eigenen Kindheit. Einer Kindheit voller Verantwortung und ohne Mutter. Eine Kindheit, die Manuel erspart bleiben soll. Als Jack nach dem Diebstahl eines Fernglases überstürzt das Einkaufszentrum verlässt, fällt ihm auf der Rolltreppe nach unten ein, dass er seinen kleinen Bruder vergessen hat. Und kehrt um - direkt in die Hände des Kaufhausdetektivs.
Sozialdrama ohne Kitsch
"Jack" ist ein Sozialdrama, ganz leise, ohne Pathos, das weder ins prekäre Berlin-Klischee abdriftet noch zum moralingeschwängerten Fingerzeig-Spiel wird – und in seiner Kühle und Stringenz an die Dardenne-Brüder erinnert. Nach einem Drehbuch von Nele Mueller-Stöfen, inszeniert Edward Berger eine Geschichte, die durch einen Alltagsmoment inspiriert wurde. Zusammen mit seinem Sohn spielte er Fußball, als ein kleiner Junge mit einem Schulranzen vorbeilief und den eigenen Spross kurz grüßte. Das sei Jack, kommentierte der Sohn. Ein Junge aus einem Heim, der am Wochenende bei seiner Mutter sei.

Neuentdeckung Ivo Pietzcker
Eben dieser Jack wird im Film von Ivo Pietzcker gespielt. Der Elfjährige hat bis zu den Dreharbeiten noch nie vor einer Kamera gestanden und bringt eine lebendige Frische mit, die bei deutschen Kinderdarstellern oft keine Selbstverständlichkeit ist. Die emotionale Welt von Jack findet sich in Ivos Spiel wieder. Wenn er mit Manuel im Schlepptau oder alleine durch die Stadt rennt und versucht seinem eigenen Leben einen Schritt voraus zu sein. Damit wird nicht nur Ivo, sondern auch "Jack" zum ersten Berlinale-Highlight.














