rbb-Intendantin Dagmar Reim begrüßt die Gäste des ersten rbb StudioCampus (Quelle: Thomas Ernst/rbb)

Dagmar Reim, Intendantin des Rundfunk Berlin Brandenburg - Eröffnungsrede zum ersten rbb StudioCampus

Am 18. Februar 2014 trafen beim ersten rbb StudioCampus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des rbb zusammen. Dagmar Reim, Intendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg, begrüßte die Gäste und ludt zum konstruktiven Austausch ein.

 

Sehr geehrte Frau Ministerin Kunst,
sehr geehrter Herr Professor Rennert,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die Geschichte von einem, der Pech hatte: 52 Jahre lang hat der australische Physiker John Mainstone eine äußerst langwierige (manche sagen: langweilige) Versuchsanordnung betreut. Er wartete auf einen Tropfen; als Beweis, dass Pech zwar wie ein Feststoff scheint – ist es doch bei Raumtemperatur hart wie Stein und brüchig wie Glas - jedoch keiner ist.

Zu diesem Zweck goss 1927 (die Älteren unter uns erinnern sich) in Brisbane, Australien,  ein Wissenschaftler heißes Pech in einen unten verschlossenen Trichter. Er wartete drei Jahre, bis dieses sich gesetzt hatte, öffnete dann den Trichter und wartete erneut.
Kaum waren acht Jahre vergangen, da löste sich der erste Tropfen Pech, dem neun Jahre später der zweite folgte. Undsoweiterundsofort. Von 1961 an betreute John Mainstone diese Versuchsanordnung – fünf Tropfen lang (macht mehr als fünf Jahrzehnte). Noch lange nach seiner Pensionierung.

Die Formulierung "er war vom Pech verfolgt" hat sich in diesem Sommer kaum ein Journalist verkneifen können. Denn im August starb der Physiker, ohne je eine einzigen der Tropfen fallen zu sehen.  Einmal, 1988, war er nur schnell Kaffee holen. Das nächste Mal, im Jahr 2000, versagte bei der eigens angebrachten Digitalkamera die Technik – ausgerechnet im "Pitch-Drop-Moment".

Das Pechtropfen-Experiment und der glücklose Professor war eine der Nachrichten aus der Wissenschaft, die 2013 international mit Aufmerksamkeit rechnen konnte. Sie werden fragen: Gab´s da nix Wichtigeres im vergangenen Jahr? Und Sie haben Recht. Aber diese Meldung hatte eben einfach alles, was es braucht, um Leserinnen, User, Hörerinnen und Zuschauer – nach Journalistenmeinung – glücklich zu machen: eine Geschichte (gar eine besonders kuriose), ein Gesicht (das des leicht skurril wirkenden Forschers) sowie einige Sekunden eindrucksvolles Bildmaterial (ein Tropfen in Slow-Motion, denn in Irland, wo ein solcher Versuch seit 1944 läuft, ist es im Sommer geglückt, einen Pechtropfen beim Fallen zu filmen). Die überschaubare Komplexität des Nachweises, dass Pech eine äußerst zähflüssige Angelegenheit ist, wird ebenfalls zur Popularität der Nachricht beigetragen haben.

Hier zeigt sich - im Umkehrschluss – eine wesentliche Crux des Wissenschaftsjournalismus´. Vielen wichtigen Nachrichten aus der Welt des Wissens fehlen die oben beschriebenen Ingredienzien. Die Themen? Meist hochkomplex. Die Geschichte zur Meldung? Viel zu kompliziert. Und das Gesicht der Story? Lost im Forscherstübchen oder zumindest schwer ortbar in den SFBs und Wissenschaftsclustern dieser Welt.

