Windräder / Quelle: rbb

- Energiewende - Im Osten teurer als im Westen

Die Energiewende bezahlt der Verbraucher, so heißt es immer. Doch nicht alle Verbraucher sind gleich. Den Osten Deutschlands kommt die Energiewende teurer zu stehen.

Anmoderation
Zwei Drittel der Deutschen stehen nach wie vor hinter der Energiewende. Die Frage ist nur: Wer bezahlt sie am Ende? Dass wir alle mit steigenden Strompreisen rechnen müssen, ist wohl klar. Was aber die wenigsten wissen: Die Menschen im Osten müssen schon heute deutlich mehr für die Energiewende zahlen als die Menschen im Westen! André Kartschall erklärt, warum.

Brandenburg: Vorreiter der Energiewende. Regelmäßig gewinnt das Land Preise, weil es sich für Erneuerbare Energien engagiert. Besonders bei Windanlagen liegt man ganz weit vorn, mehr Windräder als hierzulande gibt es nur in Niedersachsen. Doch Brandenburgs Erfolg hat eine Kehrseite. Nur mitbekommen hat das bislang kaum jemand.

Das Problem ist folgendes: Überall dort, wo es viele Windräder gibt, müssen auch viele Stromleitungen gebaut werden. Aber die Kosten dafür werden – anders als bei der EEG-Umlage – nicht deutschlandweit, sondern regional umgelegt: im Strompreis versteckt als Netzentgelt.

Das Ergebnis: Der Osten ist rot – sprich: teuer. Der Rest der Republik zahlt geringere Netzentgelte.

Ein Phänomen, das bislang eher Experten geläufig ist. Prof. Georg Erdmann von der TU Berlin ist einer von ihnen.

Prof. Georg Erdmann
Technische Universität Berlin

"Es wird nicht wahrgenommen. Wir haben die Wahrnehmung, dass die allgemeinen Kosten für die Erneuerbaren Energien deutlich gestiegen sind, das wird wahrgenommen und international und deutschlandweit diskutiert, aber die Tatsache, dass in den Neuen Bundesländern noch ein zusätzliches Problem existiert, wird eigentlich bisher nicht diskutiert, da müssten schon die Bürger in den Neuen Bundesländern lauter aufschreien."

Denn von allein werden die Preise nicht sinken: In Ostdeutschland kommen zwei Faktoren zusammen: hier gibt es besonders viele Wind- und Solaranlagen – und besonders wenige Menschen, die für die notwendigen Stromtrassen bezahlen.

Ausnahme Berlin: hier gibt es exakt ein Windrad, jede Menge Menschen und kurze Stromleitungen. Unterm Strich zahlt ein durchschnittlicher Haushalt in Brandenburg daher rund 100 Euro mehr Netzentgelte pro Jahr als in Berlin.

KLARTEXT
"Ist das nicht ungerecht?"
Prof. Georg Erdmann
Technische Universität Berlin

"Ja, natürlich, aber … was soll man dazu sagen, man muss dann eben versuchen, auf die Politik Einfluss zu nehmen, dass man diese Ungleichheit beseitigt. Aber da ja viele andere Probleme auch noch da stehen, muss man da ganz schon kämpfen, dass das geht."

Brandenburg aber hat schon gekämpft – und verloren. Bereits 2011 wollte die Landesregierung im Bundesrat gemeinsam mit Thüringen dafür sorgen, dass die Netzausbaukosten bundesweit umgelegt werden. Der Antrag scheiterte am Widerstand der Bundesländer, in denen die Netzentgelte jetzt noch billig sind.

Prof. Georg Erdmann
Technische Universität Berlin

"Sie sehen ja die großen Städte, da ist es nicht so schlimm, da sind immer so Löcher. Das heißt, es sind vor allem die Leute aufm Land. Und da ja die Leute aufm Land in den Neuen Bundesländern auf dem Land wenig durch Lobbygruppen vertreten werden – deswegen ist es vielleicht so."

Übrigens: Im Moment gäbe es noch einmal die Chance, die Netzentgelte doch noch gerechter zu regeln. Bei den Koalitionsverhandlungen im Bund ist die Energiewende ein wichtiges Thema. Umweltminister Altmaier behauptet, er wolle die Kosten der Energiewende gerecht verteilen. Auf unsere Interviewanfrage zum Thema „Netzentgelte" aber antwortete er nicht.

Beitrag von André Kartschall

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