Reisetagebuch Etappe 9, Teil 2 -
Seoul - Busan (12.-21.03.13)
Wir machen - mal wieder – Grenzerfahrungen, erleben, dass südkoreanische Schüler fortschrittlicher lernen als deutsche und treffen einen echten Prinzen.
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Rhee Seok ist der Enkel des 26. Königs der Joseon-Dynastie
Jeonju ist auch die Wiege der alten Joseon-Dynastie (1394-1910), die den Konfuzianismus als Religion in Korea propagierte. Wir bekommen eine Audienz beim letzten Prinzen der Joseon-Dynastie, Rhee Seok, der nach einem bewegten Leben in fußläufiger Entfernung zum Schrein seiner Ahnen wieder in Jeonju lebt. Rhee Seok wuchs mit 12 Geschwistern in einem Palast in Seoul auf. Doch die Wirren der Zeiten setzten seiner Familie hart zu. Sein Großvater und sein Onkel wurden, wie er uns erzählt, von den japanischen Besatzern durch Gift umgebracht. Er selbst war 9 Jahre alt, als der Korea-Krieg begann.
Seine Familie musste wie viele vor den nordkoreanischen Truppen nach Busan fliehen. In Südkorea jagte die spätere Militärdiktatur seine Familie aus dem Land. Er lebte 10 Jahre in den USA, bevor er nach Korea zurückkehren konnte. Er hat studiert und von einem Leben als Botschafter in Spanien geträumt, doch daraus wurde nichts. Auch sein Vermögen, das er unter anderem bei deutschen Banken angelegt hatte, hat sich in Luft aufgelöst.
Der Prinz nimmt uns mit zum Jogyeongmyo-Schrein
Bei einer amerikanischen Airbase in Südkorea startete er seine zweite Karriere als Sänger. Hier unterhielt er die Soldaten mit seinem Gesang und noch heute, mit 72 Jahren, die man ihm nicht ansieht, tritt er als Lee Seok hin und wieder live auf und hat CDs aufgenommen. Obwohl das Gespräch in Gegenwart seiner Frau und zweier Sekretäre zunächst formell beginnt, entpuppt er sich als äußerst charmanter und guter Erzähler. Zum Schluss willigt er ein, mit uns noch durch die Altstadt zum Schrein seiner Ahnen zu gehen. Überall hat er ein freundliches Wort, hebt eine herumfliegende Plastiktüte auf und ist zunehmend umringt von Fans auch unter ausländischen Touristen aller Altersklassen. Geduldig steht er in seinem goldgelben Gewand bereit für Schnappschüsse. Dann ist die Audienz zu Ende, und vor seinem Haus müssen wir uns rückwärts gehend mit einigen Verbeugungen entfernen. So hatte es uns sein Sekretär deutlich empfohlen, und huldvoll wirkt uns der letzte Prinz des einst stolzen Kaiserreichs Korea nach...
Heute war frei in Jeonju
Sonntag bis Donnerstag, den 17.03.2013 bis 21.03.2013 - Wir machen einen drehfreien Tag in Jeonju. Am Sonntag geht es dann entlang der Westküste nach Süden. Das Team freut sich darauf, denn die Jungs haben seit Monaten kein Meer mehr gesehen.
Ebbe und Regen an der Küste von Jelloanam-do
Doch heute ist unser Wettergott schlecht gelaunt. Die schönen Inseln haben sich in einen Dunstschleier gehüllt, am Ufer sehen wir nur Schlick, denn es ist gerade Ebbe, und bei 8 Metern Tidenhub ist das Wasser sehr weit weg. Immerhin riecht es nach Meer.
Tidenhub von 8 Metern
Und dann fängt es immer heftiger an zu regnen. Selbst Thomas, der noch versucht hatte, unter einer Plane zu drehen und dem Nieselregen etwas Stimmungsvolles zu geben, packt nun die Kamera weg. Die ganze Nacht schüttet es, und als wir am nächsten Tag auf die Insel Jindo fahren, ist es immer noch trübe.
Hundeschule in Jindo
Dort sind wir verabredet in der staatlichen Zucht- und Forschungsanstalt für den Jindo-Kae, eine koreanische Hunderasse, die nur auf dieser Insel gezüchtet wird und sogar zu den nationalen Naturdenkmälern, No 53 zählt. Ein Tiertrainer führt uns auf dem Parcours vor, was sein Hund Mindo an Kunststücken gelernt hat.
