Brandenburgs Parteien auf Jungwählerfang - Mach's ab 16

Brandenburgs Parteien umwerben vor allem die ganz jungen Erstwähler im Land. Denn neuerdings dürfen hier schon 16-Jährige bei einer Landtagswahl mitentscheiden. Doch die interessieren sich durchaus für ernste Themen. Von Ute Zauft

Auf dem Bett streckt ein zerknautscht dreinblickender Hund alle Viere von sich. "Sonntags auch immer hundemüde?", prangt über dem Wahlkampfmotiv der Brandenburger SPD. Der dazugehörige Ratschlag: "Mach Briefwahl und schlaf aus!" Die Empfehlung zur Briefwahl ist ein beliebtes Motiv im Brandenburger Landtagswahlkampf, um die Jungwähler anzusprechen, die an dieser Landtagswahl erstmals schon ab 16 Jahren teilnehmen dürfen. Auch die Grünen haben ein Postkartenmotiv, bei der die Briefwahl für Anfänger erklärt wird.

Wahlkampf-Flyer mit dem Brandenburgs SPD um die Stimmen von Erstwählern wirbt. (Quelle: SPD)

Offenbar haben die Parteien Bedenken, dass die Jugend am Wahltag nicht rechtzeitig aus dem Bett kommen könnte. Davon geht wohl auch die "Wahlwecker"-Kampagne (siehe Infokasten) aus: Sie erinnert die Jugend am Wahltag auf Wunsch per SMS ans Wählengehen.

Kleine Gruppe mit großer Wirkung

Die Jugendlichen sind in Brandenburg eine relativ kleine Wählergruppe: Unter den 2,1 Millionen Wahlberechtigten im Land gibt es laut Bevölkerungsstatistik nur rund 120.000 Erstwähler, davon sind rund 38.000 jünger als 18 Jahre. Dennoch ist die Gruppe der Jungwähler nach Einschätzung des Soziologen Klaus Hurrelmann ausgesprochen wichtig. Denn im politischen Verhalten und in den politischen Präferenzen der Jugendlichen seien "seismographische Signale" verborgen, betont der Jugendforscher von der Berliner Hertie School of Governance.

"Die Art und Weise, wie die Jugendlichen auf politische Fragen reagieren, ist eine Art früher Signalgeber für das ganze politische System", so Hurrelmann. So sei bereits in den 1980er Jahren mit einem Vorlauf von fünf Jahren an den Einstellungen der Jugendlichen erkennbar gewesen, welche Stärke die Grünen später haben würden, so Hurrelmann.

Nach Einschätzung des Soziologen sind die Jugendlichen also die "Trendsetter" des politischen Systems. Darauf haben sich die Parteien in Brandenburg im Wahlkampf mit unterschiedlicher Verve eingestellt. Durchgesetzt hatte die Herabsetzung des Wahlalters die rot-rote-Koalition 2011 mit Unterstützung der Grünen, die CDU war damals dagegen. Dementsprechend zurückhaltend sind die Christdemokraten auch in der Ansprache der Erstwähler ab 16: "Happy Hour 8-18 Uhr", heißt es auf dem Wahlflyer für die Jung- und Erstwähler - mit der Fußnote: "Nur gültig am 14. September." Auf der Rückseite steht der Aufruf, am 14. September wählen zu gehen. Zentral organisierte Wahlkampfveranstaltungen, die speziell die jugendlichen Wähler ansprechen sollen, seien nicht geplant, erklärt Pressesprecher Martin Burmeister. "Dafür reichen die Ressourcen nicht", fügt er hinzu. Stattdessen wird es den Wahlkreiskandidaten überlassen, in Eigeninitiative zum Beispiel an Schulen speziell die Jungwähler anzusprechen.

Woidkes Lieblingssongs

Das Engagement von SPD und Linken ist ein wenig ausgeprägter. Neben Postkartenmotiven, bei denen faule Katzen und Hunde zur Briefwahl aufrufen, hat die SPD ein Heft im Hosentaschenformat herausgegeben, das "die coolsten Orte" im Land auflistet. Darin erfahren die Jungwähler auch, zu welchen fünf Songs Spitzenkandidat Woidke am liebsten Joggen geht.

Der Jugendverband der Linken hat für den Wahlkampf ein spezielles Jugendwahlprogramm aufgestellt und startet am 1. September zu einer Wahlkampftour. "Wir möchten öffentliche Plätze im Land für den Dialog mit den Jugendlichen erobern", erklärt die Jungkandidatin Isabelle Vandre. Nachmittags gibt es in den Innenstädten Infostände mit Tischkicker und Meckerwänden, abends lädt die Jugendorganisation zu Poetry Slams, Filmvorführungen und Diskussionen ein.

Gemeinsam ist allen Parteien die Ansprache der Jungwähler mit einem kumpelhaften "Du". Wirft man jedoch einen Blick auf die Themen, die die Unter-18-Jährigen umtreiben, wirken sie trotz ihres jugendlichen Alters ausgesprochen besonnen. "An erster Stelle der politisch dringenden Themen stehen bei den 12- bis 17-Jährigen Arbeitslosigkeit, Umweltschutz und Umweltzerstörung", weiß Jugendforscher Hurrelmann aus seinen Studien.

Punkten könnten hier unter Umständen die Grünen. "Wir wollen die Jungwähler nicht unbedingt mit speziellen Aktionen erreichen, sondern vor allem über unsere Themen", so der grüne Pressesprecher Simon Zunk. Im Wahlkampf gehen die Brandenburger Grünen aber auch direkt auf die Schulhöfe. Mit einer "Tierschutztour" fahren sie von Schule zu Schule, um mit den Nachwuchswählern ins Gespräch zu kommen.

Bei der U-18-Wahl gewann die CDU

Doch noch sind die Erstwähler unter 18 eine schwer einzuschätzende Gruppe. Kurz vor der Europawahl wurde in Brandenburg eine sogenannte U-18-Testwahl organisiert,  an der fast 2.800 Kinder und Jugendliche teilnahmen. Repräsentativ ist diese Abstimmung nicht, doch die damalige Wahlgewinnerin war die CDU mit 24,3 Prozent. Die SPD erreichte 16,4 Prozent, die Linke 10,9 und die Grünen 10,6 Prozent.

Interpretieren lässt sich dieses Ergebnis in unterschiedliche Richtungen. Die Wahlverlierer argumentieren, dass hier vor allem die Stärke der CDU unter Angela Merkel zur Geltung gekommen sei. Es könnte aber auch sein, dass eine Generation heranwächst, die schlichtweg konservativer ist als ihre Eltern. Auch Jugendforscher Hurrelmann erkennt bei der nachwachsenden  Generation insgesamt eine "konservative Grundhaltung", die manch einen früheren Revoluzzer überraschen mag.

"Sonntags auch immer hundemüde?"

Beitrag von Ute Zauft

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