
Claudia Pechstein auf Rekordjagd - "Irgendwann siegt die Gerechtigkeit"
Sie ist die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin und erlebt ihre sechsten Olympischen Spiele. Es könnten die siebten sein, doch vor vier Jahren war Claudia Pechstein gesperrt - wegen eines Dopingvorwurfs, der bis heute umstritten ist. In Sotschi nun ruhen auf ihr die letzten Hoffnungen der deutschen Eisschnellläufer. Am 19. Februar startet sie über 5.000 Meter, im Alter von 41 Jahren.
Wohl keine andere Sportlerin in Deutschland ist so umstritten wie Claudia Pechstein: Auf der einen Seite ist sie die viel umjubelte erfolgreichste deutsche Wintersportlerin. Neben fünf Olympiasiegen und vier weiteren olympischen Medaillen hat sie es auf unzählige internationale und nationale Titel gebracht. Und mit ihrer sechsten Olympia-Teilnahme in Sotschi, ob mit oder ohne weitere Medaille, wird sie sich wohl endgültig in die Annalen des deutschen Sports eintragen. Unnötig zu sagen, dass sie mit ihren 41 Jahren zu den ältesten Sportlerinnen zählt, die jemals an Olympischen Spielen teilgenommen haben.
Die Frau, die aus der Kälte kam
Doch Pechstein ist nicht nur extrem erfolgreich, sie ist auch extrem ehrgeizig und besitzt ein ausgeprägtes Machtbewusstsein. Konkurrentinnen wie Anni Friesinger (Inzell) oder zuletzt Stephanie Beckert (Erfurt) mussten sich von Pechstein immer wieder kritisieren lassen. Die "Zeit"-Journalistin Jana Simon hat sie kürzlich als "effizient, diszipliniert, kontrolliert" beschrieben - als eine "Frau, die aus der Kälte kam". Und der Sport-Publizist Klaus Blume zeigte sich Ende vergangenen Jahres im Deutschlandradio überzeugt, dass der Einfluss Pechsteins weit genug reicht, um letztlich auch bei der Zusammenstellung des deutschen Kaders ein Wörtchen mitzureden.
Doch seit 2009 kämpft die Powerfrau nicht nur gegen ihre Konkurrenz, sondern auch gegen den Doping-Schatten, der sich über ihre Karriere gelegt hat. Wer Pechstein in den vergangenen Monaten beobachtet hat, weiß, dass am Ende eines langen Weges nur eine einzige Frage über ihren Ruf entscheiden wird: Hat sie gedopt oder nicht?
"Mein Leben hatte keinen Sinn mehr"
Aktuell prozessiert Claudia Pechstein gegen die Internationale Eislauf Union (ISU) und verlangt 3,5 Millionen Euro Schadensersatz. Der Grund: Die ISU hat Pechstein im Februar 2009 für zwei Jahre gesperrt - ein Jahr vor den Olmypischen Winterspielen in Vancouver - wegen eines Dopingverdachts, der nie bewiesen werden konnte. Auf dem Höhepunkt ihrer glanzvollen Karriere gab es plötzlich einen "Fall Pechstein".
Welche Gefühle sie damals bewegten, beschrieb sie Ende Januar bei einem Auftritt im der rbb-Sendung "Sportplatz": "Ich wollte mir damals eine Brücke suchen, mein Leben hatte keinen Sinn mehr. Das einzig Positive war, dass ich meinen jetzigen Lebenspartner Matthias Große kennengelernt habe. Das ist das einzige Glück daran gewesen. Sonst war alles ganz, ganz schlimm."
"Dopingstempel auf der Stirn"
Seitdem kämpft Pechstein um Gerechtigkeit. Mehrmals hat sie sogar Selbstanzeige erstattet, um die internationale Sportgerichtsbarkeit sowie den nationalen und internationalen Verband aus der Reserve zu locken. Denn der Vorwurf des Blutdopings konnte nie bewiesen werden. Er stützte sich lediglich auf Indizien - ein Umstand, auf den sich Pechstein noch heute beruft.
"Diesen Dopingstempel werde ich noch eine ganze Weile auf der Stirn tragen müssen", sagt sie. Doch dass der Anteil frischer roter Blutkörperchen (Retikulozyten) bei Messungen immer wieder über den Grenzwerten liegt, habe nichts mit Doping zu tun, sondern sei auf eine erblich bedingte Blutanomalie zurückzuführen.

Im März 2010 wurde dies auch durch ein medizinisches Gutachten bestätigt, das die Eisschnellläuferin selbst in Auftrag gegeben hatte, doch erst im Februar 2011, nach Ablauf der zweijährigen Sperre, konnte Pechstein wieder starten. "Es ist so, dass ich sehr viel Aggressivität gegen die ISU in mir habe. Ich will das bei dem wichtigsten Wettkampf in Sotschi aufs Eis bringen", erklärte Pechstein, die nach wie vor darum kämpft, dass die Rechtswidrigkeit ihrer Sperre festgestellt wird.
"Bei mir gibt es keinen Beweis. Weder eine positive Probe, noch eine Substanz im Blut oder Urin wurden bei mir festgestellt, und das ist der Unterschied zu allen anderen wirklichen Dopingfällen", sagte Pechstein zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele dem rbb. "Wenn mir jemand einen Beweis bringt, dann werde ich aufhören zu kämpfen. Aber wer nicht kämpft, hat schon verloren. Mein Kampf geht dahin, dass ich Gerechtigkeit möchte, egal wie lange es dauert. Irgendwann siegt die Gerechtigkeit."
Noch nie ohne Medaille zurückgekommen
Ob sie auch selbst noch einmal siegen kann, wird sich Mitte Februar zeigen. Wenige Tage vor ihrem 42. Geburtstag wird sie dann noch einmal bei Olympia starten - über 1.500, 3.000 und natürlich über 5.000 Meter, der Strecke, auf der sie 1994, 1998 und 2002 bei drei aufeinander folgenden Olympischen Winterspielen Gold gewonnen hat - auch dies ein Rekord in einer an Rekorden reichen Karriere.
In Sotschi allerdings wartet mit der Tschechin Martina Sablikova die amtierende Olympiasiegerin über 3.000 und 5.000 Meter - eine Frau, die in dieser Saison fast alles gewonnen hat - und die 15 Jahre jünger ist als Pechstein. Es wird also darauf ankommen, ob die vielfache Rekordhalterin aus Berlin noch einmal gegenhalten kann, acht Jahre nach ihren letzten Spielen in Turin. Doch ohne Medaille ist sie noch nie von Olympischen Spielen zurückgekommen, und das soll auch so bleiben. Eine Medaille sei "sehr realistisch", sagt Pechstein.
"Ich bin in einer super Verfassung und nehme das Ziel, meine zehnte Medaille zu gewinnen, ganz klar an", sagte Pechstein. Nach einem knapp vierstündigen Flug landeten die Berlinerin und 13 weitere Eisschnellläufer ein gute Woche vor der Eröffnungsfeier als erste der deutschen Olympia-Teilnehmer in Sotschi.











