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Auf Initiative katholischer Laien entstand vor 50 Jahren die Gedenkkirche in Plötzensee.
Sie ist jenen Menschen gewidmet, die ihr Einstehen für Glaube und Überzeugung im Nationalsozialismus mit dem Leben bezahlt haben.
An diesem Wochenende wird das Jubiläum begangen – mit dem Berliner Erzbischof, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und vielen prominenten Gästen. Im Alltag dagegen sind es vor allem die Schwestern des angrenzenden Karmelittinen-Klosters Regina Martyrum, die das Zeugnis der Ermordeten lebendig halten.
Manuskript des Beitrags
Seit über 30 Jahren lebt Schwester Katarina im Karmel-Kloster neben der Gedenkkirche. Die 80-Jährige führt regelmäßig Gruppen durch Regina Martyrum. Sie beginnt dabei auf dem so genannten Feierhof, dem großen düsteren Platz, der die Kirche umgibt.
Schwester Katarina
Diese dunklen Wände erinnern an Appellplätze, an Gefängnishöfe, darum diese Düsternis und Todverfallenheit des Menschen.
Die Düsternis ist auch in der Bronze-Skulptur „Kreuzweg“ zu spüren. Sie soll an das Leiden Christi und der Menschen erinnern. Die Kirche selbst dagegen ist hell, Architekt Hans Schädel hat sie ganz bewusst dem Dunkel des Platzes entgegengesetzt.
Schwester Katarina
Sie sehen die zwei Wände dunkel und rechts die Außenwand, und da drauf ruht das Schwere und möchte den Eindruck von schwebend erwecken. Wir haben als Grundthema für diese ganze künstlerische Gestaltung: Vom Dunkel zum Licht.
Kaum ein Ort symbolisiert das besser als die Krypta, das Zentrum der Gedenkkirche im Erdgeschoss des Gebäudes.
Schwester Katarina
Weil hier die Grabstelle ist, das Grab, das allen verweigert wurde, die in Plötzensee hingerichtet wurden. Wir können hier lesen: „Allen Blutzeugen, denen das Grab verweigert wurde, allen Blutzeugen, deren Gräber unbekannt sind.“
Zu den Ermordeten zählen auch der Jesuitenpater Alfred Delp und der Jurist Helmuth James Graf von Moltke. Moltke war Protestant, doch in der Ablehnung Hitlers war er sich mit dem Katholiken Delp einig. Die Ökumene war ihnen wichtig: Nach ihrer Verurteilung vor dem Volksgerichtshof tauschten sie sich noch im Gefängnis über Glaubensfragen aus.
Schwester Katarina
Ich denke, dass es einfach dieses wirkliche Leben im Angesicht des Todes war, da spielt im Grunde Konfession dann eigentlich keine Rolle.
In der Oberkirche, die mit ihren fensterlosen Wänden an eine Gefängniszelle erinnert, zitiert Schwester Katarina aus dem Brief einer jungen Frau, die ebenfalls zum Tode verurteilt worden war:
Schwester Katarina
„Ich war völlig zu sterben bereit, wofür, das wusste ich allerdings auch nicht. Der Tod an sich war nichts Grauenvolles für mich und das ist er auch heute nicht.“
Beherrscht wird der Raum durch das riesiges Gemälde von Georg Meistermann: „Das himmlische Jerusalem“.
Schwester Katarina
Der Thron Gottes ist hier symbolisiert durch das Auge Gottes, und es ist das aufsteigende Lamm zum Auge Gottes hin, zu Gott hin.
Die Symbolsprache ist für viele gewöhnungsbedürftig – und doch hinterlässt der Besuch Spuren.
Mann
Vor allen Dingen, wo diese Kirche so wunderbar auch diese Einsamkeit im Gefängnis symbolisiert mit diesen kahlen Mauern, und ich selbst frage mich auch, wie ich selbst in dieser Gesellschaft reagiert hätte.
Was hätte ich damals getan, und: Was tue ich heute? - Ganz aktuelle Fragen.
Schwester Katarina
Es ist keine Frage, dass das für heute genauso gilt, wenn auch die Situation eine andere ist, aber zum Beispiel einzutreten für Menschen, die in unser Land kommen und in Abschiebehaft gebracht werden, weil sie keinen Ausweis haben und weil sie hier illegal sind, das ist schon ein ganz großes Thema, über das man eigentlich nicht ohne weiteres hinweg gehen kann.
Gedenken, ohne in der Vergangenheit zu verharren: In ihren ökumenischen Friedensgebeten in Regina Martyrum erinnern Schwester Katarina und ihre Mitschwestern deswegen nicht nur an die Opfer des NS-Terrors sondern an alle, die heute noch unter Unrecht und Verfolgung leiden.
Beitrag von Matthias Bertsch


