Junger Tschetschene, Quelle: rbb

- Tschetschenen - abgeschoben und doch wieder da

Tschetschenen machen den größten Teil der Asylbewerber in Berlin und Brandenburg aus, doch nur wenige von ihnen haben die Chance, hier geduldet zu werden. Die meisten tauchen unter oder - gleich nach der Abschiebung ins Einreiseland Polen - einfach wieder bei uns auf. Die offene polnisch-deutsche Grenze als Drehtür für Flüchtlinge.

Anmoderation, Teil 1
Vielleicht erinnern Sie sich: In der vergangenen Sendung haben wir über das Erstaufnahmelager für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt berichtet. Das platzt aus allen Nähten. Immer mehr Flüchtlinge, vor allem aus Tschetschenien, strömen über die deutsch-polnische Grenze. Viele fliehen aus der Heimat vor Verfolgung und Folterung in ihrer Heimat, sagen sie. Doch so manche, erfuhren wir, treiben offenbar auch andere Gründe nach Deutschland:

Tschetschene
"Hier gefällt es uns besser. In Tschetschenien ist die Lage eigentlich auch okay. Schulen, Versorgung und so – nur eben eine andere Variante davon als hier."

Anmoderation, Teil 2
Diese Aussage hat uns doch stutzig gemacht. Wir haben nachgefragt: Und siehe da: Über 95 Prozent der tschetschenischen Flüchtlinge werden nicht als Asylbewerber anerkannt und wieder abgeschoben. Und warum kommen sie trotzdem weiter zu uns? Und auf welchen Wegen? Adrian Bartocha und Olaf Sundermeyer waren auf Spurensuche.

Deutschunterricht für Flüchtlinge in Berlin. Die 20 Schüler kommen aus Somalia, Afghanistan und Syrien. Aber die größte Gruppe kommt aus Tschetschenien. So wie die Asylbewerber Magomed und Azamad. Seit fast einem Jahr warten sie auf eine Entscheidung.

Azamad J.
Asylbewerber

"Ich will hier bleiben, vor allem Deutsch lernen, Sport machen – und sicher leben."

Aus keinem Land kamen in diesem Jahr mehr Flüchtlinge nach Deutschland als aus Tschetschenien. Rund 13.000. Auch Azamad flüchtete mit der ganzen Familie. Warum sie die Heimat verlassen mussten, sagt er uns nicht. Aber auf welchem Weg.

Azamad J.
Asylbewerber

"Bis nach Weißrussland kam ich mit dem Zug, dann weiter nach Warschau. Von dort aus mit dem Taxi direkt nach Berlin."

Die Tschetschenen reisen zuerst von Grozny aus nach Moskau. Dann weiter nach Weißrussland. Als russische Staatsbürger dürfen sie das. Aber an der Grenze zur EU endet ihr Weg zunächst – bei den polnischen Behörden in Terespol. Dort bitten sie um Asyl.

Die meisten kommen mit der ganzen Familie. Die Geschichten, die wir hören, handeln von Folter und Repression. Aber überprüfen können wir sie nicht.

Tschetschene
"Im russisch-tschetschenischen Krieg kam ich erst für ein halbes Jahr in Gefangenschaft. Dann haben sie mich in ein sibirisches Straflager geschickt. Dort war ich sieben Jahre. Und guckt mich jetzt mal an! Dort habe ich 20 Kilo verloren. Die Russen haben uns gehasst."

Doch das Aufnahmeland Polen ist nur das Transitland der 13.000 Tschetschenen, die alleine in diesem Jahr hierher gekommen sind. Hier gibt es keine Residenzpflicht: Anders als in Deutschland können sich die registrierten Flüchtlinge im ganzen Land frei bewegen. Der polnischen Regierung ist klar, dass die Flüchtlinge weiter nach Westen wollen.

Ewa Piechota
polnische Ausländerbehörde

"Faktisch haben genauso viele Leute das Land wieder verlassen, wie her gekommen sind. Die meisten stellen einen Antrag auf Asyl nur, um innerhalb der EU weiter zu reisen. Wir haben auch keine rechtliche Handhabe, diese Leute festzuhalten. Das heißt, wenn jemand hier an der Grenze einen Antrag auf Asyl stellt, müssen wir diesen auch annehmen. In diesem Moment ist diese Person frei."

Und davon profitieren die Schlepper. Wie viel sie für die Weiterreise nach Berlin kassieren, erfahren wir von einer Tschetschenin. Sie will nicht erkannt werden.

