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Schöneberg Nord. Ein Viertel mit vielen Problemen. Gerade die Jugendlichen im Kiez haben oft wenig Perspektiven, hängen auf der Straße ab. Eine Alternative bietet „Wir aktiv – Boxsport und mehr.“
Ervin, Kevin und Schamil hängen nicht – wie viele ihrer Altersgenossen – auf der Straße ab. Sie sind auf dem Weg zum täglichen Training. In einer ehemaligen Fabriketage in der Potsdamer Straße lernen sie zu boxen.
Seit sieben Jahren bietet der Verein „Wir aktiv – Boxsport und mehr“ kostenloses Training für Kinder und Jugendliche an. Denn dieser Sport wird von den Jugendlichen besonders gut angenommen und grenzt niemanden aus. Außerdem kann der Sport Visionen und Hoffnungen vermitteln. Beim Boxen hat jeder die Möglichkeit, erfolgreich zu sein.
Ervin
Das Boxen bedeutet mir eigentlich sehr viel. Ohne das Boxen könnte ich nicht mehr. Also das ist, seit ich 11 bin. Und wenn ich zwei Tage nicht zum Boxen gehe, dann fehlt mir irgendwas.
Kevin
Also Boxen macht mir sehr Spaß. Man kann seine Aggressionen rauslassen und man lernt sehr viel Disziplin.
Schamil
Mein großer Wunsch ist Profiboxer zu werden und hoffentlich schaffe ich das.
Wenn die Jugendlichen trainieren, dann tauchen sie ab in eine andere Welt. Doch ihr Ziel haben sie immer klar vor Augen. Das haben sie hier gelernt - dass es sich lohnt für etwas zu kämpfen.
Izzet Mafratoglu, Trainer
Neben dem Boxen, die lernen das Leben hier bei uns. Erziehung, Disziplin, Fairness, gegenseitiges Respektieren, Jung vor Alt, Alt vor Jung. Nicht nur hier drinnen. Das gleiche gilt auch in der Schule und zuhause. Vater, Mutter.
Und damit fangen schon die Kleinsten an. Auf den 1400 Quadratmetern trainieren etwa 100 Kinder und Jugendliche regelmäßig.
Das Gebäude, ein ehemaliger Teppichladen, wird von der GEWOBAG gestellt, einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft, die sich so im Kiez sozial engagiert.
Das Training übernehmen ehrenamtliche Mitarbeiter. Ziel ist es, ein sinnvolles Freizeitangebot für die Jugendlichen zu schaffen und sie so vor einem Abrutschen auf die schiefe Bahn zu bewahren.
Die Kinder und Jugendlichen brauchen jemanden, der an sie glaubt, der sie fördert und unterstützt, jemanden wie Boxtrainer Izzet Mafratoglu.
Wie wichtig dieses persönliche Engagement für den Nachwuchs ist, weiß auch Profiboxer Ünsal Arik.
Ünsal Arik
Was sie hier lernen können? Also seit ich boxe, kann ich sagen, bin ich viel selbstbewusster. Ich bin viel ruhiger, ich sehe alles gelassener, weil man kann beim Boxen Aggressionen abbauen. Man kann beim Boxen seine Fähigkeiten entdecken und das macht dich auch zum Teil zum besseren Menschen.
Kann man durchs Boxen wirklich ein besserer Mensch werden? Macht dieser Sport die Jugendlichen nicht eher gewalttätiger, wie manche fürchten?
Strenge Regeln beugen vor: Wer sich außerhalb des Rings prügelt und dabei seine Boxkenntnisse einsetzt, darf nicht mehr im Club trainieren. Doch das kam eigentlich noch nie vor.
Der Anspruch der Trainer geht weit über den sportlichen Horizont hinaus. Die Kinder und Jugendlichen sollen zwar zunächst einmal ihre Energie ausleben und für den Sport begeistert werden.
Doch die Vermittlung gesellschaftlicher Werte und das Sozialverhalten sind den Trainern besonders wichtig. Denn hier beim Training treffen Kinder aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen aufeinander, große und kleine, Jungs und Mädchen.
Izzet Mafratoglu, Trainer
Hier funktioniert Multi-Kulti am besten. Ich hab hier so viele Sportler aus so vielen Nationen. Aus Russland, aus Deutschland, aus Türkei, viele verschieden europäischen Ländern. Alle sind hier vertreten und alle verstehen sich hier perfekt.
In 20 Jahren, ich bin jetzt 50, in 20 Jahren vielleicht bin ich nicht am Leben. Aber der kleine Junge trägt das mit, das was er hier gelernt hat. Der trägt das mit hier.
Auch Kevin, Ervin und Schamil haben hier bereitst weit mehr gelernt als nur zu boxen.
Beitrag von Susanne Heim


