- Inklusion im Drachenboot

Inklusion – also der Abbau vielfältiger Schwellen um Menschen trotz persönlicher Einschränkungen die Teilnahme am normalen Leben zu ermöglichen, kann im Sport bedeuten keinen "Behindertenbonus" zu bekommen. Ob das funktioniert? – Beobachtungen bei einer Drachenbootregatta.

Vor mehr als 150 Jahren wurde die heutige Behinderteneinrichtung Heilbrunn der Stephanus-Stiftung als "Rettungshaus" für "sittlich verwahrloste Knaben" gegründet.

Ein christlicher Verein erbaute damals zwischen Wiesen und Feldern Wohnhaus und Schule mit angeschlossener Landwirtschaft zur Selbstversorgung, das nächste Dorf ist einige Kilometer entfernt.

Hundert Jahre später wird in der DDR kirchlich verantwortete Erziehung nicht geduldet. Die Jugendlichen verbrachte man in staatliche Heime und wies Menschen mit geistiger Behinderung zu.

Seit einigen Jahren widmet sich Heilbrunn auch wieder verstärkt Jugendlichen, die als besonders schwierig gelten.

War die einsame Lage einst eigens gewählt und prägte bis in die DDR-Zeiten Leben und Arbeit in Heilbrunn, wird heute jede Möglichkeit genutzt, mit den Bewohnern am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Dazu gehören betreute Wohngruppen in den umliegenden Dörfern und zum zweiten Mal startete eine Heilbrunner Mannschaft bei der Drachenbootregatta zum Sommerfest in Wusterhausen / Dosse.

Manuskript des Beitrags

Drachenbootregatta auf dem Klempow-See. Nur der Wind ist heute etwas heftig. Die Sportler der Stephanusstiftung in den weißen Trikots können den Start kaum erwarten. Ob sie mit den "normalen" Drachenbootmannschaften mithalten können?

Martin hat aber noch ganz andere Sorgen:

Martin

Meine Freundin hat gesagt, sie kommt auch hierher, und was ist – ist gar nicht da!

Im Drachenboot  wollen die Jugendlichen zeigen, was sie drauf haben. So wie Erik. Der 17jährige war an falsche Freunde geraten, ging nicht mehr zur Schule und seine Eltern gaben die Erziehung schließlich auf. Auch die anderen hier sind schon öfter vom Kurs abgekommen. Gruppenleiter Rodbertus kennt die Geschichten.

Bastian Rodbertus, Teamleiter

Die meisten Bewohner von uns haben, wenn man das so nennen darf, eine Heimkarriere in vielen verschiedenen Heimen vorher gehabt. Haben da ihre Erfahrungen gesammelt, negative wie auch positive, aber eben mehr negative.

"Aggressiv", "nicht gruppenfähig", "lernbehindert" - die so abgestempelten Jugendlichen haben schon oft erlebt, dass niemand sie haben wollte. Dann hatte Bastian Rodbertus die Idee mit dem Paddeln. So hatten sie ein Ziel und saßen dabei alle in einem Boot.

Seit letztem Frühjahr wurde trainiert, anfangs noch als Trockenübung mit einfachen Mitteln. Die große Herausforderung für alle: Aufeinander hören, Rücksicht nehmen und Konflikte aushalten.

Bald war ein gemeinsamer Rhythmus gefunden und ein Name fürs Team: "Dragonfly" – Drachenflug. Der sonst spiegelglatte Klempowsee zeigt sich plötzlich von seiner wilden Seite. Und das unmittelbar vor dem Start. 


(Rennkommentar)

"…Im roten Boot das Team Dragonfly der Stephanusstiftung. Die jetzt schon kräftig hier los legen. Die Stephanusstiftung hält hier hart mit..."

Zuerst fallen nur Teile der Ausrüstung ins Wasser - dann kommt es noch schlimmer.

(Trommler fällt ins Wasser)

Ohne den Trommler gibt es keinen Takt, und ohne Takt paddeln alle wild durcheinander. Trotzdem erreicht Dragonfly das Ziel. Erleichterung und Frust zugleich.

Erik und Bastian Rodbertus

Der Lenker, der konnte überhaupt nicht lenken. Wir sind fast abgesunken. - Der Wellengang war extrem gewesen, - und der macht immer langsam. Der hat erst langsam gemacht, und denn schnell – also durch den Wellengang war das Boot instabil – wenn es still gewesen wär, hätten wir sowieso gewonnen.

Sechs Mannschaften fahren in zwei Gruppen um den Gesamtsieg. Auch die anderen Boote kämpfen mit Wind und Wellen. Jeder sieht: die wenig stabilen Drachenboote sind dem Wetter nicht gewachsen.

(Rennkommentar)

"Wir warten immer noch, ob das Rennen abgebrochen werden muss. Jetzt im Moment gerade wieder starker Wind…"

Zusammen mit der Rennleitung werden sich alle Mannschaftsführer einig – auf dem Wasser sind alle gleich, entweder fahren alle oder keiner: Der Wettkampf wird abgebrochen. So hatten sich die Jugendlichen das nicht vorgestellt. Wieder eine Enttäuschung. Doch dann kommt die Siegerehrung, und alles ist wieder gut:

(Siegerehrung)

Der zweite Sieger im zwoten Finale 250m-Rennen wurde die Mannschaft Dragonfly, ohne Trommler ins Ziel gefahren, unbeirrt und im Gleichtakt, ganz tolle Leistung!

Erik und Bastian Rodbertus

Wir sind zufrieden. - Ja, ich muss auch sagen – wir haben unser Ziel erreicht, es steht ne zwei vorne, das ist fast wie ne eins.

Nächstes Jahr wollen die Jugendlichen wieder dabei sein und natürlich: gewinnen – als ganz "normale" Mannschaft.

Beitrag von Christiane Hög

weitere Themen der Sendung

Friederike Sittler (Quelle: rbb)

Himmel und Erde vom 03.08.2013

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