IHK Potsdam, Quelle: rbb

- Potsdam - IHK-Präsident unter Verdacht

IHK-Chef Victor Stimming ist ein mächtiger Mann. Er ist oberster Vertreter der Gewerbetreibenden des Landes Brandenburg. Die IHK als Körperschaft öffentlichen Rechts wird vom Wirtschaftsministerium beaufsichtigt und erhält viele staatliche Fördergelder. Doch IHK-Chef Stimming steht nun im Verdacht, dem Ansehen seines Amtes zu schaden.

Anmoderation
Die Industrie- und Handelskammer Potsdam ist ein mächtiger Verband: Rund 78.000 Unternehmen gehören ihm an. Die Mitgliedschaft ist für jeden Gewerbetreibenden in Brandenburg verpflichtend. Und so dürften wohl gerade kleinere Betriebe, die sich die Mitgliedsbeiträge mühsam abzwacken, erwarten, dass mit ihren Geldern besonders sorgsam umgegangen wird. Umso erstaunter sind daher viele, dass der IHK-Präsident einen offenbar wenig bescheidenen Führungsstil pflegt. Gabi Probst.

Das ist Victor Stimming, Präsident der Industrie- und Handelskammer Potsdam. Der 61-Jährige ist in guter Laune, er hat hohe Gäste eingeladen, auch mit guter Laune. Die Kulturministerin des Landes Brandenburg Sabine Kunst und den Oberbürgermeister Potsdam Jann Jacobs.

Anlass ist der erste Spatenstich für die Sanierung der Villa Carlshagen. Hier und auf dem angrenzenden 13.000 Quadratmeter großen Gelände in schönster Seelage soll künftig eine Stiftung zur Förderung von Fachkräften der IHK sitzen. Fünf Millionen Euro sollen dafür berappt werden. Fünf Millionen Euro aus Mitgliedsbeiträgen. Das findet Stimming gut angelegt. Auch hier ist er Präsident Stiftungspräsident.

Victor Stimming
Präsident IHK Potsdam

"Diese Stiftung für Fachkräfte wird in diesem Gebäude hier Platz nehmen künftig und wird hier ihre ganze Arbeit gestalten, aber auch hier Aus- und Weiterbildungskurse mit anbieten."
KLARTEXT
"Aber wie viel werden den hier sitzen?"
Victor Stimming
Präsident IHK Potsdam

"Rein von der Stiftung drei, vier Leute."

Nur drei, vier Verwaltungsleute nebst Präsident und Fortbildungsräumen auf rund 13.000 Quadratmetern. Ist das wirklich angemessen?

Kritische IHK-Mitglieder meinen, der Präsident wolle sich damit nur ein Denkmal setzen. Darüber hinaus würden Mitgliedsbeiträge, die übrigens Zwangsbeiträge sind, unnötig ausgeben werden.

Grundsätzlich Kritik an der Führung der IHK hat ein Mann, der 50 Jahre Geschichte der IHK mitschrieb. Hans Joachim Leue war Anfang der 90er Jahre selbst Präsident der IHK Potsdam. 1995 wurde er zu deren Ehrenpräsident gewählt. Er ist ein angesehener Mann, der sogar zu den Menschen Potsdams zählt, über die in Geschichtsbüchern berichtet wird. Der 73-Jährige legte vor einem Jahr, sein auf Lebenszeit berufendes Amt nieder. Vor allem wegen des heutigen Präsidenten Victor Stimmung und seines Führungsstils, sagt er.

Hans-Joachim Leue
ehem. Präsident IHK Potsdam

"Ich habe den Posten als Ehrenpräsident niedergelegt, weil ich nach grundlegenden mit mir sehr schwerfallenden Stunden zu der Überzeugung kam, dass ich die Politik, die in der Industrie- und Handwerkskammer Potsdam gemacht wird, nicht mehr mit vertreten kann. Ich hatte immer mehr das Gefühl bekommen, dass das Arbeitsklima in der Kammer nicht mehr so war, wie es hätte sein müssen und dann kam dazu, dass eine sehr autoritäre Führung für meine Begriffe dafür verantwortlich war."
KLARTEXT
"Wie meinen Sie das?"
Hans-Joachim Leue
ehem. Präsident IHK Potsdam

"Das meine ich ganz einfach, dass durch Herrn Stimming die Regie doch ein bisschen zu hart war, so dass die Selbstständigkeit in den einzelnen Ressorts nicht mehr gegeben war."

