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Aus Ruinen der sozialistischen Hauptstadt scheint 24 Jahre nach Mauerfall ein paternalistisch-denunziatorischer Geist wieder aufzuerstehen - Bürger werden aufgefordert, Falschparker zu fotografieren und ans Ordnungsamt (oder Straßensicherheitsbehörde, kurz: Strasi) zu melden, kapitalistische Werbung soll verboten und Kunst zensiert werden, um das offensichtlich für labil gehaltene Staatsvolk zu schützen...
Anmoderation
Manchmal muss man sich doch sehr wundern, was die Leute so antreibt: Vielleicht haben Sie es mitbekommen: In Berlin werden Bürger jetzt aufgefordert, Falschparker direkt ans Ordnungsamt zu melden! Lang lebe die Denunziation! Anderswo gab es ernstgemeinte Versuche, Nackte in der Kunst lieber nicht mehr zu zeigen, Ramadanfeste müssen sich umbenennen und kapitalistische Werbung soll verboten werden! Für meinen Kollegen Helge Oelert einfach nur Realsatire. Berlin im Herbst 2013 – durch die Stadt und ihren Zeitungswald geistern immer abstruser wirkende Geschichten von Verboten, Kontrolle und Bevormundung…
Fast könnte man meinen, die deutsche Hauptstadt befinde sich inmitten einer Wende rückwärts…
Und da droht aus Ruinen auch das zentrale Sprachrohr der DDR wieder aufzuerstehen…
Nachrichtensprecher
"Guten Abend sehr verehrte Damen und Herren. Pankow. Die friedliebenden Bürger rund um den Prenzlauer Berg sind aufgefordert, die Staatsorgane aktiv bei der der Erfassung und Dingfestmachung von kriminellen Elementen zu unterstützen.“
Mithilfe moderner Denunziationstechnik sollen wachsame Mitbürger in Zukunft asoziales Verhalten noch besser dem Amt für Straßensicherheit, kurz Stra-Si, melden können. So will unsere liebe Führung Beobachtungen der Mitwisser optimal nutzen, um Verwahrlosung und Anarchie einzudämmen.
Mit der neuen App kann der aufmerksame Nachbar dann also mit unseren freundlichen Überwachungskräften nach Lust und Laune um die Wette auskundschaften.
Ausschnitt
"Mach mit, mach’s nach, mach’s besser."
Nachrichtensprecher
"Friedrichshain-Kreuzberg. Während sich der Konsum von Cannabisprodukten durch die Einrichtung so genannter Coffeeshops weiter erleichtert werden soll, wollen die zentralen Kommunalgremien das Opium fürs Volk noch konsequenter aus dem Stadtbild verbannen.“
Die auf den ersten Blick harmlos erscheinenden Adventsfeste und Weihnachtsmärkte konnten als religiöse Agitation entlarvt werden. Die Bezirksverwaltung teilt mit, dass ab sofort "keine Genehmigung für Veranstaltungen mit Religionsgemeinschaften zur Selbstdarstellung im öffentlichen Raum" mehr erteilt wird.
Diese Frau hat ihr am so genannten Nikolaustag geplantes Fest nun als Winter(!)-Fest getarnt, verweigert sich aber der weitergehenden Umerziehung.
Karin Lücker-Aleman
"Ein Tannenbaum bleibt ein Tannenbaum und ein Engel bleibt ein Engel und wird keine Jahresendzeitfigur."
Offenbar hat die Mehrheit des Bezirks aber auf den Weg der ideologischen Tugend zurück gefunden und will auch der verbreiteten Markengläubigkeit jetzt den Garaus machen. Weg mit westlicher Konsumpropaganda und Außenwerbung fordern diese jungen Aktivisten.
Jan Korte
"Wir glauben, dass wir als mündige Bürger das Recht haben, nicht auf Schritt und Tritt von Werbung behelligt zu werden. Deswegen sagen wir: Verbot ist Freiheitsgewinn."
Die Kader des demokratischen Avantgardebezirks zeigten sich begeistert über das Engagement und signalisierten Wohlwollen für die Verbotsidee.
Mann
„Ich fand das war schon immer ein großes Problem, diese Kommerzialisierung."
Ist es ein Wind des Wandels, der durch Berlin weht – und wenn ja, haben wir eine Chance, ihn zu stoppen?
Abmoderation
Na, das wollen wir doch ganz stark hoffen…
Beitrag von Helge Oelert






