Gisela May zu Gast im Studentenkeller "Zur Rosen" in Jena (Aufnahedatum unbekannt, Quelle: dpa)
Bild: FSU-Fotozentrum

Abschied von Gisela May - Keine sang Brecht so wie sie

Sie war die vielleicht größte deutsche Brecht-Interpretin. Ein Star auf der Bühne des Berliner Ensembles und in Konzerthallen weltweit. Sie war – die May! 

30 Jahre lang spielte Gisela May am Berliner Ensemble. Die Rolle ihres Lebens war zweifelsohne Brechts "Mutter Courage“. Auch wenn sie jüngere Zuschauer wohl vor allem als nörgelige, aber liebenswerte "Muddi" aus der ARD-Krimiserie "Adelheid und ihre Mörder" kennen. Jetzt ist Gisela May im hohen Alter gestorben.

Vita

Geboren wird Gisela May 1924 im hessischen Wetzlar. Ihre Mutter Käte ist Schauspielerin und Mitglied in der Kommunistischen Partei. Ihr Vater ist der Schriftsteller Ferdinand May – SPD-Mitglied, ein leidenschaftlicher Kriegsgegner.

"Ich bin aufgewachsen in der Nazi-Zeit. Durch das Elternhaus bin ich nicht der Gefahr unterlegen, den Nazis auf den Leim zu gehen. Ich hatte ein künstlerisch sehr engagiertes Elternhaus, sodass mein Vater mich bereits, als ich zwölf Jahre alt war, an Brecht herangeführt hat. Wir hatten bereits die erste Schallplatte von der "Dreigroschenoper", die ich mit zwölf, dreizehn Jahren gehört habe, als wenn das Schlager waren."

Die Familie zieht nach Leipzig, wo Vater Ferdinand ein Kollektiv junger Schauspieler leitet. Gisela besucht dort die höhere Mädchenschule. "Und als ich mich so mit dreizehn Jahren entschlossen hatte, Schauspielerin zu werden, da war das Glück meiner Eltern groß. Im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen, die sich erst einmal gegen Widerstände durchsetzen mussten."

1942 bewirbt sie sich an der Leipziger Schauspielschule. Sie studiert bis 1944. Die Kriegsjahre erschüttern sie tief.

Nach dem Krieg entscheidet sich die junge Schauspielerin Gisela May für das sozialistische Deutschland. Erste Engagements folgen an Theatern in Dresden, Schwerin und Halle. 1951 holt sie Intendant Wolfgang Langhoff nach Berlin ans Deutsche Theater. Hier spielt sie vielseitige Rollen: von der Marie aus Büchners "Woyzeck" bis zur durchtriebenen Königstochter Regan in Shakespeares "King Lear".

Für die DEFA steht sie immer wieder vor der Kamera. 1956 spielt sie im Krimi "Treffpunkt Aimée" eine Westberliner Schmugglerin. Gisela May heiratet 1956 den Journalisten Georg Honigmann. Doch viel Zeit bleibt nicht fürs Privatleben, denn am Deutschen Theater wird das Gesangstalent der May entdeckt – bei einer Matinee mit Songs von Hanns Eisler, dem berühmten Komponisten der DDR-Nationalhymne. Neben ihrer Schauspielkarriere wird Gisela May Chanson-Sängerin. Eisler-Kompositionen wie "Zwei liebevolle Schwestern" machen sie berühmt.

In der DDR avanciert Gisela May zum Star! Ab den 60er Jahren tourt sie mit ihren Brecht-Chansons durch die ganze Welt. Ob in Paris, Moskau, Sydney oder der Carnegie Hall in New York – sie erobert das Publikum, selbst wenn die Zuschauer kein Deutsch verstehen. Die May – der größte Export-Schlager der DDR!

Die Schauspielerin und Sängerin starb am 2. Dezember im Alter von 92 Jahren in Berlin.  

Film von Anne Kohlick

(Erstausstrahlung 02.12.16/rbb)