Interview mit Wladimir Kaminer - Kommt nach Sotschi!
Der Schriftsteller Wladimir Kaminer wurde in Moskau geboren, lebt seit 25 Jahren in Berlin - und hält Deutschen wie Russen gern mit einer ordentlichen Portion Humor den Spiegel vors Gesicht. Im rbb-Interview sagt Kaminer, die Russen wüssten selber nicht, was sie von olympischen Winterspielen in Sotschi halten sollten. Das Geld sei aber eh schon weg, also: jetzt hinfahren und Spaß haben.
Freuen Sie sich auf die Spiele von Sotschi?
Ich bin auf jeden Fall anderer Meinung als der deutsche Präsident. Ich bin der Meinung, dass man da hinfahren muss. Wissen Sie, das Geld ist schon ausgegeben. Das sind, glaube ich, die teuersten Spiele der Welt. Und jetzt kann eigentlich nur gefeiert werden.
Man kann natürlich auch sagen, man setzt ein Zeichen, indem man nicht fährt und regt die Diskussionen auf diese Weise an.
Aber was ist das denn für eine Diskussion, wenn man nicht fährt? Ich halte einen Boykott nicht für eine sinnvolle Einladung zu einer Auseinandersetzung. Man muss hinfahren, mit den Menschen reden, genau deswegen. […] Viel wichtiger wäre es, wenn normale Bürger, also keine Präsidenten, sondern einfache Menschen hinfahren.
Hätten Sie denn selbst Lust oder tun Sie es vielleicht sogar?
Ich bin kein großer Fan von Wintersport. Aber ich kann auch von hier aus die Spiele sehr gut verfolgen, mit meiner Mutter vor dem Fernsehen. Außerdem mache ich eine Alternative zum Wintersport, die "Gastrolympics". Die machen wir in Hamburg in einem Restaurant, mit Essen, Saufen und Tanzen.
Kommen wir mal auf die realen Winterspiele zurück. Da heißt es im Westen oft, dass sind "Putins Spiele", der russische Präsident will sich damit wichtig machen. Trifft das den Kern?
Unter anderem. Sicher waren die Spiele seine Erfindung. Allein schon die Auswahl des Ortes spricht dafür. Es gibt so viele viel besser geeignete Orte für Winterspiele in Russland, ganz Sibirien kann man sich sehr gut vorstellen. Und dass Putin sich ausgerechnet für Sotschi entschieden hat – er sucht nach Herausforderungen, glaube ich.
Sie sagen Herausforderungen. In Sotschi muss man für Schnee sorgen und so weiter. Aber warum ausgerechnet Sotschi, was glauben Sie?
Naja, ich glaube, Putin ist schon so lange allein im Kreml, der muss auf niemanden hören. Der macht einfach das, was ihm beim Frühstück durch den Kopf geschossen ist. Der war mal in Sotschi, hat gedacht "was für eine schöne Stadt, machen wir doch die Winterolympiade hier, wäre ganz lustig".
Was haben die Russen von diesen Spielen?
Ich glaube, die Russen wissen selbst noch nicht, was sie von diesen Spielen haben werden, vor allem die Einwohner in dieser Stadt. Wenn sie diese Spiele lieben, wenn sie ihre Häuser nicht verlieren, werden sie - glaube ich - schon eine nachhaltige Entwicklung für ihre Region merken. Auf jeden Fall wurde da sehr viel gebaut. Auch die teuerste Straße der Welt übrigens. Für diese 48 Kilometer lange Straße haben sie 200 Millionen Dollar pro Kilometer ausgegeben. Allein schon, um diese Straße zu sehen, muss man hinfahren, finde ich.

Nun sagen aber wiederum viele Menschen, das viele Geld, das hätte man doch sinnvoller woanders reinstecken können.
Ja, das stimmt. (lacht) Aber jetzt ist das Geld schon dort. Das ist schon ausgegeben, das kommt nicht zurück. Während die Deutschen eben versuchen, fleißig ihre Steuern zu sparen, haben es die Russen für vollkommen sinnlose Winterspiele ausgeben. Also jetzt muss gefeiert werden, finde ich.
Sie haben ja familiäre Kontakte in die Region. Die Familie ihrer Frau lebt im nördlichen Kaukasus, das ist nicht so weit. Kriegen Sie von denen Signale?
Sie haben die schlechtere Karte gezogen. Von dem ganzen Spaß bekommen sie wenig mit, dafür aber sehr viel von den neuen Sicherheitsmaßnahmen. Ich glaube, diese Region ist zurzeit der sicherste Ort der Welt, wenn man die Sicherheit an der Zahl der Sicherheitsleute messen würde.
Das Interview führte Dietmar Ringel, Inforadio






