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Himmel und Erde
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Sa 04.08.12 18:02

Beschneidung - Reflexionen aus muslimischer Sicht

Von einem der glücklichsten Momente des Lebens bis zum Erleben von Folter reichen die Erfahrungen muslimischer Männer mit der rituellen Beschneidung.

Familie Ucar lebt seit 25 Jahren in Deutschland. Die Eltern, ihre vier Kinder und die Schwiegertochter Hasibe wohnen unter einem Dach in Rudow.
Auch Hasibe ist von der Beschneidungsdebatte betroffen. Sie ist im dritten Monat schwanger. Und wenn es ein Junge ist, dann soll auch er beschnitten werden:

Hasibe Ucar
Ja natürlich.

Auch für die Schwiegermutter ist der Eingriff keine Frage. Bei der Beschneidung ihres Sohnes war sie natürlich dabei.

Mukatder Ucar
Das ist ja ganz normal, ganz kleine…(dann türkisch weiter)
Der Sohn übersetzt:
Das ist nur ein kleiner Eingriff, so als würde man eine Warze entfernen.

Er war vier Jahre alt, als er beschnitten wurde. Ein großes Familienfest mit allen Verwandten.

Alparslan Ucar
Man fühlt sich in dem Moment wie der glücklichste Mensch auf der Welt, es ist einfach unbeschreiblich. Man steht im Mittelpunkt.

Für Muslime ist die Beschneidung selbstverständlich, auch wenn der Koran sie nicht zwingend vorschreibt.

Alparslan Ucar
Im Islam ist das ja frei, man kann die Beschneidung vornehmen wann man will.
Man macht es meistens im Kindesalter, je früher, desto weniger schmerzhaft, desto weniger traumatisch. In den Medien wird das Wort“ Trauma“ sehr häufig verwandt in diesem Zusammenhang, weniger“ traumatisch“.
Ich hätte vorgehabt, wenn es ein Junge wird, es in den ersten Wochen nach der Geburt zu machen, da ist es am risikoärmsten und da ist das Traumarisiko gegen Null.

Der Schriftsteller Najem Wali aus Berlin-Kreuzberg hat eine ganz andere Erfahrung gemacht. Aufgewachsen ist er in Bagdad. Seine eigene Beschneidung hat er schon vor zwanzig Jahren in einem Roman verarbeitet. Najem Wali wurde erst in der Pubertät beschnitten.

Najem Wali
Alle Kinder von unseren Nachbarn, alle Kinder in der Schule waren beschnitten.
Als Kinder haben wir auf der Straße gespielt und gebadet, ich war einigermaßen stolz darauf, obwohl die Kinder mich angemacht haben: Eh, der ist noch unbeschnitten.“ Aber ich war stolz darauf, dass ich anders bin als die anderen. Ich war stolz auf diese Vorhaut, das war mein Privileg.

Doch mit 12 Jahren sollte alles anders werden. 

Najem Wali
Dann gingen wir an dem Abend zum Arzt Habe ich gefragt, ob der Arzt mich betäuben wird, sagte mir ja.
Aber der Arzt hat mich nicht betäubt, ich saß da auf der Liege, ich werde das Bild niemals in meinem Leben vergessen, hat mein Vater mich an den Händen gefasst und ein Kollege von ihm an den Füßen.
Und so hat der Arzt angefangen, die Vorhaut zu schneiden. Ich habe auch geschrien, obwohl der Arzt hat versucht, wie eine Art Waschlappen zwischen den Zähnen einzuschieben. Nicht damit ich nicht schreie, sondern damit ich nicht die Zunge beiße, aber trotzdem habe ich geweint.
Die Tränen waren überall, das war für mich, wie ich gesagt und geschrieben habe, die erste Erfahrung mit Folter.

In der Regel werden muslimische Kinder deutlich früher beschnitten. Das Fest danach ist der große Tag im Leben eines muslimischen Jungen. Von diesem Tag an gilt der kleine Prinz als Mann.
Das Kölner Landgericht hat die Beschneidung im Fall eines vierjährigen Jungen als rechtswidrige Körperverletzung gewertet. Die Reaktionen auf das Urteil sind sehr unterschiedlich.
Familie Ucar in Berlin-Rudow bleibt gelassen:

Alparslan Ucar
Ich hatte nicht das Gefühl, dass es islam- oder judenfeindlich wäre. Ich habe die Medien verfolgt und war der Auffassung, dass da schon eine Plausibilität dahinter steckt. Andererseits, ich bin da zwiegespalten, auf beiden Seiten.
Kindeswohl steht natürlich an oberster Stelle, wobei ich sagen muss, dieser Eingriff hat wenige Risiken. Die ganze Debatte dreht sich um weniger als ein Quadratzentimeter Haut.

Und dieses kleine Stückchen Haut muss dran glauben, aber nur, wenn der Nachwuchs von Familie Ucar tatsächlich ein Junge ist.

Beitrag von Margarethe Steinhausen

Dieser Text gibt den Sachstand vom 04.08.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Die Beschneidungsdebatte aus türkischer Sicht

(Artikel in fr-online)

www.fr-online.de/meinung

Deutsch-türkische Nachrichten zum Thema

Interview mit dem Strafrechtler Professor Dr. Holm Putzke

www.deutsch-tuerkische

Muslime müssen offener diskutieren

(Artikel in DIE WELT)

www.welt.de/debatte

Beschneidung und islamische Identität

(TAGESSPIEGEL-Thema)

www.tagesspiegel.de/themen

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/himmelunderde/archiv/himmel_und_erde_vom5/beschneidung_____.html

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