September 2013 - Steigende Mieten, Wasserbetriebe und sittenwidrige Löhne

Berlins Wohnungsproblem wird immer drängender - in der Hauptstadt wird zunehmend gegen steigende Mieten protestiert. Um nicht auch noch die Nebenkosten weiter explodieren zu lassen, beschließt die Stadt, die Wasserbetriebe zurückzukaufen. In Templin sorgt derweil ein Dumpinglohn für Empörung.

Ein Lieblingswort der Berliner lautet "Gentrifizierung": In der Innenstadt finden Normalverdiener kaum noch bezahlbaren Wohnraum, angestammte Mieter werden durch steigende Mietpreise aus ihren Kiezen verdrängt.

Dagegen regt sich Protest: Dem bundesweiten Aktionsbündnis "Keine Profite mit der Miete!" gelingt es im September, nach eigenen Angaben 2.500 Menschen auf Berlins Straßen zu locken, um gegen steigende Mieten zu protestieren. Mehr als 30 Initiativen schließen sich dem Aktionsbündnis an.

Experten bestätigen die gefühlte Wirklichkeit auf Berlins Wohnungsmarkt: Das Wohnungsangebot wird sich laut Wohnungsmarktbarometer 2013 weiter verknappen, wohingegen die Mieten weiter steigen werden. Vor allem bei preiswerten Wohnungen übersteige die Nachfrage das Angebot stark, heißt es in dem Bericht im Oktober. Die Experten erwarten in den nächsten drei Jahren keine Entspannung.

Auch der Berliner Senat erkennt das Problem und will die Liegenschaftspolitik grundsätzlich neuausrichten. So sollen die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften beim Bau neuer Wohnungen unterstützt werden. "Neubau ist das Gebot der Stunde", sagen auch die Wohnexperten im jüngsten Wohnungsmarktbarometer-Bericht.

Berlin will Wasserbetriebe zurückkaufen

Zugleich gibt der rot-schwarze Senat grünes Licht für den vollständigen Rückkauf der Berliner Wasserbetriebe.

Berlins Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos), Foto: dpa
Finanzsenator Ulrich Nußbaum sitzt selbst im Aufsichtsrat der Wasserbetriebe.

Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) kauft nach den Anteilen des RWE-Konzerns zum Jahresende auch die verbleibenden 24,95 Prozent der Wasserbetriebe vom französischen Unternehmen Veolia für 590 Millionen Euro zurück. Damit gehören die Wasserbetriebe wieder dem Land. Nach den Plänen des Finanzsenators soll der Rückkauf über die kommenden 30 Jahre finanziert werden.

Die Wasserpreise selbst sollen in Berlin zum Jahreswechsel erneut um 15 Prozent sinken - allerdings zum Preis eines Sparprogramms: 300 bis 400 Stellen sollen in den nächsten Jahren sozialverträglich abgebaut werden. Derzeit arbeiten bei den Wasserbetrieben nach Unternehmensangaben rund 4.600 Menschen. Der Berliner Wassertisch kritisiert die Sparpläne, die Gewerkschaft Verdi hingegen sieht sie als Chance, die Wasserbetriebe personell zu verjüngen.

Dumpinglöhne für Pizzaboten in Templin

Ein Pizza-Lieferservice in der Uckermark lässt seine Angestellten in Niederlassungen in Schwedt und Prenzlau zum Teil für Stundenlöhne zwischen 1,59 und 2,72 Euro arbeiten. Das sieht zumindest das Arbeitsgericht Eberswalde als erwiesen an und verurteilt den Unternehmer wegen sittenwidriger Löhne. Damit muss zum ersten Mal ein Unternehmer in Brandenburg wegen sittenwidriger Löhne Geld an ein Jobcenter zurückzahlen.

Personen betreten eine Arbeitsagentur © dpa - Bildfunk
Die Jobcenter prüfen, wenn Unternehmer auffällig niedrige Löhne zahlen.

In den Arbeitsverträgen der Pizza-Firma steht laut Gericht, das geringfügig Beschäftigte mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 14 Stunden zwischen 100 bis 150 Euro brutto pro Monat verdienen. Vollzeitkräfte erhalten laut Vertrag bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 Wochenstunden 430 Euro brutto.

Acht der Mitarbeiter erhielten eine Aufstockung vom Jobcenter Uckermark. Als die Behörde von den niedrigen Löhnen erfährt, klagt sie gegen den Betreiber und bekommt recht. Der Unternehmer muss rund 11.000 Euro zurückzahlen.

Im November verurteilt das Arbeitsgericht Eberswalde einen Pizza-Lieferdienst aus Templin in einem ähnlichen Fall: Der Lieferservice soll drei Angestellten einen Stundenlohn von 1,79 Euro gezahlt haben.

Was sonst noch im September geschah

Jahresrückblick 2013

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