Juli 2013 - Platzecks Rücktritt, Streit um Flüchtlinge und Conergy-Pleite

Nach einem leichten Schlaganfall verkündet Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck nach elf Jahren im Amt seinen Rücktritt - ihm folgt Dietmar Woidke. Ein neues Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf sorgt für Konflikte und löst eine andauernde Asyldebatte aus. Und mit der Insolvenz von Conergy gerät die Solarbranche weiter ins Straucheln.

"Platzeck, 40 bis 50 Stunden kannst du gut und gerne arbeiten. Aber 80 Stunden: vergiss es." - auf Anraten seines Arztes zieht Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck die Konsequenzen aus seinem leichten Schlaganfall im Juni und kündigt seinen Rücktritt für Ende August an.

Damit endet eine Ära in Brandenburg: Elf Jahre lang ist Platzeck Ministerpräsident gewesen. Und was bis dahin noch nach einem Teilrückzug aussieht - sein Direktmandat (Uckermark I) als Landtagsabgeordneter will Platzeck zunächst behalten - wird zum Totalausstieg: Platzeck kündigt im Dezember an, sich ganz aus der Politik verabschieden zu wollen. Bei der Landtagswahl 2014 tritt er nicht mehr an.

Der Rückzug sei schmerzhaft, sagt Platzeck, aber ein Weitermachen "wäre mit einem erheblichen Risiko verbunden", das er dem Land, aber auch seiner Familie nicht zumuten wolle.

Sein Amt übernimmt der bisherige Innenminister Dietmar Woidke. Bei seiner Wahl zum Ministerpräsidenten erhält er mehr Stimmen, als die rot-rote Koalition hat - 59 von 87 Abgeordnete stimmen für ihn. Als Innenminister rückt der bisherige SPD-Landtagsfraktionschef Ralf Holzschuher nach. Neuer Fraktionschef wird der bisherige Generalsekretär des Brandenburger SPD-Landesverbands, Klaus Ness.

Streit um Asylpolitik: Widerstand gegen Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf

Im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf stemmen sich Bürger gegen ein geplantes Flüchtlingsheim. Auf einer Bürgerversammlung kommt es zu massiven - auch ausländerfeindlichen - Protesten gegen die neue Unterbringung von bis zu 400 Asylbewerbern. Auch die rechtsextreme NPD macht bei der Informationsveranstaltung Stimmung.

Bürgerversammlung in Hellersdorf am 9.7.2013. Thema war das geplante Asylbewerberheim (Bild: O. Soos, rbb-Inforadio)
Auf einer Bürgerversammlung zum Hellersdorfer Flüchtlingsheim kommt es zu massiven Protesten.

Es gründet sich eine Bürgerinitative, die verhindern will, dass Asylbewerber in der ehemaligen Hellersdorfer Schule untergebracht werden. Daraufhin bildet sich das Bündnis "Hellersdorf hilft", dass sich mit den Flüchtlingen solidarisch zeigt. Es demonstriert mit einer Menschenkette in Hellersdorf gegen Fremdenfeindlichkeit und organisiert Sachspenden wie Kleidung oder Spielzeug. Im Oktober erhält die Initiative dafür den Zivilcourage-Preis.

Der Streit um das Hellersdorfer Asylbewerberheim ist der Auftakt für eine andauernde Diskussion über den Umgang mit Flüchtlingen in Berlin und Brandenburg. Aufgrund der steigenden Flüchtlingszahlen braucht das Land Berlin dringend neue Heime. Alle bestehenden 30 Unterkünfte sind überfüllt. Im Jahr 2012 hat Berlin 3.518 neue Asylbewerber aufgenommen - rund 52 Prozent mehr als 2011. Für dieses Jahr wird nach einer Prognose des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge mit etwa 5.000 neuen Asylbewerbern gerechnet.

Schleichender Niedergang der Solarbranche: Conergy meldet Insolvenz an

Die Solarindustrie galt einst als Boom-Branche in der Region. Doch das Blatt hat sich längst gewendet. Im Juli meldet der einstige Börsenstar Conergy Insolvenz an. Vor sechs Jahren war das Unternehmen an der Börse 2,2 Milliarden Euro wert, im Juli 2013 sind es weniger als 20 Millionen. Conergy hat im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 473,5 Millionen Euro einen operativen Verlust von 83 Millionen Euro erwirtschaftet.

Der Wirtschaftsstandort Frankfurt (Oder) erleidet damit einen weiteren Rückschlag. Ende 2012 hatte der US-Solarmodul-Hersteller First Solar seine beiden Werke in Frankfurt geschlossen. Andere Solarhersteller wie Q-Cells (Bitterfeld-Wolfen) und Solon (Berlin) hatten bereits 2012 den Gang zum Insolvenzgericht antreten müssen.

Conergy Solar Module GmbH in Frankfurt (Oder) (Bild: dpa)
Der nächste Solarhersteller gerät ins Straucheln: Conergy meldet Insolvenz an.

Für Conergy gibt es Ende November einen Hoffnungsschimmer: Geschäftsführung und Insolvenzverwalter kündigen bei einer Betriebsversammlung mit, dass der chinesische Hersteller Astronergy den Produktionsbetrieb von Conergy in Frankfurt (Oder) kaufen will. Rund 200 Arbeitsplätze sollen durch die Übernahme langfristig gesichert werden, 80 Jobs werden dagegen abgebaut. Auch für den zweiten Conergy-Produktionsstandort, das Gestellwerk Mounting Systems im brandenburgischen Rangsdorf, sei eine Lösung in Sicht, heißt es. Hier sollen von einst 200 noch 150 Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Was sonst noch im Juli geschah

Jahresrückblick 2013

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