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Acht Minuten und nicht länger: Innerhalb dieser Zeit sollte ein Rettungswagen jeden Hilferufenden in Berlin erreicht haben. Doch nur jeder zweite Einsatzwagen der Berliner Feuerwehr schafft diese Hilfsfrist. Die Hilfsorganisationen könnten und würden gerne helfen. So viel Hilfe ist der Berliner Feuerwehr offenbar dann doch zu unheimlich: Über einen zynischen Streit, bei dem der Patient buchstäblich auf der Strecke bleibt.
Anmoderation
Wer in Berlin bei einem Notfall darauf wartet, dass der Rettungswagen der Feuerwehr schnell kommt, muss vor allem eines: Hoffen! Denn nur die Hälfte aller Rettungsfahrzeuge schafft es innerhalb der vorgeschriebenen acht Minuten zum Einsatzort! Aus einem einzigen Grund: Es gibt zu wenig Personal und zu wenig Fahrzeuge. Dabei gäbe es eigentlich eine ganz einfache Lösung des Problems.... Ute Barthel mit Hintergründen.
Alarm im Feuerwehrstützpunkt Rummelsburg. Die beiden Rettungsassistenten fahren zu einem Notfall, Verdacht auf Herzinfarkt. Der Einsatzort ist zum Glück nicht weit entfernt und so sind die beiden schon nach vier Minuten da und können rechtzeitig helfen.
Das ist nicht immer so, denn jeder zweite Rettungswagen kommt in Berlin verspätet. Für den Patienten kann es aber um Leben und Tod gehen, sagt Notarzt Jörg Beneker vom Unfallkrankenhaus Marzahn. Denn für Patienten, die zum Beispiel einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten haben, zählt jede Minute.
Jörg Beneker
Vorsitzender AG Notarzt Berlin
"Es kann dazu kommen, dass bleibende gesundheitliche Schäden entstehen, die man verhindern könnte durch schneller sein. Es könnte sein, dass man eben gar nicht mehr das eigentliche Problem behandeln kann, wenn man beim Schlaganfall zu spät kommt oder dass der Patient im schlimmsten Fall einfach stirbt."
Deshalb fordert der Notarzt mehr Einsatzwagen für den Rettungsdienst. Denn die Zahl der Notfälle steigt in Berlin stetig an. Eigentlich sollen die Retter in acht Minuten bei dem Patienten sein und nur ein Viertel der Rettungswagen darf sich verspäten. Tatsächlich ist es aber mehr als die Hälfte. Und deshalb schlägt nun auch die Feuerwehrgewerkschaft Alarm:
Micha Quäker
Deutsche Feuerwehrgewerkschaft
"Wir haben bisher immer das Glück gehabt, dass es noch keine Toten zu beklagen gibt. Aber eben auch der Bevölkerungsdurchschnitt, Altersdurchschnitt wird höher. Und die Einsätze die wir fahren, werden auch tatsächlich intensiver, also auch vom Krankheitsbild her. Es ist schon davon auszugehen, dass früher oder später der ein oder andere Bürger leider tödlich auf der Strecke bleiben wird."
Gewerkschaft und Feuerwehr fordern mehr Personal. 264 Feuerwehrleute mehr. Doch vom Innensenator gibt es für die nächsten zwei Jahre nur 80 zusätzliche Stellen. Dabei gibt es das nötige Fachpersonal schon längst. Zum Beispiel bei den Hilfsorganisationen, wie dem Deutschen Roten Kreuz. Das DRK verstärkt die Feuerwehr schon heute auf fünf Rettungswachen und ist auch zu noch mehr Hilfe bereit.
Volker Billhardt
Deutsche Rotes Kreuz
"Wir haben schon mit der Feuerwehr gesprochen und haben das mit angeboten, aber da haben wir noch keine Resonanz gehört zu unserer Bereitschaft, mehr Wachen zu übernehmen."
KLARTEXT
"Warum sind die so reserviert? Wie erklären Sie sich das?"
Volker Billhardt
Deutsche Rotes Kreuz
"Die Feuerwehr verfolgt nach unserer Ansicht eine eigene Linie und möchte eine sehr starke Feuerwehr, am liebsten ohne Hilfsorganisationen haben. Das sehen wir in einem Widerspruch zum Rettungsdienstgesetz Berlin, das ja die Feuerwehr zwar mit der Kernaufgabe bedient, aber auch den Hilfsorganisationen wie dem DRK die Möglichkeit gibt, in der Notfallrettung mitzuwirken."
