- Nach der Flut

Anfang Juni sahen wir tagelang im Fernsehen fast nichts anderes als die Bilder der Fluten. Aber was ist jetzt eigentlich, wo die Flüsse längst wieder in ihrem angestammten Bett fließen? Was wurde aus Sandsäcken, überfluteten Kellern und Feldern?

Wintergerste auf Brandenburger Feldern, kurz vor der Ernte. Bei Bauer Arnold in den Havelpoldern liegen die Halme im Matsch und die Körner sind viel zu klein.

Dieter Arnold
Das ist Wintergerste, und man muss hier mit einem Totalschaden rechnen.
Sie sehen ja, das Wasser steht da noch, das war alles überflutet. Das Wasser ist in den letzten Tagen um einen Meter gefallen durch die Pumperei und auch weil Elbe und Havel gefallen ist. Für uns ist das ein Ausfall, und wir wissen noch nicht, ob wir eine Herbstbestellung durchführen können.

Die Maisfelder gleichen eher asiatischen Reisfeldern. An Ernte und Verkauf ist in diesem Jahr nicht zu denken. Hauptproblem: Bauer Arnold hat mit einem anderen Bauern eine Biogasanlage gebaut, die mit Maissilage betrieben wird. Der Mais muss nun woanders teuer gekauft werden.

Dieter Arnold
Wir bauen ungefähr 140 ha Mais an, die sind im Wesentlichen weg. Die Biogasanlage ist zum großen Teil auf Kredit gebaut, dass man nicht sagen kann, man lässt sie nun stehen, sondern die Kosten fallen an, die Bank will Zinsen haben und Tilgung, was so alles ist.

Anfang Juni wurde beim Zusammenfluss von Elbe und Havel das Wehr in Quitzöbel geöffnet und so das Poldergebiet geflutet. So konnten Magdeburg und Wittenberge vor einer drohenden Überschwemmung geschützt werden.

Bauern, die im Poldergebiet anbauen, müssen Hochwasser und einen Totalschaden einkalkulieren:

Dieter Arnold
Da gibt es eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die mal auf den Tisch kam als die Polder gebaut wurden, die sog. HW 100. Da ist man davon ausgegangen, dass dieser Zustand, der jetzt da ist, alle hundert Jahre eintritt.

Nun hat er sich ein bisschen verkürzt von 2002 bis 2013 waren nicht hundert, sondern elf Jahre.

Seit Wochen arbeiten die Pumpen im Schöpfwerk, um Felder und Wiesen trocken zu legen. Immerhin konnte Bauer Arnold das erste Heu für seine Kühe retten. Frisches Gras ist knapp nach der Flut.

Dieter Arnold
Auf den Flächen muss neu Gras angesät werden, das ist bis September möglich. Aber ob wir sie dieses Jahr befahren können und ob wir sie ansamen können, da müssen wir ein großes Fragezeichen machen, das richtet sich eben wann die Flächen wieder befahrbar sind.

Wir fahren weiter in die Prignitz. Seit mehr als vier Wochen heißt es für die Bewohner von Hinzdorf an der Elbe: Aufräumen nach dem Hochwasser. Vor der Flut kamen mit dem Katastrophenschutz hunderte von Freiwilligen. Jetzt ist Eigeninitiative gefragt.

Die Sandsäcke haben auch das Haus von Familie Wallasch gut geschützt. Nur Keller und Terrasse standen unter Wasser.

Waltraud Wallasch
Das Legen der Sandsäcke hat gut geklappt, viele, viele Helfer im Dorf, die unermüdlich Sand geschippt haben von morgens bis spät abends.

Aber jetzt mit dem Wegräumen, da braucht man Helfer, die andere Seite, da waren zigtausend Sandsäcke, das schafft man allein nicht, da hätten wir ein Jahr gebraucht, dann kommt das nächste Hochwasser.

Die meisten Säcke sind komplett durchnässt und deshalb schwer. Tilman Kuhn packt mit an, er ist der Superintendent des Kirchenkreises Perleberg.

Tilmann Kuhn
Bevor ich ins Pfarramt gekommen bin, war ich Elektriker und habe gelernt mit der Schüppe zu arbeiten. Tilmann Kuhn bringt zu jedem Einsatz Jugendliche aus der Gemeinde mit.

Ling
Wenn man die richtigen Leute um sich hat, macht es Spaß.

Nachbarn, Freunde, alle packen mit an. Sand und Säcke gelten als Sondermüll, denn sie könnten durch Öl belastet sein. Für die Entsorgung sind Privateigentümer selbst verantwortlich - organisatorisch und finanziell.

Tilmann Kuhn
Ich sehe viele Einwohner der Ortschaften, die sich verabreden, eventuell fünf bis zehn Meter Sandsäcke wegzukriegen, aber bei den hunderten Metern von Deichlänge ist das ein wochenlanges Unternehmen.

Nicht Wochen, sondern monatelang werden die Bauern im Poldergebiet die Flutfolgen spüren. Statt Roggen zu ernten, wartet Dieter Arnold auf Entschädigung.

Dieter Arnold
Man erklärt uns das ja so, dass da Riesensummen gespart werden dadurch, dass wir hier absaufen und demzufolge müssen wir es schlucken. Und man verspricht uns ja auch dafür immer eine Entschädigung, die wir hoffentlich noch kriegen werden, oder es wird dran gearbeitet… Sagen wir so: Wir glauben bis jetzt noch da dran.

Beitrag von Margarethe Steinhausen

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Friederike Sittler (Quelle: rbb)

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