Der Trainer zeigt uns, was Mingo alles drauf hat
Er springt auf seine Schulter und durch Reifen, er stellt sich tot und spielt verwundet und hisst zur Nationalhymne die südkoreanische Flagge. Diese Hunde sind sehr treu und gelehrig, waren ursprünglich Jagdhunde auf der Insel Jindo und finden immer wieder hierher zurück. Damit man sie verkaufen und woanders halten kann, werden sie früh vom Muttertier getrennt und in den ersten drei Monaten auf das künftige Herrchen oder Frauchen geprägt. Ältere Tiere können die Insel nicht mehr verlassen. An unserem Drehtag sehen wir hier ca. 40 dieser Jindo-Hunde in Zwingern, die für die Zucht ausgewählt sind. Leider sind die Welpen gerade alle vor zwei Monaten von einem Virus dahingerafft worden. Irgendwie eine traurige Geschichte, finde ich, und wir verlassen die Insel wieder.
Nachmittags ist das Wetter wieder auf unserer Seite
Auf dem Weg Richtung Busan machen wir einen Abstecher in den Jirisan-Nationalpark. Dort wollen wir die Nacht in einem buddhistischen Kloster verbringen und erfahren, wie die Frauen und Männer dort leben. Dieses Thema hat offenbar ein gutes Karma, den auf dem Weg in die Berge kommt am Nachmittag die Sonne wieder hervor und unsere Stimmung steigt.
Die Auffahrt zur imposanten Tempelanlage Hwaeomsa ist mit Lampions geschmückt. Ursprünglich bereits 544 gegründet, wurde es während der japanischen Invasion im 16. Jahrhundert niedergebrannt und im 17. Jahrhundert wieder aufgebaut. Einzelne Teile sind jedoch über 1000 Jahre alt und als nationale Kulturgüter registriert. Als wir gegen 18 Uhr eintreffen, warten ein Mönch und eine Nonne noch auf uns, um uns kurz in den Ablauf des Lebens hier einzuführen. Dazu gehört, dass sie um 19 Uhr schlafen gehen, denn das Ritual des Trommelns zur Morgenandacht beginnt um 3.30 Uhr! Uns war zwar klar, dass es hier um Einfachheit geht, Verbundenheit mit der Natur und "emptiness", um Erleuchtung zu erlangen.
Die Bettwäsche im Kloster ist schick und nicht unbequem
Aber die Schlafräume, die uns zugewiesen werden, scheinen mir doch etwas zuviel „emptiness“ zu bieten. Sie sind ganz einfach leer. Dann findet sich hinter einer Schiebetür doch noch eine harte Unterlage, eine Decke und Kopfkissen, und jeder von uns bekommt eine Mönchskutte aus grauem groben Stoff. Es ist keine Pflicht, sie anzuziehen, aber Gregor, Ingo, Lupi und ich tun es aus Respekt und weil es in diese Umgebung besser passt als unsere bunte Outdoorbekleidung. Es gibt jeweils Gemeinschaftstoiletten und -Duschen für Männer und Frauen, doch dafür muss man nach draußen.
Gregor und Ingo werden – in echten Mönchoutfits! - zur Teezeremonie geladen
Unter einem wunderbaren Sternenhimmel, der durch kein Fremdlicht gestört wird, ist es kalt und kostet Überwindung. Rauchen und alkoholische Getränke sind auf dem gesamten Gelände verboten. Wir sollen uns still verhalten und so wenig wie möglich stören, dann dürfen wir uns überall auf dem Gelände mit der Kamera umsehen. Das Kloster ist übrigens sehr aufgeschlossen für Besucher und bietet verschiedene Programme als Temple Stay an, unabhängig vom Glauben, der Religion oder Vorkenntnissen.
Morgendlichen Ruf zum Gebet - um 3:30 Uhr !
Thomas, Ulli und ich verabreden uns, um 3.20 Uhr drehbereit zu sein. Den anderen Teamkollegen ist es freigestellt, denn Ingo und Gregor müssen am nächsten Tag noch länger Auto fahren. Und doch sind alle zur Stelle, als in tiefer Dunkelheit die große Trommel geschlagen wird.