Fatima K.
Asylbewerberin

"Es gibt Fahrer, die uns schon an der Grenze ansprechen."
KLARTEXT
"Und was kostet dann so eine Fahrt nach Berlin?"
Fatima K.
Asylbewerberin

"2.000 Euro – für eine Familie."

Auch wir fahren den Weg der Flüchtlinge nach. Auf der Autobahn in Richtung Deutschland. Gleich hinter der offenen Grenze wartet die deutsche Polizei. Wegen der vielen Flüchtlinge hat sie ihre Personenkontrollen zuletzt massiv verstärkt. Die Polizisten erzählen uns von zwei tschetschenischen Familien, die gestern bei der illegalen Einreise festgenommen wurden.

Jens Greifenhagen
Kriminalhauptkommissar

"Wenn die Personen verbracht werden zum Wohnheim Eisenhüttenstadt. Dort werden die Personen und Sachen übergeben, an das Personal, das sie übernimmt. Danach wird unsere Aufgabe beendet."

Doch nur jeder siebte wird auf diese Weise entdeckt. Nach dem Zufallsprinzip. Die allermeisten kommen durch. Wie diese Flüchtlinge. Mitten auf der Autobahn fragen sie uns nach dem Weg in die Hauptstadt.

Berlin. Das Ziel für viele Tschetschenen. Auch Azamad hat dieses Ziel erreicht. Vor einem Jahr kam er so nach Berlin.

Azamad J.
Asylbewerber

"Man hat uns irgendwo am Tiergarten rausgelassen. Dann haben meine Eltern Bekannte angerufen, und gefragt, was wir jetzt tun sollen. Die haben uns dann gesagt, wie wir zum Sozialamt kommen."

Dort hat er – wie schon in Polen – einen Asylantrag gestellt. In diesem Wohnheim wartet er seit Monaten auf die Entscheidung. Aber die Chancen, dass er in Berlin bleiben darf, stehen schlecht. Nicht einmal 2,5 Prozent der Tschetschenen werden hier anerkannt. Der Rest muss zurück. In das Land, das sie zuerst aufgenommen hat. Also nach Polen. 6.500 sollten es alleine in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sein. So will es das europäische Recht.

Aber die deutschen Behörden sind überlastet. Der Rechtsanwalt Bernward Ostrop hilft Tschetschenen, die sich dagegen wehren.

Bernward Ostrop
Rechtsanwalt

"Das ist ein großer Verschiebebahnhof. In diesem Dublin-Verfahren wird dann also sehr lange Zeit nur darum gestritten innerhalb der EU-Länder, welcher Staat zuständig ist. Dabei gibt es auch enge Fristen zur Überstellung, weil natürlich die Solidarität unter den EU-Ländern nicht besonders groß ist und jeder Staat versucht, einen anderen zuständigen Staat zu finden."

Die Flüchtlinge werden hier, an der Grenze, den polnischen Behörden übergeben. Aber die meisten tauchen vorher ab – oder sind krank.

Die wenigen, die tatsächlich zurück nach Polen gebracht werden, landen hier. In einem Waldstück bei Warschau. In diesem Jahr wurden bislang rund 600 Tschetschenen abgeschoben. Viele davon aus Berlin und Brandenburg.

Tschetschene
"Ganz früh heute Morgen haben die Polizisten laut an unsere Tür gedonnert. Meine Kinder und meine Frau haben noch geschlafen. Das war wie im Krieg."
Tschetschene
"Sie haben mich mit dem Bus zur Grenze gefahren, gaben mir meine Dokumente zurück und sagten: 'Jetzt kannst Du weiter, der Rest interessiert uns nicht.'"
Tschetschenin
"Bis an die Grenze haben sie mich gebracht. Ich weiß nicht einmal, wie der Übergang heißt."

Bald schon wird sich entscheiden, ob Azamad und seine Freunde in Deutschland bleiben dürfen. Wahrscheinlich müssen sie bald zurück. Ob sie es dann noch einmal versuchen?

Abmoderation
Übrigens haben wir zahlreiche zuständige Behörden auf deutscher Seite um ein Interview zu diesem Thema gebeten: von der Ausländerbehörde, über den Sozialsenator bis hin zum Bundesinnenminister – aber niemand wollte etwas dazu sagen.

Beitrag von Adrian Bartocha und Olaf Sundermeyer

 

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