Sogar in der Koalitionsvereinbarung des Berliner Senats steht das so drin, Zitat:
"Wir streben an, die Einhaltung der vereinbarten Eintreffzeiten zu verbessern, ggf. unter Einbeziehung der Hilfsorganisationen."
Doch warum wird das nicht getan?
Offensichtlich geht es um einen Verteilungskampf zwischen Feuerwehr und Hilfsorganisationen. Es geht um Geld. Denn jede Fahrt wird einzeln abgerechnet. Auf einer Wache mit vielen Einsätzen in der Innenstadt nimmt die Feuerwehr also mehr Geld ein, als auf einer Wache mit wenig Einsätzen am Stadtrand.
Der oberste Feuerwehrmann von Berlin will deshalb nicht so viel von seinen Monopol im Rettungsdienst abgeben.
Wilfried Gräfling
Landesbranddirektor
"Es kann nicht sein, dass wir die Bereiche versorgen müssen, die in Anführungsstrichen unlukrativ sind und also die hohe Kosten hervorrufen und dass die Privaten oder die Hilfsorganisationen die Stützpunkte oder die Flächen übernehmen, wo man gutes Geld verdienen kann."
Der Innensenator muss entscheiden, ob die Hilfsorganisationen mehr am Rettungsdienst beteiligt werden. KLARTEXT wollte ihn bei einem Wettbewerb des DRK zum Thema Rettungsdienst interviewen. Doch der Senator lehnte ab.
Stattdessen haben wir einen Termin mit dem Staatssekretär. Der will nicht, dass die Hilfsorganisationen die Feuerwehr aus dem Rettungsdienst verdrängen.
Bernd Krömer (CDU)
Staatssekretär Senatsverwaltung für Inneres
"Es kann nicht sein, dass sich die Hilfsorganisationen nur Rosinen rauspicken, also die hoch frequentierten Strecken oder Wachen und die Feuerwehr sich dann die anderen Bereiche nimmt."
Von wegen Rosinenpicken: Das DRK widerspricht der Behauptung von Feuerwehr und Staatssekretär. Der Geschäftsführer stellt klar.
Volker Billhardt
Deutsche Rotes Kreuz
"Wir wären bereit, die Aufgaben, die die Feuerwehr in den Randbereichen, übernimmt genauso zu übernehmen wie die Berliner Feuerwehr, auch dort auf wenig frequentierten Wachen unsere Einsätze zu fahren."
KLARTEXT
"Das heißt, Sie können sich gar nicht die Rosinen rauspicken?"
Volker Billhardt
Deutsche Rotes Kreuz
"Bis jetzt konnten wir gar nichts picken, weil wir eine klare Struktur hatten, die Wachen waren vorgegeben von der Berliner Feuerwehr, die wir übernommen haben, damit gibt es auch keine Rosinenpickerei…"
Moment mal: Worum geht es hier: um die lukrativsten Wachen oder um die Rettung von Menschenleben? Befürchtet die Feuerwehr eine preiswertere Konkurrenz? Das DRK bekommt von den Kassen nur ein Entgelt von rund 140 Euro pro Einsatz. Die Feuerwehrgebühr ist hingegen mehr als doppelt so hoch. Rund 320 Euro. Allerdings sind darin zum Beispiel auch die Kosten für den Betrieb der Leitstelle enthalten.
Über die Höhe dieser Gebühr gibt es seit langem Streit mit den Krankenkassen. Man wisse nicht wirklich, wo das Geld genau hin fließt, werfen die Krankenkassen der Berliner Feuerwehr vor. Und dagegen haben sie auch schon geklagt.
Gabriele Rähse
AG der Krankenkassen
"Seit Jahren fordern die Krankenkassen hier eine Kostentransparenz. Wir kennen im Grunde nach nicht die dahinter liegende Bedarfsanalyse, haben aber Hinweise auf Auffälligkeiten und müssen im Sinne der Beitragszahler auf Wirtschaftlichkeit achten."
Es ist ein absurder Streit um Geld und Personal, der schon viel zu lange auf dem Rücken der Patienten ausgetragen wird.
Jörg Beneker
AG Notarzt Berlin
"Es geht auf die Kosten des Patienten, wenn man nicht eine Lösung findet mit mehr Fahrzeugen den Rettungsdienst zu verstärken."
Abmoderation
Und das geht offenbar nur, wenn sich der Senat gegen die Monopolinteressen der Feuerwehr durchsetzt.
Beitrag von Ute Barthel




