-
Die Eltern mit den Geschwistern teilen, das ist schon im ganz normalen Alltag nicht immer leicht. Aber wenn ein Kind besonders viel Aufmerksamkeit braucht, dann drohen die Geschwister leicht aus dem Blick zu geraten…
Donnerstag Nachmittag. Jonny und seine Schwester Fides sind wieder beim „Geschwister-Turmspringen“. Es findet einmal in der Woche in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee statt.
Was alle Kinder hier verbindet: sie haben behinderte oder schwer kranke Geschwister.
Amelie ist die kleine Schwester von Jonny und Fides. Sie erkrankte im Alter von drei Jahren an einem Virus, bekam eine Stammhirnentzündung, überlebte nur knapp und ist seitdem schwerstbehindert.
Pflegedienst rund um die Uhr.
In Amelies Kinderzimmer stehen überall medizinische Geräte, beinahe wie auf einer Intensivstation.
Weil durch die Querschnittlähmung auch die Muskeln im Brustkorb betroffen sind, braucht sie Unterstützung beim Atmen.
Modernste Technik ermöglicht Amelie ein Leben zu Hause, doch für die ganze Familie ist das eine große Herausforderung.
Henriette Cartolano, Mutter
Seitdem ist die Familie im Ausnahmezustand. Am Anfang die Angst um das Überleben des Kindes. Danach viele Hoffnungen, die sich zerschlagen haben, auf eine weitgehende Besserung und Regeneration.
Eine Odyssee geeignete Kliniken zu finden, Ärzte zu finden, die helfen können, so gut wie möglich Amelie wieder in die Lage zu versetzen, wieder am Leben teilzunehmen und lebenswertes gutes Leben im Alltag zu haben.
Die zwei „Großen“ Jonny und Fides haben all die Belastungen hautnah miterlebt. Immer mussten sie Rücksicht auf Amelie und ihre Krankheit nehmen. Das ist nicht ganz einfach. Auch der kleine Valentin muss immer wieder mal zurückstecken.
Vali, du klaust meine Sachen… ist mein, ist mein, ist mein!
Mit Amelies Krankheit hat sich das Leben der beiden größeren Kinder dramatisch verändert. Ein Jahr lang musste ihre Mutter mit Amelie im Krankenhaus bleiben.
Jonathan
Da waren wir ganz lange ohne Mama. Das war schon ein bisschen doof. Aber sonst war es ganz normal. Fast. - Bloß dass ich jetzt nicht mehr so eine kleine Schwester habe, die überall rumtobt, sondern die halt anschließend im Rollstuhl saß.
Fides
Ich denke oft an Amelie. Früher hatte sie ein Problem, da konnte sie nicht viel machen. Da konnte ich mich auch in der Schule nicht so gut konzentrieren, weil ich immer an sie denken musste.
Jetzt bin ich abgelenkt, weil ich so gute Freunde in der Schule habe. Die lenken mich ab. Ich weine jetzt nur noch ganz selten darum in der Schule.
Auch wenn sich die Eltern bemühen, die gesunden Kinder nicht zu vergessen: die Sorge um Amelie nimmt viel Raum ein und die Bedürfnisse der anderen geraten leicht in den Hintergrund. Sie müssen oft Rücksicht üben und schon früh Verantwortung übernehmen.
Das ist der Mutter bewusst und doch kann sie es nicht ändern.
Henriette Cartolano, Mutter
Am Anfang hat man ihnen das auch ganz stark angesehen, das Traumatische.
Was die ganze Familie so belastet hat, das haben die Kinder genauso erfahren. Die haben ihre gesunde Schwester verloren und die Welt der Eltern ist aus den Fugen geraten.
Das verwirrt Kinder aufs Äußerste. Sie waren damals oft… - die Schultern hingen runter. Man sah einfach an ihrer Körperhaltung die Traurigkeit und die Last, die sie tragen.
Deshalb ist die Geschwistergruppe so wichtig.
Das Turmspringen ist ein deutschlandweit einmaliges Angebot. Endlich mal keine Rücksicht nehmen müssen und sich selbst neuen Herausforderungen stellen.
Tobias Schellenberg
Mittlerweile springt Jonny halt auch schon vom 5-Meter-Turm. Er hat sich unheimlich überwinden müssen und hat das aber geschafft.
Er hat gesehen, dass man Ängste, wenn sie da sind, dass man sie einfach überwinden kann. Für den Transfer in den Alltag, bedeutet das natürlich, dass er Ängste, die er zuhause hat, in der Schule hat, auch in Bezug auf seine kranke Schwester hat, dass man das überwinden kann.
Oben auf dem Sprungturm können Jonny und Fides etwas ganz Neues über sich erfahren: Sie sind viel mutiger geworden.
Beitrag von Susanne Heim

