Helga Bansch: Amelie und der Fisch; Montage: rbb

Ab 4 Jahre - Helga Bansch: "Amelie und der Fisch"

Eine bewegende Parabel auf die Frage nach Besitz und Freiheit.

Das Meer ist so groß, so fremd, findet die kleine Amelie, als sie am Strand sitzt und vorsichtig einen Fuß ins Wasser taucht. Ihr Kuscheltier, die Ente, sitzt neben ihr und taucht auch vorsichtig den Fuß ins Wasser. Doch was ist das? Ein Fischlein knabbert an Amelies Fuß – und weckt deren Neugier und Mut. Amelie überwindet ihre Ängste und spielt bald ausgelassen mit dem Fisch im Wasser. Warum nur schwimmt er abends fort? Können sie nicht immer zusammen sein? Am liebsten würde Amelie den Fisch ganz für sich haben. Kurz entschlossen fängt sie ihn in einem Glas und stattet es fürsorglich mit Meerwasser, Muscheln und Futter aus. Aber der Fisch lässt die Flossen hängen, alle Lebensfreude ist dahin.

Helga Bansch erzählt und illustriert eine bewegende Parabel auf die Frage nach Besitz und Freiheit. Im Text kein Wort zu viel, im Bild schnörkellos, das Thema existenziell: Junge Betrachter sehen, wie hier ein Kind ihres Alters die erste eigene Gewissensprüfung durchlebt und alleine zu einer Lösung kommt. Amelie muss sich zwischen eigenem und fremdem Bedürfnis entscheiden. Sie entscheidet sich für das Glück des Fisches. Der bleibt ihr ungleicher Freund, mit dem sie aber die Freude am Wasser teilen kann. Bansch wählt wieder eine schlichte Gestaltungsweise, die Bleistiftzeichnungen sind blau, blaugrau, türkis koloriert, die Bilder reduziert aufs Wesentliche, da ist nichts gefällig oder kitschig-kindlich. Sie verzichtet in Wort und Bild auf eine Moral der Geschicht', sondern lässt die Handlung einfach für sich sprechen. Besonders gelungen ist der Kunstgriff, die kleine Ente als treue Gefährtin zu zeigen. Zum einen liefert sie einen humorvollen Unterton zum ernsten Stoff; zum anderen wird sie zum perfekten Bindeglied zwischen Gesagtem und Ungesagtem. Amelies Emotionen spiegeln sich in ihr verstärkt wider. Ist sie traurig, hängt der Kopf der Ente noch tiefer. Freut Amelie sich, planscht die Ente wild vor Übermut neben ihr. Und als sich am Ende alles zum Guten fügt und Amelie und der Fisch ihre Freundschaft austariert haben, da beäugt die Ente sehr interessiert den lustigen Hummer neben sich …

Sonja Kessen, kulturradio