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Jeder elfte Rentner in Deutschland hat ursprünglich eine andere Heimat. Und werden diese alten Menschen krank, so brauchen sie - wie alle anderen Deutschen - professionelle, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Pflege. In Berlin-Kreuzberg gibt es seit fünf Jahren ein ganz besonderes Haus: ein Pflegeheim speziell für Migranten.
In Berlin-Kreuzberg gibt es seit fünf Jahren ein ganz besonderes Haus: ein Pflegeheim speziell für Migranten, einmalig in Deutschland.
Frau Ulusoy wohnt nun schon seit sieben Monaten hier.
Frau Ulusoy
Meine Nichte hat mich hergebracht. Das Essen ist gut. Die Pflege ist gut. Es geht mir gut. Ich lebe gern hier
130 vorwiegend demente Menschen mit türkischen und arabischen Wurzeln leben im Pflegehaus. Die Gegenwart ist ihnen verloren gegangen, doch sie erinnern sich noch gut an ihre Kindheit in der Türkei.
Das wöchentliche Kochen weckt Erinnerungen.
Pflegerin
Ja, die kennen das von früher noch, von der Kindheit. Wie sie von Müttern und Großmüttern das gelernt haben. Die haben das ja alles noch behalten, wie das von der Kindheit aus ist. Die können halt mit der Zukunft nichts anfangen, aber mit der Vergangenheit leben sie heute noch.
Ganz wichtig dabei: türkische Volkslieder aus ihrer Jugend. Denn diese Zeit mit all den Emotionen rund ums Erwachsenwerden ist noch am besten im Gedächtnis verankert.
Dieter Banken, Leiter de Internationalen Pflegehauses
Viele Menschen, die wir haben, sagen mir jetzt noch, naja, wenn ich sterbe, geh ich ja eh zurück. Und ich bin ja eigentlich nur zum Arbeiten gekommen, wollte 40 Jahre hier sein und im Alter geh ich zurück.
Und plötzlich sehen sie, es gibt Gründe, dass sie nicht zurück können, nicht zurück dürfen. Und für viele bricht auch ganz viel zusammen. Also viele Menschen haben durchaus große Probleme damit, dann auch zu sagen, das ist jetzt die Einrichtung, in der ich alt werde.
Auch Frau Ulusoy wird bleiben. Die 68jährige Türkin sitzt nach mehren Hüftoperationen im Rollstuhl. Ihre Kinder und Enkelkinder leben in der Türkei. Doch sie können sie nicht pflegen. Sie haben selbst Familie, sind berufstätig und haben daher keine Zeit.
Frau Ulusoy
Ich bin 1971 nach Deutschland gekommen. Ich habe 24 Jahre hier gearbeitet, in der Reinigung gearbeitet. Vier Stunden Küche. Essensausgabe und sauber machen. Und vier Stunden Reinigung arbeiten.
Putzen ist jetzt einfacher. Früher war es schwere Arbeit. Schwere Arbeit. Bei der BEWAG in der Berner Straße.
Das ist seit 40 Jahren meine Heimat hier. Ich lebe hier.
Dass Migranten in der Pflege besondere Bedürfnisse haben, ist lange Zeit nicht gesehen worden. Im Kreuzberger Pflegehaus ist vieles anders als in deutschen Pflegeheimen. 70 Prozent des Personals sind zweisprachig. Das ist wichtig, denn vor allem die dementen Bewohner fallen zunehmend in ihre Muttersprache zurück.
Auf die kulturbedingten Lebensgewohnheiten wird hier im Alltag Rücksicht genommen. Die Küche ist halal, also ohne Schweinefleisch und Gelatine. Wer möchte, kann im Ramadan fasten. Denn die Religion spielt eine große Rolle.
Dieter Banken, Leiter de Internationalen Pflegehauses
Hier ist unser Gebetsraum. Der wird täglich von den Bewohnern genutzt. Ist immer frei zugänglich.
Mein Eindruck ist, dass viele Bewohner sehr gläubig sind. Das spiegelt sich auch in dem wider, dass viele im Koran festgelegte Dinge auch sehr streng eingehalten werden. Zum Beispiel - im Ramadan wird jeden Morgen und jeden Abend gebetet. Jeden Tag aus dem Koran gelesen. Das ist für den überwiegenden Teil der Bewohner eine ganz wichtige Sache.
In Berlin sind Migranten über 65 eine der am stärksten wachsenden Bevölkerungsgruppen. Und immer mehr brauchen Pflege.
Den Lebensabend im Heim zu verbringen war auch für Frau Ulusoy eine Notlösung. Denn das familiäre Gefüge funktioniert nicht mehr wie vor 40 Jahren.
Die türkische Großfamilie, die die Pflege übernimmt, existiert oft gar nicht. Doch viele türkisch- oder arabischstämmige Angehörige finden es noch immer beschämend, die Eltern von Fremden pflegen zu lassen.
Dieter Banken, Leiter de Internationalen Pflegehauses
Da sehen wir die Herausforderung einfach darin zu sensibilisieren. Auch mal in die Moschee gehen, gemeinsam mit einem Imam zu sagen, es ist keine Schande alte Leute, die pflegebedürftig sind, abzugeben.
Aber auch Pflegeberatung für Angehörige anzubieten. Sozialberatung anzubieten. Da muss man einfach sehr viel mehr sensibilisieren, als man es im deutschen Kulturkreis muss.
Beitrag von Susanne Heim
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/himmelunderde/archiv/himmel_und_erde_vom31/multinationales_pflegehaus.html