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Berlin hat inzwischen das schärfste Spielhallengesetz in Deutschland. Doch die strengen Auflagen bringen nur wenig - die Zahl der Spielsüchtigen in der Hauptstadt wächst und auch die Spielautomaten werden nicht weniger. Der neuste Trick der Spielautomaten-Aufsteller heißt nun „Cafe-Casinos":
Anmoderation
“Vielen sind sie ein Dorn im Auge: Die zahllosen Spielhallen und Casinos, die sich in Berlin überall ausbreiten. Deshalb hatte der Senat eigentlich vor zwei Jahren ein Gesetz zur Eindämmung der Spielhallen verabschiedet – das bisher schärfste Gesetz dieser Art in Deutschland! Doch was hat es gebracht, hat mein Kollege Helge Oelert nachgefragt. Offenbar nicht besonders viel!“
Daniel Buchholz (SPD)
Mitglied des Abgeordnetenhaus
"Wir stehen hier vor einem Einkaufszentrum, hier war mal eine Disko, jetzt ist hier eine Spielhalle … ein paar Straßen weiter, eine Spielhalle … in der Nebenstraße eine Spielhalle …und als hätten wir noch nicht genug im Kiez, hier eine Sechser-Spielhalle."
Casinos erobern unsere Stadt, jeder frei werdende Raum scheint binnen kürzester Zeit mit billigem Las-Vegas-Trash zugewuchert. Goldgräberstimmung unter den Betreibern, denn Automaten schaffen sich ihre Nachfrage quasi selbst: immer mehr Menschen werden spielsüchtig – zur Zeit rund 38.000 in Berlin. Und auch wer selbst nicht anfällig für das fortwährende Geblinke und Gepiepe ist, hat schon einen Kater vom omnipräsenten Spielrausch.
Passant
"Das ist einfach zu viel, im Umkreis von 500 Metern gibt es mindestens sechs Spielhallen…"
Dass sein Kiez Siemensstadt immer weiter zum Glücksspieleldorado wurde, wollte Daniel Buchholz nicht mit ansehen – und initiierte vor zwei Jahren ein neues Spielhallengesetz für Berlin. Bis auf die FDP mit ihrem wirtschaftspolitischen Sprecher Martin Lindner stimmten alle Parteien zu. Seit 2011 hat Berlin jetzt das restriktivste Gesetz dieser Art.
Daniel Buchholz (SPD)
Mitglied des Abgeordnetenhaus
"Neue Spielhallen gehen nur noch, wenn 500 Meter zu einer bestehenden eingehalten werden. Wir haben die Öffnungszeiten drastisch eingeschränkt. Wir machen härte Vorgaben, dass der Besitzer wie auch alle Mitarbeiter überhaupt mal einen Spielsüchtigen erkennen müssen. Wie auch andere Vorgaben. Wir haben auf Landesebene das mit Abstand schärfste Spielhallengesetz geschaffen."
Sechs Richtige also für die Landesebene. Doch wer heute Berlins Straßen sieht, merkt schnell – gelöst hat dieses neue Gesetz das Problem bisher nicht. Im Gegenteil: die Spielautomatendichte scheint höher denn je.
Kazim Erdogan
Aufbruch Neukölln
"Bisher habe ich keine Kenntnisse darüber, dass das Wirkung gezeigt hat, das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein."
Kazim Erdogan hat den Aufbruch Neukölln gegründet und kümmert sich um Spielsüchtige. Migranten sind besonders anfällig für diese Krankheit, weshalb die Glücksspielindustrie gerade ihre Nähe sucht.
Kazim Erdogan
Aufbruch Neukölln
"Ich habe mal 95 Spielhallen und Wettbüros gezählt alleine in der Karl-Marx-Straße. Wenn die Kinder morgens aus den Häusern kommen und dann diese einladenden Lichter sehen, das ist doch klar, dass das Auswirkungen auf unsere Kinder haben wird, dass die sehr, sehr gefährdet sind."
Besonders problematisch: Gaststätten und Cafés setzen, um Gewinne zu machen, ebenfalls immer mehr auf Automaten, obwohl sie rechtlich keine Spielhallen sind. Während Spielhallen vom Landesgesetz reguliert werden, fallen die anderen Spielstätten in die Zuständigkeit des Bundes. Genauer gesagt unter die Spielverordnung des FDP-Wirtschaftsministers. Und dort gibt es bislang kaum Auflagen. Wer maximal drei Automaten aufstellen will,
- muss keine 500 Meter Abstande halten und
- muss keine acht Stunden schließen
- und hat auch sonst wenig Beschränkungen.
