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Die Erzeugnisse kaum einer anderen Branche sind so leicht verderblich wie die der Mode. Eben noch top, nächstes Jahr schon im Container. Ein besinnungsloser Kreislauf, von dem einige profitieren und bei dem viele draufzahlen. Das Berliner Atelier „Bis es mir vom Leibe fällt“ hat einen anderen Weg eingeschlagen.
Noch liegt draußen der ewige Schnee, aber hier drin wird die Frühlingsmode schon wach geküsst. Im neuen Schöneberger Veränderungsatelier von „Bis es mir vom Leibe fällt“ gibt es viel zu tun.
Designerin Lisa Prantner nennt ihre Mitarbeiterinnen gerne „Wachküsserinnen“. Denn die Mode, die hier gemacht wird, ist eigentlich alles andere als neu: es sind Schrankleichen“ die hier mit Nadel und Faden zu neuem Leben erweckt werden .
Lisa Prantner, Designerin
Und zwar geht’s darum, die Dinge, die sich bereits in der Welt befinden wieder neu zu sehen, zu akzeptieren und sie dann zu verändern.
Normalerweise wenn ein Kleidungsstück nicht mehr gefällt oder man zu dick geworden ist oder zu dünn, dann schmeißt man es meistens weg bzw. gibt’s der Caritas und will damit nichts mehr zu tun haben.
Und wir haben gesagt, wir nehmen diese Dinge, die unsere Welt ja eh vollstopfen und vermüllen, und versuchen sie wieder neu zu sehen, neu zu sichten, und ihnen eine neue Identität zu geben.
Der Altkleidermüll wird reduziert und aus dem Boss Anzug wir ein Cocktail Kleid.
„Upcycling“ nennt man das in der Modebranche.
Am liebsten mögen Sie es, wenn die Kunden ihre eigenen Sachen mitbringen. Zu klein Gewordenes, irreparable Risse und andere Fehler als Ausgangspunkte für ein neues Design.
Lisa Prantner
Den Fehler als Mittelpunkt zu sehen und als Designaufgabe, also dass man das Design vom Fehler aus denkt… - Die Idee hatte ich vorher noch nicht. Und plötzlich war klar, um Gottes Willen, wie spannend ist denn das!
Ein zweiter Effekt: Mit jedem "Upcycling" setzt man auch Zeichen, zum Beispiel gegen ausbeuterische Textilproduktion in Billiglohnländern.
Judith Veith, Schneiderin
Es werden Leute ausgebeutet, es brennen Fabriken mit Hunderten von Arbeiterinnen nieder. Und ob das jetzt 200 Tote waren oder 2000 - das interessiert nur wenige im Westen.
Ich möchte versuchen, da einen Denkanstoß zu geben und, dass wir sagen: Moment, denkt mal nach, wie konsumiert ihr, was konsumiert ihr und wo wird das produziert?
Neben geänderter Kleidung kann man hier auch neue Mode aus dem zweiten Label der Österreicherin erwerben. Alles ökologisch hergestellt und fair gehandelt.
Lisa Prantner, Designerin
Ich hab das Gefühl, dass der Konsum zurück geht und zwar gerade, was neue Produkte angeht. Vor allem in meiner Käuferschicht als da sind so eher intellektuellere Frauen, die politisch denken, die sich dann sagen, „ich will einfach nicht mehr soviel konsumieren“. Also die kommen teilweise mit Koffern...
Und wenn man merkt, man kann mitreden, eigentlich sein eigenes Kleidungsstück machen und wenn einem das Spaß macht, dann will man das immer wieder machen.
Beim jungen Label Schmidttakahashi in Mitte hat man noch Spaß an neuen Sachen - natürlich aus alten Kleidern hergestellt. Designerin Eugenie Schmidt entwirft ein neues Unikat: Eine Bluse und zwei T-Shirts, gesammelt in speziellen Containern oder von Spendern abgegeben.
Eugenie Schmidt, Designerin
In diesen Momenten finden wir es aber spannend, was kann mit so einem Kleidungsstück passieren, damit es wieder interessant wird.
Und so sieht sie aus, die Frühling-Sommer-Kollektion 2013.
Die Japanerin Mariko Takahashi und die Ukrainerin Eugenie Schmidt haben auf der Kunsthochschule in Weissensee ihre Idee entwickelt.
Während Eugenie gerade das neue Atelier einrichtet, ist Mariko mit dem Goethe-Institut in Mittelamerika und gibt Workshops im Upcycling. Dort haben die Designerinnen auch gesehen, welch zweifelhafter Segen Altkleider für die Länder des Südens sind. Denn die riesigen Altkleiderberge machen in vielen Ländern die Märkte der Schneider kaputt.
Und in Mexiko waren wir in so „Pacos-Second-Hands“, das sind riesige Fabrikhallen überfüllt mit Tausenden von Jeans und T-Shirts aus den Staaten und Kanada. Das heißt, die Leute gehen da hin und kaufen sich für 20 Cent ne Jeans bevor sie 10 oder 20 Dollar für mexikanisch gemachte Kleidung ausgeben.
Es geht den beiden Designerinnen aber auch um die Geschichte der Kleidungsstücke und ihren Werdegang.
Mit einem handelsüblichen Smartphone und dem Code auf den Anhängern kann man dem Stammbaum der Schmdittakahashi-Mode auf den Grund gehen.
Denn alle Teile hier haben Eltern, Altkleider aus denen sie gemacht wurden. und
natürlich Geschwister, die auch von diesen Eltern stammen.
Und auch die Spender der Eltern können im Internet sehen, was aus ihren alten Klamotten geworden ist.
Eugenie Schmidt, Designerin
Nichts auf dieser Welt geht zu Ende, es ist ein ständiger Kreislauf!
Und in diesem Kreislauf arbeiten nachhaltige DesignerInnen am liebsten.
Beitrag von Cosima Jagow-Duda.


