Brücke, Quelle: rbb

- Eine Brücke ins Nirgendwo

400 Einwohner leben in Coschen an der deutsch-polnischen Grenze, rund 100 in Zytowan auf der anderen Seite der Neiße. Nun soll eine Brücke zwischen beiden Dörfern gebaut werden - für fünf Millionen Euro. Warum, weiß keiner so genau. Das scheint aber auch egal - schließlich bezahlt die EU den größten Teil.

Anmoderation
“Eine gern benutzte Floskel von Politikern ist die vom ‚Brücken bauen’: Brücken dienen der Verständigung heißt es immer und deshalb sind Brücken immer erst mal grundsätzlich gewollt! Anders im kleinen brandenburgischen Coschen an der Grenze zu Polen. Der geplante Bau einer Brücke über die Neisse sorgt hier bei den Bürgern für reichlich Widerstände. Zu recht, findet Andre Kartschall.“

Hier an der Neiße soll Europa zusammenwachsen: Eine Brücke zwischen Deutschen und Polen, ein Bauwerk mit Symbolkraft. Oder einfach nur Geldverschwendung, wie die meisten Coschener zu glauben scheinen. Alle fragen sich dasselbe.

Bürger
"Ja, wozu braucht Coschen ne Brücke?"
"Keine Ahnung."
"Um Fördermittel abzugreifen."
"Nee, wir brauchen die nicht."
KLARTEXT
"Warum baut man dann diese Brücke?"
Bürger
"Weiß ich doch nicht."

Ja, warum baut man eine Brücke zwischen dem 350-Seelen-Dorf Coschen und dem 130-Einwohner-Nest Zytowan? Und das, obwohl es nur acht Kilometer südlich, in Guben, gleich zwei Brücken gibt? Eine für Autos und eine für Fußgänger.

Bürger
"Da muss doch irgendjemand vom Amt dahinter stecken."

Stimmt. Das Amt ist die Kreisverwaltung Oder-Spree, der Bauherr für die Brücke. Der Landrat will die Verbindung unbedingt.

Manfred Zalenga
Landrat Oder-Spree

"Um schneller zu unseren Nachbarn zu kommen, um die Regionen im, sagen wir mal, beschränkten Rahmen wirtschaftlich weiter zu entwickeln, um touristische Infrastruktur, die es beiderseits der Oder gibt, zu vernetzen."

Die touristische Infrastruktur muss auf der polnischen Seite allerdings größtenteils erst noch gebaut werden. Die Planungen sehen Großes vor.

Kazimierz Nowicki
Ortsvorsteher Zytowan

"Natürlich eine Tankstelle. Das ist der Plan. Und da vorne einen Erlebnisbauernhof für Touristen. Von einem privaten Investor. Und dazu ein großes Einkaufszentrum, auch privat. Vom Waldrand bis hierher soll alles bebaut werden."

Ob die Brücke wirklich dazu führt, dass massenhaft deutsche Touristen diese Bauten auf polnischer Seite nutzen, ist ungewiss. Der deutsche Landrat jedenfalls warnt vor allzu großen Hoffungen.

Manfred Zalenga
Landrat Oder-Spree

"Der Optimismus, den der polnische Bürgermeister da verbreitet, den halte ich also für leicht überzogen, ganz freundlich gesprochen."

Eine teure Brücke ja, aber bitte ohne damit große Hoffnungen zu verknüpfen... Diese Widersprüchlichkeit des Landrats hat einen guten Grund: Denn die Planungen für die Brücke stammen aus den frühen 90er Jahren. Damals hoffte man noch auf einen Wirtschaftsboom in der Region – und auf 1.000 Fahrzeuge, die täglich über die Brücke rollen sollten. Doch die Jahre vergingen, der Boom blieb aus, die Brücke wurde nie gebaut – die Verkehrsprognose blieb die gleiche. Aktualisiert wurde jedoch die Kostenschätzung: statt 3,5 sind es mittlerweile 5,2 Millionen Euro.

Manfred Zalenga
Landrat Oder-Spree

"Weil wir damals natürlich vor zehn Jahren mit Preisen aus den entsprechenden Jahren 92, 93 gerechnet haben. Und dass wir in der Zeit ne dramatische Kostenentwicklung hatten, merken wir an allen Stellen."
KLARTEXT
"Wurden die neuen Kosten denn einer erneuten Kosten-Nutzen-Rechnung unterzogen?"
Manfred Zalenga
Landrat Oder-Spree

"Äh, ick sage jetzt mal, mit Sicherheit nicht."

Trotzdem soll jetzt gebaut werden. Der Grund ist einfach: es gibt Fördermittel von der EU! Sie übernimmt 85 Prozent der Kosten. Da scheint die Frage nach dem Sinn zweitrangig.

KLARTEXT
"Wir haben eine Brücke 8 Kilometer weiter südlich …"
Manfred Zalenga
Landrat Oder-Spree

„Ja."
KLARTEXT
"… wir haben eine Verkehrsprognose für Coschen, von der wir nicht wissen, ob sie stimmt …"
Manfred Zalenga
Landrat Oder-Spree

"Richtig."
KLARTEXT
"… und wir haben ne Brücke, die immer teurer wird, jetzt 5,2 Millionen - und das wurde nicht mehr einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterzogen …"
Manfred Zalenga
Landrat Oder-Spree

"Richtig."
KLARTEXT
"Sind sich wirklich noch sicher, dass diese Brücke Sinn macht?"
Manfred Zalenga
Landrat Oder-Spree

"Ja!"
KLARTEXT
"Okay."
Manfred Zalenga
Landrat Oder-Spree

"Hundertpro!"

Und so wird die Brücke wohl tatsächlich kommen. Landkreis und EU machen's möglich. Auch wenn sogar der Ortsvorsteher von Coschen nicht glaubt, dass diese Brücke hier gebraucht wird.

KLARTEXT
"Könnte man mit den fünf Millionen nicht irgendwie was anderes anfangen?"
Edmund Henze
Ortsvorsteher Coschen

"Selbstverständlich kann man das. Selbstverständlich kann man das. Aber ich sage, Kosten-Nutzen-Ermittlung wird hier … das gibt nie ein positives Ergebnis."
KLARTEXT
"Trotzdem baut man die Brücke."
Edmund Henze
Ortsvorsteher Coschen

"Trotzdem baut man sie."

Abmoderation
“Tja, ein Irrsinn: Was so alles in deutschen Amtsstuben ausgeheckt wird...“

 

Beitrag von André Kartschall

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