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Himmel und Erde
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Sa 05.11.11 18:02

Strafe, Schuld, Vergebung – Der Fall Torben P.

Der 18-jährige Torben P., der einen 29-Jährigen auf dem U-Bahnhof Friedrichstraße schwer verletzte, muss für zwei Jahre und zehn Monate ins Gefängnis.
So lange das Urteil aber noch nicht rechtskräftig ist, kann er – nach einer Entscheidung des Erzbistums Berlin - in der katholischen Schule Liebfrauen in die 11. Klasse gehen. - Für viele eine Provokation.

Torben P. - verurteilt und doch: begnadigt - zumindest vom Erzbistum Berlin.
Dort hat man kurzerhand entschieden: der 18-Jährige darf bis zum Strafantritt auf das katholische Liebfrauen-Gymnasium in Berlin Westend gehen und dort sein Abitur machen. Warum diese Güte?

Hans-Peter Richter, Dezernatsleiter Schule des Erzbistums
Wir wollten nicht die Tat verniedlichen, das ist ganz wichtig. Das ist schlimme Tat, muss auch bestraft werden. Dann kam der zweite Aspekt dazu, wie gehen wir eigentlich mit einem Menschen um, der schuldig geworden ist und sein Leben noch vor sich hat.
Torben war ja damals erst gerade 18 Jahre geworden. Und unsere Einstellung war die, wir müssen dem Jungen helfen, auf die Beine zu kommen, damit eine solche Tat durch ihn nicht mehr ausgelöst wird.

Auf die Beine kamen zuerst die Kritiker. Das Erzbistum hatte seinen Entschluss nicht mit der Gesamtheit der Schüler und Eltern abgestimmt. Und eine breite Öffentlichkeit hielt die wohlwollende Entscheidung der Kirchenleute überdies für unangemessen.

Immerhin hatte der betrunkene Torben P. in der Nacht zum Ostersonntag einen fremden jungen Mann um ein Haar zu Tode getrampelt. Ein besonders aggressives und menschenverachtendes Verhalten. Wer konnte da sicher sein, dass sich solch ein Gewaltausbruch nicht jederzeit wiederholen würde? Sein Opfer von damals ist immer noch nicht gesund.

Am 19. September wurde Torben P. vom Landgericht Berlin wegen „versuchten Totschlags“ zu zwei Jahren und zehn Monaten Jugendhaft verurteilt. Weil die Verteidigung Revision gegen das Urteil eingelegt hat, musste der 18jährige die Strafe jedoch vorerst nicht antreten. Bis zur Entscheidung des Bundesgerichtshofes bleibt er auf freiem Fuß – vermutlich ein paar Monate lang.

In den zurückliegenden Jahren hat Torben P. bereits sechs Mal die Schule gewechselt.
Die Bettina-von-Arnim-Schule war seine letzte Station. Nach der Tat bekam er hier Einzelunterricht. Kurze Zeit später war er schon wieder auf der Suche. Doch keine Schule wollte ihn haben. Auch nicht die Evangelische Schule Neukölln.

Klaus-Randolf Weiser, Schulleiter
Wir als christliche Schule haben auch den Auftrag, die Hand zu reichen und zu vergeben. Allerdings für uns war klar, dass da ein anderer Weg vorgeschaltet werden muss, nämlich den der juristischen Auseinandersetzung und auch der konsequenten Strafe, die da zu folgen hat.
Und erst dann, erst dann wäre es denkbar für uns gewesen, ihn aufzunehmen. Hätten wir das sofort gemacht, hätten wir mit Sicherheit nicht die Zustimmung unserer Schüler und Elternschaft bekommen.

Nun also ist Torben P. an der Liebfrauenschule. Auch hier hätten ihn viele gern abgelehnt. Eltern schrieben anonyme Briefe an die Presse und regten sich auf.
Doch nur ein einziger Vater war bereit, offen mit uns zu sprechen.

Thomas J. Hauck, Vater
Ich selber habe kein Problem, dass einer eine Chance kriegt. Ich habe ein Problem damit, dass ich nie höre, was macht er eigentlich. Die Schule macht was, es wird eine Unterrichtseinheit über Vergeben und etc. plötzlich eingeführt. Wir müssen alles tun und ich möchte gern irgendwann mal hören, was macht der Junge.

Torben P. weigert sich, mit uns zu sprechen. Auch was Schüler, Lehrer und Schulleitung denken, erfahren wir nicht. Das Erzbistum hat ihnen Stillschweigen empfohlen.
Nur der Schulpfarrer darf etwas sagen.

Lutz Nehk, Schulpfarrer
Ich sehe es als meinen  Auftrag an, mit ihm zu arbeiten, dass er seine Tat noch mal ganz neu sieht und sein Leben. Oder die Tat wird ja sein Leben bestimmen, und dass er damit auch umgehen kann in seinem Leben.

Im Religionsunterricht spricht Pfarrer Nehk mit den Schülern über Schuld und Versöhnung.
Die Schule will christliches Vorbild sein – und ein offenes Ohr für alle haben.

Lutz Nehk, Schulpfarrer
Also ich kann verstehen, dass Menschen Angst haben mit einem solchen Menschen zusammen zu kommen, der eine solche Tat begangen hat.
Von Schülern selber kam der Vorschlag, dass man etwas für dieses Opfer oder für Opfer tut.
Es wäre natürlich schön aber schwierig, wenn innerhalb dieser zwei Jahre, die Torben hier an der Schule sein wird, auch eine Versöhnung zwischen Opfer und Täter stattfinden könnte.

Vielleicht wird Torben P. diese große Chance nutzen. Dann hätte sich alles gelohnt.
Auch für die Schule und für das Erzbistum.


Beitrag von Petra Cyrus

Dieser Text gibt den Sachstand vom 05.11.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

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