Victor Stimming ist eigentlich ein ehrenamtlicher Präsident. Hauptgeschäftsführer René Kohl ist hauptamtlich für das tägliche Geschäft zuständig. Dafür hat Kohl zwei Sekretärinnen von der IHK, eine persönliche Referentin und rund 100 Angestellte, die bei der IHK beschäftigt sind. Und obwohl Präsident Stimmings Aufgaben vorwiegend repräsentative sind, genießt er Privilegien, die nicht nur wir hinterfragen.

Brandenburg an der Havel. Der Sitz der Firma HIB. Es ist Victor Stimmings Baufirma. Wir erfahren, dass hier eine Sekretärin für ihn arbeitet, die aber von den IHK-Mitgliedsbeiträgen bezahlt wird. Warum eigentlich, fragen wir uns?

Victor Stimming begründet dies mit dem enormen Aufwand und zahlreicher anderer Posten, die er für die IHK wahrnehme. Das könne er mit seiner Arbeit in der Baufirma schwer handhaben. Warum, fragen wir auch hier, hat er doch schließlich schon vor einem Jahre offiziell die Geschäftsführung seiner Firma an seinem Sohn übergeben, der auch nach außen die Baufirma geschäftlich und rechtlich vertritt.

KLARTEXT
"Aber ist das dann zulässig, dass die Sekretärin der IHK in Ihre Baufirma kommt und da arbeitet?"
Victor Stimming
Präsident IHK Potsdam

"Also ich kann es nicht möglich machen, dass ich mich bei jedem Verwaltungsakt hier her setze und die Post zum Beispiel bearbeite."
KLARTEXT
"Und ist das abgesegnet worden?"
Victor Stimming
Präsident IHK Potsdam

"Ja, das ist vom Präsidium so bestätigt gewesen."

Vom Präsidium bestätigt? Wohl nicht!

Sein Hauptgeschäftsführer René Kohl will uns zwar kein Interview geben, aber er schreibt
uns, dass er allein dem Präsidenten die Sekretärin der IHK zu gebilligt habe und dafür auch
zuständig sei. Er wolle ihn damit arbeitsmäßig entlasten.

Hat er ihm auch teure Dienstfahrzeuge wie einen Porsche oder einen Sportwagen von Mercedes, so ähnlich wie hier zu sehen, die auch gern mal rund 150.000 Euro kosten, zugebilligt? Keine Antwort. René Kohl erklärt nur, dass der Präsident momentan überhaupt keinen Dienstwagen fährt. Er selbst fährt offensichtlich auch gern große, teuere Wagen.

Und die Zusammengehörigkeit demonstriert man wohl selbst bei den Statussymbolen: Das
Kennzeichen des BMW: P-RK – wie René Kohl 333, der Präsident: P-334. Ex-Präsident Leue hat solche teuren Statussymbole nicht gebraucht. Ihm würde es gegen die Ehre gehen, Mitgliedsbeiträge so zu verwenden, sagt er.

Hans-Joachim Leue
ehem. Präsident IHK Potsdam

"Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass das nicht im Sinne der Kammer ist. Das kann nicht sein, dass die Privilegien so groß werden, dass das Allgemeinwohl der Kammer zwar nicht infrage gestellt wird, aber doch darunter leidet und ich kann das auch nicht nachvollziehen. Da leidet auch der Name drunter. Und das geht einfach nicht."

So sieht das auch der Verwaltungsrechtler Professor Keßler, da die IHK eine Körperschaft des Öffentlichen Rechts sei und staatlich kontrolliert werde.