Und es gibt noch eine Gesetzeslücke, die das Problem verschlimmert: Um so genannte "erlaubnisfreie Gaststätten" zu betreiben braucht man seit 2005 – zum Ärger der Polizei – nicht mal mehr eine Genehmigung.
Stephan Strehlow
Landeskriminalamt Berlin
"Ursprünglich war ja die Einrichtung 'erlaubnisfreie Gaststätte' für den Friseur, Bankberater oder auch den Notar, der seinen Kunden eine Tasse Kaffee geben wollte. Das wäre früher eine 'Schankbetrieb gleichkommende Handlung'. Also hat man gesagt, damit der das legal machen darf, wird die 'erlaubnisfreie Gaststätte' als Begriff geschaffen. Viele haben dann aber erkannt, dass das nicht auf diese Gewerbe und Dienstleister beschränkt ist."
Und so erklärt, wer ohne viel Kontrolle Glücksspiel betreiben will, seinen Laden einfach zur „erlaubnisfreien Gaststätte" – und schon kann er drei Automaten aufstellen. Café-Casinos werden diese quasi unregulierten Spielhallen genannt.
Stephan Strehlow
Landeskriminalamt Berlin
"Inzwischen ist es so, dass es mehre Unternehmen gibt, die ihr Geschäftsziel so deutlich darstellen, dass sie nur noch einen Getränkeautomaten in der Ecke stehen haben und ganz eindeutig sagen ‘Ich bin eigentlich nur an den Umsätzen aus den Spielautomaten interessiert."
Und wer gerne mehr als nur drei Automaten aufstellen will, der zieht durch seinen Laden einfach eine Rigipswand, macht die Hintertür zum zweiten Eingang und deklariert beide Ladenteile als eigenständigen Gaststätten – und schon darf er an sechs Automaten kassieren.
Solch ein Casino-Café ist Bilal O. zum Verhängnis geworden.
Spielsüchtiger
"Die Hauptgefahr geht wirklich von diesen Imbissbuden und diesen Cafés und so weiter aus. Irgendwann sagt man sich 'Schmeißt du mal einen Groschen rein'. Aus dem Groschen wurde dann ein Euro, aus einem wurden 10 Euro und dann ging’s so weiter.”
Was unspektakulär beginnt, wird schnell zum Lebensinhalt. 10.000 Euro verspielte der Harz-IV-Empfänger innerhalb eines Jahres – wie alle Spieler besessen von dem Ziel, bereits erlittene Verluste irgendwie wieder wett zu machen.
Spielsüchtiger
”Ich habe meine Miete verspielt, ich habe das Kindergeld verspielt – ich kriegte ja noch Unterhalt – dann hab ich zum größten Teil meine Sachen zuhause verkauft, Fernseher, Videorekorder, DVD-Player, Kameras. Irgendwann bekam ich Druck vom Jugendamt, weil ich meine Kinder sehr viel vernachlässigt habe. Und da hab ich dann gesagt 'Jetzt reicht's'.”
Und inzwischen ruiniert die Spielsucht nicht nur die Betroffenen und ihre Familien, sondern ganze Kieze. Das spüren sogar diejenigen, die selbst in Café-Casinos arbeiten. Vor unserer Kamera geben einige zu, dass sie sich eigentlich sogar wünschten, die Automaten würden ganz und gar verboten.
Tevrat Avcibas
arbeitet selbst im Café-Casino
”Die geben den Kindern nichts zu essen, sondern gehen an den Spielautomaten –
dafür haben die immer Geld. Deswegen will ich, dass der deutsche Staat alle Automaten wegschafft. Von jeder Ecke. Von jedem Laden. Jeder soll vernünftig arbeiten und vernünftig leben. Solange die Automaten da sind, lebt keiner richtig."
Doch bis heute scheinen manche Politiker zu glauben, der Staat sollte vor allem die Freiheit derjenigen schützen, die mit dem Glücksspiel Geschäfte machen.
Beitrag von Helge Oelert






