- Liebe der Weinbergschnecken

Wenn es im Frühsommer nach einem Gewitterregen im Garten schön warm und feucht ist, dann sehnt sich die Weinbergschnecke nach Liebe. Um die Liebe dreht sich zu dieser Jahreszeit alles. Wenn sie nicht frisst oder schläft, dann sucht sie nach einem Partner. Jede andere liebeswillige Schnecke ist ihr recht.

Denn Weinbergschnecken sind Zwitter. Das macht die Sache einfach, aber auch wieder unglaublich kompliziert. Denn beide müssen genau zur gleichen Zeit in die richtige Stimmung kommen. Einen ganzen Tag lang umschmeicheln sich die Schnecken. Betasten und umschlingen sich. Erst wenn beide ganz genau aufeinander eingeschwungen sind, kann es auch wirklich zur Paarung kommen.

Doch obwohl sie so eifrig lieben, sind Weinbergschnecken immer noch recht selten. Seit Jahren stehen sie unter Naturschutz. Saurer Regen, Umweltgifte und kommerzielle Sammler haben sie stark dezimiert. Doch langsam erholen sie sich wieder. Gärtner müssen deshalb aber keine Angst haben. Die Weinbergschnecke ist kein Schädling. Zwar knabbert auch sie gerne mal was Grünes, am liebsten aber die welken Blätter. Die raspelt sie mit ihren vierzigtausend winzigen Zähnchen mühsam klein.

Auf dem Weg zum Futter legt sie weite Strecken zurück. Ist der Boden heiß, macht sie sich dünn - kriecht quasi auf Zehenspitzen. Ist der Weg dornig, hat die Schnecke eine andere Strategie. In diesem Fall ist es besser, ganz entspannt zu bleiben.

Während wir uns im Garten abhetzen, lebt die Weinbergschnecke in einem anderen Tempo. Von ihr könnten wir viel lernen, wenn wir uns nur die Zeit nehmen würden. Was gibt es zum Beispiel besseres, als - unter einem schattigen Baumstamm zur richtigen Zeit eine Mittagspause zu machen. Wenn es im Garten zur Arbeit zu heiß ist, dann - könnte man auch einfach wie die Schnecke in Ruhe Atem holen und ein bisschen locker lassen.

Drei lange Jahre nimmt sich die Weinbergschnecke Zeit, erwachsen zu werden. Jahr für Jahr baut sie eine neue Windung an ihr Haus, bis es schließlich 5 stattliche Umgänge besitzt. Nur fünf von hundert Schnecken schaffen es, dieses Alter zu erreichen. Den Winter verbringen die Schnecken immer an der gleichen Stelle im Garten. Dort kann man auch die Kalkdeckel finden, mit denen sie dann ihr Haus verschließen. Sobald es aber warm und feucht wird, hält die Schnecken nichts mehr. Dann gehen sie wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung nach - der ausführlichen Liebe im Schneckentempo.

Autorin: Dorte von Stünzner-Karbe