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Im Stau zu stehen ist eine Alltagserfahrung für Menschen, die in Berlin Autos benutzen. Ist die Stadt einfach zu voll?
Ja, die Berliner. Es gibt ja böse Zungen, die behaupten, der Berliner an sich sei grundsätzlich muffelig und grantig. "Nich jemeckert is jenuch jelobt! " sei das höchste Lob, das ein Berliner vergeben könne. Tatsächlich wird viel gejammert in der Stadt, ein Dauerbrenner sind die ewigen Baustellen. Es ist nicht zu leugnen, kurz vor Jahresende wird auf Berlins Strassen jetzt noch mal richtig viel gebaut und geteert. Und das bringt ständig Staus und dichten Verkehr mit sich. Warum tut man den Autofahrern das eigentlich an? André Kartschall dazu.
Autofahrer in Berlin haben jeden Tag die Wahl: sich entweder durch den Stau im Zentrum oder über die Stadtautobahn zu quälen.
Autofahrer
„Ich wollte jetzt schnell was erledigen. Ich bleib stehen hier – wegen Stau.“
„Wir müssen sehen, dass wir schnell aus der Stadt raus kommen.“
„Katastrophe, es ist Katastrophe. Stau.“
Die A100 ist auch nach dem Ausbau bis nach Schönefeld ein Nadelöhr geblieben ...
… und Berlin-Mitte anscheinend zu einer einzigen Großbaustelle mutiert. Genau genommen sind es viele einzelne Baustellen, gern auch direkt nebeneinander gelegen. Kein Zufall, denn für manche von ihnen ist der Senat zuständig, für andere das jeweilige Bezirksamt. Das Problem: Die Behörden stimmen sich nicht ab, sagt der ADAC.
Jörg Becker
ADAC Berlin-Brandenburg
„Da fängt das Dilemma an: durch die Zuständigkeit bei Genehmigungsverfahren für Baustellen sprechen die Senatsverwaltung, also die zentrale Einrichtung, Verkehrslenkung Berlin und die Stadtbezirke einfach zuwenig miteinander. Seit mindestens zehn Jahren weisen wir gebetsmühlenartig Jahr für Jahr darauf hin, dass in dieser Organisation etwas verändert werden muss.“
Dabei ist es erst einmal gut, dass es die Verkehrslenkung Berlin überhaupt gibt. Sie soll dafür sorgen, dass der Verkehr flüssig bleibt. Doch selbst die rund 100 Mitarbeiter sind noch zu wenige für die vielen Baustellen und Staus. Nun soll nachgebessert werden, verspricht Berlins Staatssekretär für Verkehr. Es gibt vier weitere Stellen.
Christian Gäbler (SPD)
Staatssekretär für Verkehr Berlin
„Bei den aktuellen Einsparungen hätten wir da auch noch mal über zehn Stellen abbauen müssen. Das haben wir gesagt, das können wir nicht machen, stattdessen werden eben vier Stellen zusätzlich hingegeben. Und wir gehen davon aus, dass das tatsächlich jetzt auch ne Grundlage ist, wo man mit den Bezirken zusammen das auch hinkriegt.“
Doch auch vier neue Mitarbeiter dürften das Problem nicht lösen. Fast 100 größere Baustellen gibt es auf Berlins Straßen. Den wohl schlimmsten Engpass, die U5-Baustelle Unter den Linden, wird es noch bis 2019 geben.
Und selbst wenn alle Baustellen auf einmal verschwinden sollten: Berlin wird nie wieder eine wirklich „autogerechte Stadt“ werden.
Die Zeiten, in denen die Grüne Welle das Maß aller Dinge war, sind längst vorbei. In den 80er und 90er Jahren noch ging es darum, Autofahrer so schnell wie möglich durch die Innenstadt zu bringen. Heutzutage gelten andere Verkehrsteilnehmer als wichtiger.
Jörg Becker
ADAC Berlin-Brandenburg
„Wir hatten in der auf allen großen Hauptverkehrsachsen in der Vergangenheit grüne Wellen. Es war aber politisch gewollt, diese Grünen Wellen zu unterbrechen im Interesse der Bevorrechtung des Öffentlichen Nahverkehrs.“
Folgerichtig wurde die Zahl der Busspuren in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht. Eine Entscheidung für den Öffentlichen Nahverkehr – und gegen den Pkw.
Jörg Becker
ADAC Berlin-Brandenburg
„Man ist übers Ziel hinausgeschossen, nicht. Durch die Vielzahl der Busspuren – und zwar Busspuren, wo wir mitunter 6 Busfahrten in eine Richtung haben pro Stunde, da versteht kein Mensch, warum hier eine Busspur sein muss.“
Der Zeitgeist in Berlin hat sich gewandelt. Der Senat sieht den so genannten „motorisierten Individualverkehr“ als Auslaufmodell – und sich selbst als Vorreiter einer zumindest grüneren Bewegung.
Christian Gäbler (SPD)
Staatssekretär für Verkehr Berlin
„Das ist ein gesellschaftlicher Prozess, den wir da beobachten, dass zum Beispiel die junge Generation gar nicht mehr so viel Wert aufs eigene Auto und das Auto als Statussymbol legt und ich muss an bestimmten Stellen, wo der Verkehrsraum knapp ist, eine Abwägungsentscheidung treffen und die muss ich an bestimmten Stellen für den ÖPNV treffen. Denn es kann nicht sein, dass ein Bus, der mit bis zu 100 Leuten besetzt ist, dann sozusagen im gleichen Stau steht, wie die Autos, die mit – wie gesagt – 1,2 Personen besetzt sind, im Durchschnitt.“
Nur, dass eben Tausende 1,2 Personen den Preis dafür bezahlen, dass der Öffentliche Nahverkehr schneller fahren kann. Was bleibt? Schwacher Trost.
Christian Gäbler (SPD)
Staatssekretär für Verkehr Berlin
„Im Vergleich zu anderen Städten wird in Berlin noch auf relativ hohem Niveau gejammert. Weil einen echten Stau, wie ihn Münchener oder Frankfurt jeden Tag erleben, das gibt’s in Berlin nur an wenigen Stellen und auch nicht rund um die Uhr.“
Also gilt: entweder auf hohem Niveau weiterjammern oder das Beste draus machen.
KLARTEXT
„Wie nutzen Sie denn den Stau?“
Autofahrer
„Private Gespräche.“
„Musik hören, telefonieren und essen.“
„Also macht Ihnen nüscht aus?“
„Ist in der Großstadt so, wa.“
Beitrag von André Kartschall