Prof. Jürgen Keßler
HTW Berlin
Arbeits- und Wirtschaftsrechtler

"Man kann nicht von ihm verlangen, dass er neben dem Ehrenamt auch noch die Schreibarbeiten macht. Aber das sollte dann doch bitte am Sitz der IHK geschehen und nicht im privaten Büro des Betreffenden."

Das IHK Büro-Gebäude, 150 Meter lang, hunderte Räume, wo angeblich – wie Präsident Stimming meint – heute kein Platz mehr für vier Mitarbeiter der Stiftung sei. Fertig gestellt wurde es 2002 für rund 25 Millionen Euro. Zum Teil auch aus Steuergeldern. Präsident Stimming soll im Zusammenhang mit dem Bau eine Prämie erhalten haben.

Hans-Joachim Leue
ehem. Präsident IHK Potsdam

"Er hat dafür auch eine Prämie bekommen. Wie hoch die jemals war, habe ich nie erfahren."
KLARTEXT
"Also eine Beraterprämie?"
Hans-Joachim Leue
ehem. Präsident IHK Potsdam

"Ja."
"Als Präsident."
KLARTEXT
"Ja, das geht doch gar nicht?"
Hans-Joachim Leue
ehem. Präsident IHK Potsdam

"Nee."

Hat Herr Stimming damals tatsächlich eine Prämie oder gar einen Beratervertrag erhalten? Trotz mehrfacher Nachfrage äußert er sich leider nicht dazu. Wir erfahren weiter, dass sein Sohn mit seiner Baufirma einen großen Bauauftrag für das IHK-Gebäude bekam. Präsident Stimming kann sich erst nicht so richtig erinnern.

KLARTEXT
"Und wer hat das gebaut damals?"
Victor Stimming
Präsident IHK Potsdam

"Verschiedene Firmen."

Wenig später sprechen wir ihn direkt auf den Sohn an und plötzlich erinnert er sich genau.

KLARTEXT
"Und was hat er gebaut für die IHK?"
Victor Stimming
Präsident IHK Potsdam

"Diesen hinteren Gebäudeteil."
KLARTEXT
"Also doch für die IHK."

Der Sohn Stimming ist wie gesagt Geschäftsführer und Gesellschafter in den Firmen seines
Vaters. Alles scheint also irgendwie in der Familie zu bleiben.

Prof. Jürgen Keßler
HTW Berlin
Arbeits- und Wirtschaftsrechtler

"Das ist mehr als ein Geschmäckle. Ich weiß jetzt nicht, ob die Gremien mit dieser Entscheidung befasst waren. Ich kann mir das aber nicht vorstellen."

Alles rechtens meint Geschäftsführer Kohl, es habe eine Ausschreibung gegeben und das Präsidium der IHK hätte das so entschieden. Vater Stimming sei bei der Sitzung nicht anwesend gewesen. Sein Sohn hätte das preisgünstigste Angebot gehabt. Ex-Präsident Leue war aber damals bei jeder Präsidiumssitzung dabei, sagt er. Er kann sich nicht erinnern, dass der Sohn Stimming die Ausschreibung gewann.

Hans-Joachim Leue
ehem. Präsident IHK Potsdam

"Dass die Firma Stimming das gebaut hat, das habe ich nicht gewusst."
KLARTEXT
"Aber eigentlich hätten die Präsidiumsmitglieder das wissen müssen?"
Hans-Joachim Leue
ehem. Präsident IHK Potsdam

"Ich weiß nicht, ob das andere wussten, also ich habe es nicht gewusst. Also ich kann mich nicht an eine Präsidiumssitzung erinnern, wo das also besprochen worden ist."

In einem Monat muss Präsident Stimming wieder vor seiner Vollversammlung stehen. Es wird Gesprächsstoff geben. Ex-Präsident Leue hat alles gesagt, bevor er ging.

Hans-Joachim Leue
ehem. Präsident IHK Potsdam

"Der Begriff des ehrbaren Kaufmanns ist leider gestorben. Unter diesem Titel möchte ich das mal so stehen lassen."

 

Beitrag von Gabi Probst

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