Der Journalist hingegen muss seinen Beitrag auf einen Kern reduzieren. Wer Geschichten greifbar machen will, der muss sie oft personalisieren und damit Wiedererkennen ermöglichen. Ein kleiner Held oder ein Anti-Held muss her, der die Geschichte trägt. Abstraktes flutscht schnell weg, auch und gerade in Fernsehen und Radio. Niemand kann zurückblättern, einen Absatz noch einmal lesen. Gute Journalisten, solche, die Wegweiser sein wollen und sollen, müssen Kompliziertes einfacher, Unverständliches auf’s erste Hören verständlich, Nicht-Anschauliches anschaulich machen. Erst dann können sie auch Wege durch den Informationsdschungel weisen, die keine Irrwege sind.

Zwei gegensätzliche Interessen treffen an diesem Punkt aufeinander. Wissenschaftliche Genauigkeit gegen Verständlichkeit. Das ganze Werk gegen den Ausschnitt. Populär formuliert: Ölschinken gegen Miniatur, Aufguss gegen Essenz. Aber es ist wichtig, Wissenschaft nicht ausschließlich einem kleinen, erlesenen Publikum zu präsentieren, das weiß, was Komorbiditäten, Synchrotronstrahlung und Luminosität sind.

Ich höre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Saal seufzen, die schon einmal mit einem Fernsehteam unterwegs waren. Ein ganzer Drehtag, vielleicht sogar zwei für fünf Minuten Film – wenn es ein langes Werk ist… Zu platt, zu banal erscheint Ihnen das alles, nie gibt es ausreichend Sendezeit, um alle Höhen und Tiefen der Forschung zu erklären. So mancher Wissenschaftler ist verzweifelt, wenn er sehen muss, wie wenig von seiner Arbeit am Ende übrig bleibt. Trösten Sie sich. Ich habe auch schon Journalisten in die Knie gehen sehen angesichts ganz besonders ausführlicher Erklärungen im Sinne von "Habe nun, ach, so viel studiert und geforscht und verstanden und zu sagen…" 

Wichtig ist: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erhält Beiträge. Von Ihnen allen. Sie sind unsere Shareholder. Und Sie haben ein Recht darauf, dass wir seriös arbeiten. Seriös und vorurteilsfrei. Sie ermöglichen uns durch Ihre Finanzierung den zweiten Gedanken, die dritte Frage und die vierte Recherche. Wir sollten uns hüten vor Alarmismus und Sensationshuberei. Aber auch vor dem grassierenden Expertenwahn. Sie allen kennen Ihren Kollegen, Prof. Dr. Dingens, der prinzipiell und zu allem fundiert Stellung zu nehmen bereit ist. Gern auch mit Ferndiagnosen. Wir sollten uns vor ihm hüten. Wir sind nicht die Zeitung mit den großen Buchstaben und das stets shitstormfähige Erregungsmedium. Wir sollten – uraltmodische Regel – nie schneller senden als denken.

Mit welchen Vorurteilen, welchen Erwartungen begegnen Journalismus und Wissenschaft einander? Wie können wir auch schwierige Themen vermitteln und ein Gleichgewicht von Differenziertheit, Genauigkeit, Simplizität und Schlagzeile erreichen? Darüber wollen wir heute miteinander ins Gespräch kommen. Ich freue mich sehr, dass Sie beim ersten Wissenschaftstag im rbb zu Gast sind.

