
- Gesang - der große Allrounder
Wie das Glück in die Badewanne und ins Fußballstadion kommt- Singen macht gesund, glücklich und gescheit.
Über 10 000 Menschen singen in Chören in Berlin und Brandenburg. Natürlich gibt es viele Gründe, in einem Chor zu singen - doch für die Meisten ist der gemeinsame Gesang vor allem ein großes Glückserlebnis. Das Gefühl, von der Musik getragen zu werden, in einem Rhythmus von laut und leise und schnell und langsam, eine dynamische Welle und die Palette aller Emotionen von Trauer über Wut bis zur Freude gemeinsam zu erzeugen, beglückt. Dabei der Vorteil, sich auch mal in der Gruppe verschummeln zu können, wenn man sich nicht so traut und unsicher fühlt.
Singen in der Gruppe harmonisiert den Herzschlag und den Atem der Sänger, vergleichbar mit Yogaübungen. Zunehmend werden auch die medizinischen Aspekte des Gesangs untersucht, der die verschiedensten physiologischen Prozesse im Körper beeinflusst: die Produktion des Glückshormons Serotonin wird angekurbelt Endorphine, die Glücksfühle erzeugen, werden ausgeschüttet. Singen ist eine komplexe Aufgabe für den Körper unterschiedlichste Funktionen zu koordinieren - ganz abgesehen davon, dass man den Text und die Noten beherrschen und in ein Gefühl gießen muss.
Und singen macht schlau. Kinder, die von klein auf an viel singen, lernen besser. Das Lernen und Wiederholen der Texte und Melodien, das Spielen von Bewegungsliedern, es macht Freude und trainiert Gedächtnis und Gehör, schult das Sozialverhalten, denn ein Bibabutzemann tanzt nun mal nicht gern alleine. Vorsingen von Liedern beruhigt und das Wiederkehren und Wiedererkennen bekannter Melodien gibt Sicherheit. Doch in den Schulen verkümmert der Gesang.
Den Gefühlen Ausdruck zu verleihen - Schmerz, Trauer, Angst, Freude und Lust - viel leichter geht das über Gesang, denn über Worte. Für viele Anlässe gibt es Lieder, die der Stimmung und dem Anlass Raum geben, seien es Klage- oder Schunkellieder und das schon seit Jahrtausenden. Musik und Gesang stiften Gemeinschaft. Im Fußballstadion den Vereinsgesang zu skandieren, lässt alle dazu gehören. Gemeinsamer Gesang war Überlebensstragie auf Sklavengaleeren, in Arbeitskolonnen oder auch beim Militär.
Gesang lässt Ängste überwinden und gemeinsame Ziele formulieren. Subtil vermitteln sich Botschaften über die Musik, eindringlicher als über das gesprochene Wort, ein idealer Träger für Demagogie und Ideologie. Viel schneller prägen sich die gesungenen Botschaften ein. Mit dem Wissen um die Kraft der Musik und des Gesangs wurde im Nationalsozialismus geschickt operiert – ein Grund, weshalb man in der alten Bundesrepublik eher distanziert dem Singen von Liedern gegenübertrat und auch nur sehr verhalten die Freude am Gesang tradiert wurde. Die Auswirkungen spürt man bis heute - denn viele Menschen sind verstummt. Öffentlicher Gesang verpönt. Und nicht nur weil die Beschallung allgegenwärtig ist so wie der Stöpsel im Ohr.
Viele Lieder sind in Vergessenheit geraten. Auch die Bandbreite der Kirchenlieder, die gesungen werden, ist geschrumpft. Der Zulauf bei den Chören scheint ein Seismograph der Gegenwehr gegen das Vergessen, eine Lust aufs Selbermachen, statt berieseln zu lassen und das nicht alleine, sondern - egal - wo auch immer- zusammen mit anderen.
Was nicht heißt, dass es nicht auch ein unglaubliches Glück bedeutet, alleine unter der Dusche schon einmal ein "Jauchzet frohlocket" und "O Fortuna" zu üben.
Angelika Lemke,
Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
