Berlinale 2014: Filmstill "Macondo" mit Aslan Elbiev, Ramasan Minkailov (Quelle: berlinale.de/Copyright: FreibeuterFilm)

"Macondo" | Wettbewerb - Parallelgesellschaft am Rande der Stadt

Ramasan muss viel Verantwortung übernehmen – obwohl er erst elf Jahre alt ist, ist er der Mann in der Familie. Zusammen mit Mutter und Schwestern lebt er in einer Wiener Flüchtlingssiedlung. Regisseurin Subadeh Mortezai erzählt nüchtern und mit großer Natürlichkeit aus dem Leben dieses Jungen. Schade ist nur, dass sie keine interessanten Perspektiven findet, die über das reine Abfilmen des Geschehens hinausgehen. Von Fabian Wallmeier

Wenn es einen roten Faden in diesem Berlinale-Jahrgang gibt, dann sind es die vielen jungen Hauptdarsteller, die sich mit dem Erwachsensein oder -werden auseinandersetzen müssen. Das setzt sich auch am letzten Tag des Wettbewerbs fort. "Wir haben das doch schon tausend Mal besprochen", sagt der elfjährige Ramasan leicht genervt zur Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde. "Es steht doch in den Akten." Ramasan ist ein Flüchtlingskind, seine Mutter hat ihn mitgenommen zur Behörde, als Übersetzer. Der Vater ist, so heißt es jedenfalls, ist im Tschetschenien-Krieg gefallen, die Mutter mit ihren Kindern nach Österreich geflüchtet.

Doch Ramasan ist viel mehr als das Sprachrohr der Mutter - das zeigen nicht nur die ausgefeilten, nicht mit ihr abgesprochenen Worte an die Sachbearbeiterin. Auch ansonsten muss er viel Verantwortung übernehmen. Während die Mutter arbeitet, kümmert er sich um die kleinen Schwestern. Er geht einkaufen. Und es wird von ihm erwartet, dass er in die Moschee geht, weil sich das so gehört für die Männer in der Gemeinschaft. "Elf Jahre ist erwachsen genug", sagt er einmal zu einem Sozialarbeiter. In seiner Heimat sei das normal. Der Mann widerspricht ihm entgeistert: "Nein, hier in Österreich ist das nicht erwachsen genug."

Die Familie lebt in einer Flüchtlingssiedlung am Rande Wiens. "Macondo" haben sie einst chilenische Flüchtlinge getauft, nach dem fiktiven Ort, in dem Gabriel Garcia Márquez' Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" spielt. Es ist nicht unbedingt ein einsames Leben, das die Menschen hier führen - es gibt sehr viele tschetschenische Familien hier, man trifft sich im Innenhof der Wohnanlage, man organisiert eigene Feste.

"Bist du deppert?"

Doch es ist ein isoliertes Leben: isoliert von der Mitte der österreichischen Gesellschaft. Die tritt nur dann und wann in Form von Sozialarbeitern, Polizisten, Integrationskursen oder keifenden Grundstückseigentümern auf, und wirkt dann wie ein Fremdkörper. "Die Mitte wird zum Rand und der Rand wird zur Mitte" – auf diese Formel bringt Regisseurin Subadeh Mortezai die Konstellation, in der sie den Film angesiedelt hat. Thema des Films ist dabei weniger das Ausgegrenztsein vom Leben der anderen, sondern vielmehr das unabhängige eigene Leben, das innerhalb dieser Parallelwelt entsteht.

Macondo ist natürlich alles andere als eine homogene Welt - Menschen aus aller Welt leben dort zusammen, und es herrscht teilweise ein rauer Umgangston. "Das ist nichts für Schwarze", sagt etwa einmal einer der Jungen, mit denen Ramasan seine Freizeit verbringt, zu einem anderen.

Im Grunde tun diese Jungs einfach nur, was Jungs halt klassischerweise so tun: Sie streunern im Wald und auf Baustellen herum, prügeln sich, machen Blödsinn. Ramasan ist eher Mitläufer als Anstifter. "Bis du deppert?", fährt er einen älteren Freund in schönstem, nur leicht akzentgefärbtem Wienerisch an, als der aus reiner Lust am Verbotenen, Destruktiven ein Auto zerkratzt. Doch später übertritt auch Ramasan die Schwelle der Legalität: Er wird beim Klauen erwischt.

Natürlich und echt, aber filmisch unterambitioniert

Den Gegenpol zu diesen unguten Einflüssen bildet der Nachbar Asin, der sich als Freund und Kamerad des Vaters ausgibt und Ramasan dessen Uhr überreicht. Doch das Verhältnis des Jungen zu diesem väterlichen Freund ist ambivalent: Auch wenn Ramasan sich insgesamt überfordert fühlt von der Verantwortung, die er innerhalb der Familie hat: Ratschläge von einem Fremden anzunehmen, das geht im gegen die Ehre. Und dann steht auch noch ein schwerer Vorwurf im Raum: Dieser Fremde soll dabei gewesen sein, als der Vater starb - aber warum hat er ihn dann nicht gerettet, sondern nur sich selbst?

Subadeh Mortezai beobachtet in ihrem Langfilmdebüt Ramasans Leben in Macondo genau, lässt die Darsteller, die sie allesamt dort gecastet hat, sehr natürlich agieren und ihre eigenen Erfahrungen mit einbringen. Vor allem dem jungen Hauptdarsteller Ramasan Minkailov schaut man gern dabei zu, wie er mit großer Natürlichkeit die Szenen bestimmt.

Der Regisseurin gelingt damit ein echt wirkender Ausschnitt aus einer Parallelgesellschaft am Rande der Stadt. Filmisch allerdings ist "Macondo" deutlich unterambitioniert. Mortezai hat sich für einen zu nüchternen Stil entschieden. Die Kamera filmt das Geschehen ab, ohne unerwartete oder gar spannende Perspektiven einzunehmen. Die Geschichte selbst bleibt am Ende angenehm offen. Es gibt keine Lösung, manche Fragen bleiben unbeantwortet - auch wenn insgesamt sehr versöhnliche Töne angeschlagen werden.

Bärenwürdig? - Das sagen die rbb-Kritiker

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