Die Region, in der Sie forschen und lehren, und für die wir senden, ist einer der spannendsten Wissenschaftsstandorte überhaupt. Die Universitäten, Forschungseinrichtungen, Hochschulen, Gründerzentren und Technologieparks in Brandenburg und Berlin, von denen Sie heute zu uns gekommen sind – sie sind so vielfältig wie innovativ, gesellschaftlich wie wirtschaftlich bedeutend. Es sind Einrichtungen, die – so unterschiedlich sie auch sein mögen – eines eint: Sie sind Ausdruck einer Wissenschaft, die die Welt, in der wir leben, verstehen und – wenn möglich - verbessern will. Sie stehen für Weltoffenheit und Vernetzung. Und Sie geraten – auch darum sind Sie heute hier – zunehmend unter Druck. Warum? Die Wissenschaft in unserem Jahrtausend gleicht einem Schlachtfeld. Es ist eine auf den ersten Blick unblutige Schlacht um Aufmerksamkeit von Gremien, Vergabeausschüssen – ich sage nur Drittmittel - , Medien, von Lesern, Rankings, Kollegen, Zuschauerinnen oder Hörern. Und es ist natürlich eine Schlacht um Geld. Fördermittel bekommt lediglich jenes Projekt, das eine gewisse Reichweite hat. Allein jene Wissenschaftler, die auch Erfolge vorweisen können, setzen sich von der Konkurrenz ab. Und woran erkennt man den Erfolg? An großen Veröffentlichungen in renommierten Fachpublikationen. An Kongresspräsenz. An Geschnatter und Gezappel im Netz. Und – last but not least – an Schlagzeilen.

So versuchen immer mehr Institute mit mehr oder minder professionellen PR-Abteilungen, immer mehr Schlagzeilen zu produzieren. Oft genug finden die Meldungen ihren Weg ins Internet, Online-Portale stellen sie unkommentiert auf ihre Homepage. Und plötzlich landen sie in den Resultaten der Googlesuche ganz oben, wo viele sie lesen. Wie will der Leser, die Zuschauerin oder der Nutzer sie gewichten. Nicht zu durchschauen, nicht mehr einzuordnen. Was ist eine relevante Meldung, was lediglich eine PR-Masche?

Es ist die Aufgabe von Wissenschaftsjournalisten, die verschiedenen Erkenntnisse abzuwägen und unterschiedliche Positionen darzustellen. Was dabei schief gehen kann, erleben wir immer wieder. Schwarze Löcher, die Schweinegrippe, und – erst neulich – die dramatischen Schlagzeilen zum Welt-Krebsbericht: Rasant-drastisch werde sie steigen die Zahl der Krebskranken bis 2030. Millionen Menschen hat diese Nachricht zumindest irritiert, manche davon ängstlich gemacht. Dass nur wenige Tage später der Berliner Wissenschaftler Gerd Gigerenzer das WHO-Zahlenwerk zur "Unstatistik des Monats" erklärt hat, werden die Wenigsten mitbekommen haben. Der Nachtrag der leider in den meisten Berichten unter den Tisch gefallenen Relation "Steigende Lebenserwartung = Höheres Krebsrisiko" schaffte es nicht mehr auf die Titelseiten. Was sagen diese Beispiele über Wissenschaft und Medien, über ihr Zusammenspiel, ihre Interdependenzen, ihre Gegensätze? Einfache Antworten gibt es nicht.


Im rbb gehen wir daher schon seit einiger Zeit, neue Wege. Wir haben die verschiedenen Redaktionen, die zuvor mitunter in regelrechten Paralleluniversen an Wissenschaftsthemen gearbeitet haben, besser vernetzt. Das Projekt multimediale Wissenschaft unter der Leitung von Ilona Marenbach hat Sendungen wie den Science Slam entwickelt und arbeitet an neuen Formaten und Ideen, um von Forschung über Hochschulpolitik bis zu Science-StartUps die Wissenschaftsregion Berlin-Brandenburg noch besser darstellen zu können.
Wie holen wir Wissenschaft aus den redaktionellen Nischen in alle journalistischen Formate – das ist eine der Fragen, die uns umtreibt, und die wir heute beim StudioCampus gemeinsam diskutieren wollen. Ich bitte alle Kolleginnen und Kollegen, die sich bei uns im rbb mit Wissenschaft beschäftigen, einmal kurz aufzustehen. Das erleichtert es Ihnen, unsere Gästen später zwanglos mit uns ins Gespräch zu kommen. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse und zuversichtlich: Diese Versuchsanordnung wird weniger langwierig und langweilig verlaufen als das Pechtropfen-Experiment. Vielen Dank.