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Sie sind Ansprechpartner, Vertrauensperson und manchmal Seelsorger – die Vollzugshelfer, die überall im Land in den Gefängnissen tätig sind. Allein in der JVA Tegel arbeiten mehr als einhundert Ehrenamtliche. Helga Engel ist eine von ihnen. Sie ist 70 Jahre alt…
Einen eigenen Schlüssel haben die wenigsten Vollzugshelfer. Helga Engel hat sich dieses Vertrauen erarbeitet. Seit 17 Jahren geht sie ins Gefängnis – freiwillig.
Hier wird sie schon erwartet.
Zur Zeit betreut die 70-Jährige fünf Inhaftierte – so genannte „Langstrafige“ – sie sind mindestens fünf Jahre in Haft – die meisten wesentlich länger.
Eine Stunde hat Helga Engel für jedes Gespräch.
Sie reden über alles – über das, was draußen und das was drinnen passiert.
Manchmal wollen die Inhaftierten über ihre Taten sprechen. Helga Engel lässt sie ausreden.
Helga Engel
Ich kann einen Schott ziehen und sagen, so jetzt bin ich zu Hause und jetzt bin ich „ich“, das ist mir ganz wichtig auch, dass man das nicht mit in den Schlaf nimmt und diese ganzen Geschichten.
Sonst könnte sie dieses Ehrenamt nicht machen, sagt sie. Helga Engel trifft die Gefangenen nicht nur zum Einzelgespräch – die pensionierte Lehrerin gibt auch Deutschkurse. Ein bis zwei Tage in der Woche ist sie für mehrere Stunden hinter Gittern.
Hier in der Justizvollzugsanstalt Tegel sitzen zur Zeit 1300 Inhaftierten ein. Der Bedarf an ehrenamtlichen Vollzugshelfern ist groß.
Lars Hoffmann, Sozialpädagogischer Dienst
Sie haben natürlich auch ne andere Rolle und möglicherweise ne andere Akzeptanz, weil sie nicht zum System Vollzug gehören, sondern von draußen kommen als Teil der Gesellschaft die Brücke bilden zwischen Vollzug, Gefangener und der Gesellschaft draußen.
Helga Engel
Ich hab die Erfahrung gemacht, dass diese Leute es am nötigsten haben, die die langen Strafen haben, und die oft gar keine Kontakte mehr haben, es reißt alles ab, und wenn die einfahren, ja die halten alle zu mir, aber es ist ne lange Zeit, das kann gar keiner vorher übersehen.
Helga Engel nimmt eine langen Weg auf sich. 90 Minuten dauert die Heimfahrt nach Dabendorf bei Zossen. Dann noch einen Kilometer mit dem Fahrrad.
Der Rentnerin macht das nichts aus. 30 Jahre war sie hier im Dorf Lehrerin – dann fehlte ihr eine Aufgabe. Ihre Kinder sind längst aus dem Haus, einfach nur rumsitzen und Kreuzworträtsel lösen, erscheint ihr sinnlos.
Die Arbeit für die Gefangenen hört zu Hause nicht auf.
Meistens bringt sie aus der Stadt gleich Lebensmittel mit – für Hilfspakete. 81 hat sie dieses Jahr schon gepackt, finanziert durch Spenden.
Die sammelt ein Nothilfe-Verein in Bayern, der sich um Strafgefangene kümmert.
Viele Inhaftierte sind auf zusätzliche Lebensmittel angewiesen.
Helga Engel
Es gibt dreimal in der Woche Kinderessen, also zweimal Eintopf und einmal Reis. Und es sind Männer da drin, die den ganzen Tag schwer arbeiten, in der Kfz-Werkstatt, in anderen Betrieben und die sagen immer, es reicht nicht.
Und dann organisiert Helga Engel auch noch Brieffreundschaften im ganzen Bundesgebiet. Einige hundert Anfragen bekommt sie jedes Jahr. Meist entstehen Kontakte zwischen inhaftierten Männern und Frauen von draußen.
Eine Partnerschaftsbörse soll das allerdings nicht sein.
Helga Engel
Ich hab auch in Tegel schon erlebt, dass von draußen Frauen gekommen sind und die Häftlinge besucht haben über ein paar Jahre und haben sie dann geheiratet und dann geht’s doch nicht. Männer, die lange in Haft waren, die können diese Nähe gar nicht mehr ertragen, das gibt es und dann geht das dann kaputt, das ist schwierig.
Die Arbeit für ihr Ehrenamt füllt Helga Engel voll aus. Viele Menschen bewundern sie dafür – andere, zum Beispiel ihr Bruder, können sie nicht verstehen.
Helga Engel
Er sagt zu mir, stell dir vor, so einer vergewaltigt deine Tochter. Da hab ich gesagt, das versuch ich mir vorzustellen, ist schwer, und wenn es denn so wäre, würde ich anders reagieren.
Aber du stell dir vor, dein Sohn wäre der Täter. Da war er erstmal ganz still, und dann hat er gesagt, nee, nie, und da hab ich gesagt, siehste, das hab ich gelernt, nie kannste nich sagen. Und dann sagte er, dann würde er sich sofort von trennen, und dann sag ich, ja und ich geh dann hin und besuch ihn.
Einige aus dem Dorf unterstützen sie regelmäßig.
Kleiderspenden kann sie immer brauchen. Hier im ehemaligen Hobbyraum ihres Sohnes sortiert sie die Sachen für die Inhaftierten nach Größe und Jahreszeit.
Zur Zeit fehlen vor allem dicke Pullover und Jacken.
Helga Engel sieht die Bedürfnisse der Gefangenen, nicht ihre Fehler.
Helga Engel
Ich hab inzwischen auch gelernt, jeder Mensch ist in der Lage, einen anderen Menschen umzubringen - unter bestimmten Umständen.
Deshalb geht sie nicht zu Tätern, sondern als Mensch zu Menschen.
Beitrag von Ulrike Steinbach
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
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