Das morgendliche Gebet im Hwaeum-Kloster
Die Morgenandacht ist eine sehr intime Szene, wo jeder sich in Demut vor der Natur verneigt. Als sie beendet ist, ist es immer noch stockdunkel. Dann kommt zögernd das Morgengrauen, aber es vergehen noch Stunden, bis die Sonne erste wärmende Strahlen über die Berggipfel schickt. Die Berge haben für die Koreaner eine besondere Bedeutung. Sie verbinden Himmel und Erde. Und sie geben Geborgenheit, sagt einer der Mönche. Wie ein Kind im Mutterleib mit Lebenskraft genährt wird, so fühle er sich in den Bergen. Als er leichtfüßig am Bach durch den Bambuswald läuft, sieht es aus wie auf einem alten koreanischen Seidengemälde.
Wir fahren weiter zum Deutschen Dorf auf die Insel Namhae
Wir fahren wieder Richtung Küste. Unser Ziel: das Deutsche Dorf auf der Insel Namhae. Die Brücke erinnert ein wenig an die Golden Gate Bridge in San Francisco. Als wir am Ortseingang das Schild "German Village" passieren, fühlen wir uns schlagartig wie in der Heimat. Mit roten Ziegeln gedeckte Häuser, gepflegte Vorgärten mit Gartenzwergen, "Mainzer Haus" und "Café Bremen".
„German Village“ – in der Nähe von Namhae
Auf der Strasse empfangen uns fünf deutsche Bewohner, die uns als Gasteltern in ihren Privathäusern beherbergen wollen: "Ich nehme zwei Stück", "ich hätte gern einen von den jungen Männern", "ich nehme die Koreaner", und schon haben wir alle ein Quartier gefunden und werden am großen Esstisch von Familie Engelfried zu einem zünftigen deutschen Abendbrot eingeladen. Ein Festessen für das Fernost-Team!
Café Bremen
Das deutsche Dorf wurde vor über 10 Jahren gegründet, für Rückkehrer aus Deutschland, die durch das Anwerbeabkommen ab den 60er Jahren als koreanische Gastarbeiter jahrzehntelang in Deutschland gearbeitet haben - die Frauen als Krankenschwestern, die Männer als Bergleute. Die deutsch- koreanischen Paare, die wir hier treffen, sind dann im Pensionsalter nach Korea ausgewandert, haben sich ihre Häuser selbst gebaut und die deutsche Lebensart mitgebracht: Mieleküchen, Fliesen, Fenster.
Am Abend grillt Armin Theis für uns hausgemachte Thüringer
Armin Theis ist Hobby-Fleischer und stellt in seinem Keller geräucherte Mett-Enden, Thüringer Bratwurst, Nußschinken und Leberwurst her, seine koreanische Frau backt Vollkornbrot und Brötchen. Am Abend sind wir dann alle zum Grillfest eingeladen. Mit einem herzlichen Dankeschön für die Gastfreundschaft verabschieden wir uns am nächsten Morgen und fahren an der wunderschönen Südküste entlang in die Hafenstadt Busan.
Die Küste halt eine wunderschöne Aussicht für uns bereit
Es ist der 21. März. Frühlingsanfang! Und mein letzter Drehtag. Die Sonne scheint, die ersten Kirschbäume, Magnolien und Kamelien blühen, auch Palmen gibt es hier an der Riviera Koreas. In Busan erwartet uns Ansgar Frerich, der letzte Reisegefährte und Autor der 10. Etappe, die nach Japan führen wird. Beim gemeinsamen Abendessen habe ich ihm, dem lieben Kollegen, nun den virtuellen Stift für das Reisetagebuch übergeben.
Team Korea am letzten Drehtag dieser Etappe
Südkorea und seine Menschen haben wir alle ins Herz geschlossen. Das zeigen auch die neuen Aufkleber auf den Heckscheiben von Vasco und Maggie.
Special thanks - Kamsahamnidaaaaa - an: Lupi, Yoseph und unseren besonnenen Leit-Fahrer Mr. Seo.
Thomas, Ulli, Gregor, Ingo: ihr seid Spitze, jeder für sich und als Team unschlagbar!
Ich wünsche Euch noch viele gute Erlebnisse, Begegnungen und Geschichten auf dem letzten Teil der Reise. Bringt das Abenteuer gut zu Ende! In vier Wochen seid auch ihr zu Hause.
Impressionen der chinesischen Mauer und unserer Überfahrt nach Südkorea. Wir machen - mal wieder - Grenzerfahrungen, erleben, dass südkoreanische Schüler fortschrittlicher lernen als deutsche und treffen einen echten Prinzen.